Eine Stadt feiert und eine Frau sticht auf Mann ein - „Ich werde dein Kind verbrennen“

Pfingstvolksfest: Alle feierten und waren guter Laune, doch in einer Wohnung in der Innenstadt von Neustadt (Landkreis Kelheim) kam es zu einem blutigen Streit: Weil eine Mutter Angst um ihr kleines Kind hatte, stach sie auf einen Mann mit einem Messer ein und trat einen Polizisten bei der Festnahme gegen den Hals, obwohl mehrere Beamte versuchten, die Frau zu bändigen. Jetzt stand sie deshalb vor Gericht.
Wer die 36-Jährige bei der Verhandlung am Amtsgericht Regensburg erlebte, konnte sich nur wundern. Die schlanke, kleine Frau mit den blonden Haaren, die auf der Anklagebank saß, soll so viel Kraft aufgebracht haben, dass vier Polizisten nötig waren, um der Frau Handschellen anzulegen und am Boden zu halten? Um das zu verstehen, widmete sich die Kammer ausgiebig der Vorgeschichte jenes Samstagabends im Mai vorigen Jahres.
Mann zieht als Untermieter ein – Nachbarn erleben Streitigkeiten mit
Die 36-Jährige war seit kurzem Witwe, alleinerziehende Mutter, nachdem ihr Mann bei einem Unfall nahe Neuburg a.d. Donau ums Leben gekommen war. Daria R., die in einem Supermarkt in Neustadt a.d. Donau arbeitete, musste sich allein um ihren einjährigen Buben, der gerade laufen gelernt hatte, kümmern und für die Familie sorgen. Gemeinsam bewohnten sie eine Wohnung im Schwaigfeld. Wohl auch deshalb hatte sie einen Mann aus ihrer Heimat als Untermieter aufgenommen. So konnte sie die Miete leichter stemmen.
Dass die Situation nicht einfach für Daria R. war, hatten auch die Nachbarn bemerkt. Bereits an den Tagen vor der blutigen Auseinandersetzung kam, soll in der Wohnung der 36-Jährigen mehrfach lautstark gestritten worden sein, sagten sie später gegenüber der Polizei.
Mann drohte der Frau, ihr Kind zu verbrennen
Am 17. Mai 2024 eskalierte ein weiterer Streit. Angeblich, so gab das Opfer, Daniel J., bei der Polizei zu Protokoll habe man noch über einen gemeinsamen Kredit gesprochen. Dann, so die Angeklagte, soll Daniel J. gesagt haben: „Ich werde dein Kind verbrennen.“ Außerdem habe er die Mutter der 36-Jährigen und ihre Familie beschimpft. Als die 36-Jährige, die nach eigenen Angaben vier Bier getrunken hatte, und ihr Mitbewohner dann auch noch handgreiflich wurden, „und Daniel noch auf meinen Sohn losging“, der von dem Streit wach geworden und zu seiner Mutter geflüchtet war, war Daria R. nicht mehr zu stoppen. Sie griff sich ein Messer und stach es Daniel J. in die Schulter.
Eine Nachbarin, die zuvor gehört hatte, wie in der Wohnung Möbel umgefallen waren, Porzellan zerschlagen wurde und außerdem geschrien wurde, rief die Polizei. Ganz sicher war sich die Nachbarin, die ebenfalls aus Polen stammt, dass Worte wie „ich steche dich ab“ gefallen seien. Die Polizei schickte Beamte des Einsatzzuges, die an diesem Abend eigentlich für Ordnung beim Pfingstvolksfest sorgen sollten.
Festnahme eskalierte
Weil Daria R. aufs Klingeln an der Wohnungstür und auf Rufe nicht reagierte, brachen sie die Tür auf. Daria R. stand vor ihnen im Flur, hielt im einen Arm ihr Kind und mit der anderen Hand ein Telefon. Gerade hatte sie nämlich noch mit ihrer Mutter telefoniert. „Überall war Blut“, sagte ein Polizist vor Gericht aus. Die 36-Jährige sei äußerlich ruhig gewesen, das Opfer der Messerattacke habe „völlig apathisch“, so ein Polizist vor Gericht, auf einem Sofa gesessen: „Er reagierte auf Ansprache nicht.“
Als die Beamten der Frau daraufhin den Sohn abnahmen, um ihr Handschellen anzulegen, eskalierte die Situation an diesem Abend erneut. Trotz der Fesselung und obwohl drei, vier Polizisten versuchten, sie am Boden zu halten, wehrte sich die Frau. Mit einem Mal trat sie und traf einen der Beamten am Hals, der anschließend mehrere Tage dienstunfähig war. „Sie war aufbrausend und aggressiv“, sagte einer der eingesetzten Polizisten aus. Sowas habe er noch nicht erlebt. Und das alles nur, wie die Angeklagte mehrfach beteuerte, aus Sorge um ihr Kind. „Mein Sohn, mein Sohn“, erinnerte sich der Beamte, habe die 36-Jährige immer wieder gerufen. Der lebt jetzt, während sie in Haft ist, bei der Großmutter in Polen.
Fünf Wochen nach blutigen Streit: 36-Jährige bedroht anderen Mann mit Messer
Fünf Wochen nach dem blutigen Streit im Schwaigfeld sorgte die 36-Jährige erneut – und wieder zumindest angetrunken – für einen Einsatz bei der Polizei. Da, so die Staatsanwältin, sei sie mit einem Messer hinter einem Mann hergelaufen und habe den Mann bedroht. Wer der Mann war, ist nicht bekannt. Er soll vor dem Mehrfamilienhaus, in dem Daria R. wohnte, gestanden und sie möglicherweise herausgefordert haben.
Warum sie nicht einfach die Polizei gerufen habe, will der Vorsitzende Richter Daniel Killinger da von der Angeklagten wissen, dem so manche Ungereimtheiten aufgefallen sind. Kleinlaut sagt die: „Ich wollte ihm nur Angst machen.“ Ihr Verteidiger, Adam Zurawel aus Nürnberg, meint, sie sei eine „Kämpferin“.
Vor Gericht ist die 36-Jährige bemüht, sich zu entschuldigen. Sie habe die Drohungen ihres Mitbewohners „sehr ernst genommen“. Der war übrigens nicht zum Prozess erschienen. Seine Aussage in der Tatnacht war sehr widersprüchlich. Der Prozess ist noch nicht beendet.