Warum so oft zu spät? Wir begleiten Lokführer im Regionalexpress mit Halt in Neumarkt

Es gibt wenige Themen, auf die sich so viele in Deutschland verständigen können, wie auf die Kritik an der Bahn. Der Verkehr auf Schienen liefert dafür regelmäßig Stoff. Der Regionalexpress, der in Neumarkt und Parsberg hält, war 2024 mit fast 30 Prozent verspäteten Zügen ein eklatantes Beispiel. Was ist da los? Mit dieser Frage sind wir mit in der Lokführerkabine des RE50 von Regensburg nach Nürnberg gefahren.
11:46 Uhr: Der RE50 von Plattling kommend fährt auf Gleis fünf am Regensburger Hauptbahnhof ein. An den Hebeln, Knöpfen und Pedalen des Zuges gibt es einen Wechsel der Lokführer. 11.48 Uhr soll es gemäß Fahrplan weiter gehen. Mit zwei Minuten Verspätung fährt der Zug ab. Der Lokführer meldet das via Handy der Leitstelle. Genauer: Der Leitstelle des Regensburger Bahnunternehmens Agilis.
„Die“ Bahn gibt es nicht. Agilis ist auch Bahn, wie so viele weitere Beteiligte am komplexen Gebilde Schienenverkehr (siehe Infokasten). Seit Dezember 2024 betreibt Agilis den RE50. Die hohe Zahl von fast 30 Prozent verspäteten Zügen stammt aus der Zeit davor.
Ist der RE50 zwischen Regensburg und Nürnberg jetzt pünktlicher?
Wie sich die Pünktlichkeit seither entwickelt hat, kann Agilis noch nicht im Detail sagen. Die Daten werden am Ende eines Bahnjahres ausgewertet und vom Kontrollorgan, der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), veröffentlicht.

Die BEG erklärt auf Anfrage, dass die Pünktlichkeit des RE50 nicht separat erhoben wird. Seit Agilis die Verbindung betreibt, ist sie im Netz „Regensburg/Donautal“ aufgegangen. Dazu gehören zudem die diversen RE- und RB-Verbindungen von Regensburg nach Ingolstadt und Ulm sowie nach Plattling und Passau. Im bisherigen Fahrplanjahr sind laut BEG 77,4 aller Züge pünktlich.
Was die Frage aufwirft, was ein zufriedenstellender Wert bei der Pünktlichkeit ist? „100 Prozent“, sagt Agilis-Pressesprecher Thomas Tomaschek im Scherz und ernsthaft fügt er an: Werte im 90-Prozent-Bereich wären wünschenswert. Aber aktuell auf der Strecke zwischen Regensburg und Nürnberg nicht möglich.
Einer der Gründe aus Sicht von Tomaschek und des Lokführers kommt dem RE schon bei der Fahrt aus dem Bahnhof entgegen. Es ist ein Güterzug. Weitere werden während der gut einstündigen Fahrt folgen. Sie fahren laut Lokführer Micha maximal 100 km/h auf diesem Abschnitt. Dazu kommen schnellere Regionalexpress-, Regionalbahn-, S-Bahn- und ICE-Züge. Viele Züge, viele Haltestellen und eine alte Infrastruktur machen die Strecke zu einem Flaschenhals, der schnell verstopft.
Der Spielraum, etwas an der Pünktlichkeit der eigenen Züge zu drehen, sei begrenzt, erklärt Tomaschek. Rund 16 Prozent beträgt laut Agilis der Anteil an verspäteten Zügen, bei denen die Ursachen beim Bahnunternehmen selbst lagen. Also beispielsweise ein defekter Zug, ein verspätet bereit gestellter Zug oder unerwartet viele Fahrgäste. In solchen Fällen kann der Pünktlichkeitsmanager ansetzen, den Agilis hat.
Was die Ursachen für verspätete Züge sind
Bleiben 84 Prozent, auf die Agilis kaum oder gar keinen Einfluss hat. 60 Prozent davon sind laut dem Bahnunternehmen sogenannte „Sekundärursachen“. Darunter fallen verspätete vorherige Fahrten, verspätete andere Züge und andere Züge, die Vorfahrt haben. Letzteres sind immer der ICE und solche Güterzüge, die priorisiert sind.
Weitere 17 Prozent an Ursachen für Verspätungen gehen auf das Konto der Infrastruktur, wenn beispielsweise Weichen, Signale oder Stellwerke gestört sind. Rund drei Prozent entfallen laut Agilis auf externe Einflüsse wie Unwetter.

Was könnte helfen? In der Theorie wären weniger Züge auf der zweigleisigen Strecke Regensburg-Nürnberg hilfreich. In der Praxis wurden in den vergangenen Jahren bundesweit Verbindungen und Takt ausgebaut, und das soll sich politisch gewünscht fortsetzen. Ein Ausbauprogramm der Infrastruktur soll es ermöglichen.
Ein Baustein ist die Generalsanierung der Strecke Regensburg-Nürnberg 2026. Das Ziel ist für die Deutsche Bahn, „die hochbelastete Eisenbahnstrecke langfristig stabiler und widerstandsfähiger zu machen“. Danach soll es weniger Störungen und Verspätungen geben.
Die verschiedenen Akteure im Personennahverkehr auf der Schiene
• BEG: Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) plant und kontrolliert im Auftrag des Freistaats den Personennahverkehr auf der Schiene. Zudem finanziert sie ihn in Teilen. Dafür stehen ihr Mittel des Bundes und des Freistaats zur Verfügung.
• Verkehrsunternehmen: Die BEG schreibt einzelne Verbindungen und Netze aus und vergibt sie an Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Agilis und andere. Diese betreiben die Verbindungen mit ihren eigenen Zügen und Personal nach Qualitätsvorgaben der BEG. Dafür erhalten die Unternehmen Geld von der BEG und haben Einnahmen aus dem Fahrkartenverkauf. Werden die Vorgaben etwa bei der Pünktlichkeit nicht eingehalten, kann es Strafzahlungen geben.
• DB InfraGO: Um die Trassen und Stationen nutzen zu können, müssen Bahnunternehmen wie Agilis Gebühren an Infrastrukturunternehmen zahlen. In Deutschland ist das in nahezu allen Fällen die DB InfraGo. Sie betreibt die Bahninfrastruktur und ist ein Tochterunternehmen der bundeseigenen Deutschen Bahn AG.
Bei Agilis findet man das nicht per se falsch. Wenn die Infrastruktur modernisiert werde, gehe man davon aus, dass der Betrieb stabiler laufen werde. Allerdings wird es die Sanierung nach Ansicht von Agilis nicht möglich machen, dass mehr Züge auf der Strecke fahren können. Vor allem aber zweifelt das Bahnunternehmen, dass für die Sanierung eine fünfmonatige Totalsperre notwendig ist. Mit einem Einspruch ist Agilis bei der Bundesnetzagentur gescheitert.
Inzwischen erreicht der RE50 den Hauptbahnhof Nürnberg. Vier Minuten später als im Fahrplan vorgesehen. Der Lokführer hatte mit viel Erfahrung und einer günstigen Verkehrslage den sehr geringen Spielraum genutzt, um die ursprünglichen zwei Minuten Verspätung wieder hereinzufahren. „Dann kamen die Radler“, sagt er über die Fahrgäste, die für das Einsteigen in Neumarkt etwas länger brauchten.
Deutschlandticket führt zu mehr Bahnreisenden
Es ist nicht immer „die“ Bahn, die allein verantwortlich ist für Verspätungen. Die Fahrgäste und ihr Verhalten spielen auch ab und an eine Rolle. Diszipliniertes Ein- und Aussteigen helfe bei der Pünktlichkeit der Züge, sagt Tomaschek.
Damit ist auch eine grundsätzlich sehr positive Nachricht verknüpft. Trotz aller Probleme fahren immer mehr Menschen Bahn. Agilis schätzt 30 Prozent mehr Fahrgäste in seinem Netz. Zu sehen ist das auch im RE50 von Regensburg nach Nürnberg.