Maria Bazin aus Neustadt wird 100 Jahre alt und hat dazu ihre eigenen Ansichten

Von Jochen Dannenberg · 16. August 2025 um 19:00

„Alt werden ist nur etwas für Mutige“, lautet eine Redewendung. Tatsächlich ändert sich vieles, wenn man älter wird. Aber wie ist es, wenn man nicht nur 70 oder 80 Jahre alt wird? Maria Bazin aus Neustadt a.d. Donau kennt sich aus. Sie ist Expertin im Altwerden und wird an diesem Sonntag 100 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!

Maria Bazin gehört zu jener Sorte Mensch, die nie die Welt erobern wollte, glücklich mit ihrer Heimat und den Möglichkeiten, die sie bietet, ist und dieses Leben , so wie es ist, genießt. Work-Life-Balance und ähnliche Maximen haben für sie nie gegolten. Stattdessen hat die Neustädterin ein Leben lang gearbeitet. Erst mit 90 Jahren hörte sie damit auf und sperrte den Uhren- und Schmuckladen, den sie einst mit ihrem längst verstorbenen Mann geführt hatte, zu und konzentrierte sich ganz aufs Privatleben in der Neustädter Altstadt, wo sie noch immer in ihrer eigenen Wohnung lebt.

Der Tagesablauf folgt einem Ritual. „Ich stehe um halbe achte auf und dann frühstücke ich“, sagt Maria Bazin. Im Sommer nimmt sie das Frühstück auch gerne draußen ein, im „Unterstand“, einer einfachen Laube im Hof. „Und dann muss ich mit meiner Mutter Gottes schmatzen.“

Das ist bei Maria Bazin nicht einfach so dahergesagt, sondern gelebter Glauben. „Meine Mutter hat mir den Namen Maria gegeben“, sagt sie. Für die Neustädterin wurde daraus tiefe Überzeugung, weshalb Maria Bazin auch sagt: „Ich bin Marienverehrerin.“

Marienfigur im Garten

Dazu gehört die Marienfigur im Garten. Maria Bazin besucht sie täglich, spricht dann mit der Mutter Gottes und singt Marienlieder. „Einmal gesungen ist so viel wie zehnmal gebetet“, sagt die Marienverehrerin. Mit dieser Ansicht steht sie nicht allein. „Wer singt, betet doppelt“, hatte schon der alte Kirchenvater Augustinus gesagt, auch Luther soll sich so geäußert haben.

Maria Bazin (l.) und Erika Himmelein freuen sich, im Generationentreff Schafkopf spielen zu können. - Foto: Wolfgang Abeltshauser

Doch das Leben der Neustädterin besteht nicht nur aus Arbeiten und Beten. Sie legt Wert auf Ordnung, weshalb nach dem Frühstück und der Zeitungslektüre der Hausputz und anschließend das Mittagessen ansteht. Letzteres fällt üblicherweise recht bescheiden aus, verrät Maria Bazin im Gespräch mit dem Reporter dieser Zeitung. An diesem Mittag waren es zwei Eier und etwas Brot.

„Ich lebe wie zu meiner Kinderzeit – ganz natürlich“, beschreibt die Neustädterin ihren Tagesrhythmus. Bescheidenheit gehört dazu, aber auch eine feste Struktur und Unterhaltung. Am Nachmittag sieht man Maria Bazin deshalb oft mit ihrem Rollator am Kirchplatz, am Eck bei der Pizzeria, mit den Leuten ratschen. Zum Alltag gehört auch der regelmäßige Kirchgang. Früher war das „lebende Jahrhundert“ auch als Vorbeterin in der Pfarrei St. Laurentius im Einsatz.

Meist waren sie gemeinsam im Geschäft: Maria Bazin und Katze Gundi - Foto: Jochen Dannenberg

Doch inzwischen geht vieles nicht mehr so wie noch vor einigen Jahren. Im Alter von 92 Jahren fuhr die rüstige Rentnerin noch mit dem Fahrrad zum Mauerner See, um dort zu baden. Und bis vor Kurzem war sie noch fast täglich Stammgast im Neustädter Hallenbad, doch mit dem Umziehen ginge das nicht mehr so einfach, gesteht Maria Bazin. Darum gehören die regelmäßigen Schwimmbadbesuche nun zur Rubrik „Das war einmal“.

Älter werden ist nicht leicht. Maria Bazin beklagt sich deshalb nicht. Sohn Dieter, der auch schon 69 Jahre alt ist, kümmert sich regelmäßig um sie und sorgt dafür, dass der Kühlschrank immer voll ist. „Auch die Hausleute kümmern sich viel um mich“, sagt die Neustädterin.

„So Gott es will“

Die Hausleute – das ist die Familie Gleich von der früheren Bäckerei und Konditorei Gleich – und Maria Bazin wohnen fast schon 75 Jahre, ein Dreiviertel Jahrhundert, unter demselben Dach. Da kennt man sich, da hilft man sich und hält zusammen. Hans Gleich, der Hausbesitzer, wurde erst geboren, als Maria Bazin und ihr Ehemann hier einzogen. „Ich habe ihm einst die Windeln gewechselt“, erinnert sich Maria Bazin.

Und dann gibt es da noch Pfarrer Siegfried Felber. Er ist einer der wichtigen Freunde im Leben der Frau, die am Sonntag hundert Jahre alt wird. „Wir sitzen oft bei einer Tasse Kaffee beisammen und unterhalten uns“, sagt Maria Bazin.

Sie hat viel erlebt in ihrem Leben, langweilig war es nie, betont sie. Ein Erlebnis hätte es freilich nicht gebraucht. Da ist sie von einem jungen Pärchen in ihrem Laden überfallen worden. Das Pärchen wurde nie gefasst.

Auf keinem Stadtplan zu finden, es gibt aber wirklich – den Maria-Bazin-Platz. - Foto: Jochen Dannenberg

„Ich darf mich nicht beklagen“, sagt Maria Bazin. „Ich kann noch rausgehen. Ich lebe in meiner eigenen Wohnung. Mein Vater ist 93 Jahre alt geworden und meine Schwester ebenfalls 93 und ich werde 100 – so Gott es will. Mein Wunsch ist, dass ich in meiner Wohnung bleiben und sterben kann. Ich lasse jeden Tag auf mich zukommen.“

Am Sonntag soll erst einmal gefeiert werden. Im Hof wird ein Zelt aufgestellt, es gibt ein Weißwurstfrühstück, am Nachmittag eine Dankandacht in der kleinen Kirche St. Anna und anschließend Kaffee und Kuchen. Es werden viele Leute kommen, allen voran die eigene Familie. Aber der Tag wird enden wie alle anderen auch: „Ich werde mich bedanken bei der Mutter Gottes.“