Nach dem Weidel-Eklat im Schloss in Regensburg: Sollen Künstler Stellung beziehen?

Wie würden Akteure aus der Regensburger Kulturszene reagieren, wenn auf einer Veranstaltung ein ranghoher AfD-Politiker im Publikum auftauchen würde, wie es während der Thurn und Taxis Schlossfestspiele in Regensburg hätte passieren können? Viele sind es nicht, die auf diese Frage antworten. Zu heikel, geben etliche offen zu. Einige aber beziehen Position.
Einer tat dies von sich aus: Schauspieler Marcus Mittermeier. Unter dem Titel „Warum ich demonstriert habe“ teilte er wenige Tage nach dem Eklat eine viel beachtete Note in den sozialen Medien. Über 300 000 Aufrufe habe diese bisher erzielt. Darin spricht Mittermeier von einer Strategie: Gäste wie Maximilian Krah sollen seiner Beschreibung nach in die Mitte der Gesellschaft gezogen werden. Das Ziel seien Bilder mit diesen Gästen. „Drumherum wir, das applaudierende Volk“, erklärt der Schauspieler. In seinen Augen soll diesem Bild Normalität verliehen werden.
Viele in der Verantwortung
Dabei seien die Schlossfestspiele das gesellschaftliche Ereignis in der ansonsten von solchen Events nicht gerade gesegneten Stadt. Und so sieht Mittermeier die Beteiligten vor einem Dilemma. Denn: „Uns wird in schönem Ambiente immer mal wieder eine bittere Pille untergejubelt mit dem Ziel, ihre Bitterkeit in vordergründiger Süßlichkeit des Kulturgenusses aufzulösen.“ Deswegen sei es der Zivilgesellschaft der Stadt und vor allem dem „Bündnis gegen Rechts“ hoch anzurechnen, dass sie sich dagegenstellt. „Die Rechtsradikalen streben in unsere Mitte und sie kommen dahin, wenn wir zu oft wegsehen“, warnt Mittermeier. Es sei auch in der Verantwortung der Regensburger, wie es bei ihnen zugeht.
Und ich bin froh, dass ich nicht in diese Situation kommen kann
Arthur Theisinger, Geschäftsführer von Power Concerts
Was also sagen andere Akteure aus der Regensburger Kulturlandschaft zu dem Thema? Wer ein Ticket für seine Veranstaltungen kauft, könne auch hingehen, liegt der Fall für Arthur Theisinger, Geschäftsführer von Power Concerts, auf der Hand. Der Mann, der vor kurzem etwa das Piazzafestival im Gewerbepark steigen ließ, sagt, dass Einladungen wie die an Weidel bei seinen Veranstaltungen nicht möglich seien. „Und ich bin froh, dass ich nicht in diese Situation kommen kann“, erklärt Theisinger.
Bernhard Lindner, Vorstand des Jazzclubs, geht nicht davon aus, dass sich Anhänger der AfD auf eines seiner Konzerte verirren könnten. Aber falls doch, würde er Konsequenzen ziehen: „Und selbstverständlich würden wir von unserem Hausrecht Gebrauch machen, sollte eine Person des öffentlichen Lebens, die mit dieser Partei sympathisiert und dies offen kundtut, unser Konzert besuchen.“ Lindner pocht auf die Grundüberzeugungen einer demokratischen und freien Gesellschaft. Diese seien für das kulturelle Leben essenziell. „Kultur lebt von Vielfalt, von Ermöglichung, von Verschiedenheit und Improvisation“, verdeutlicht er. Deshalb sei es konsequent, dass sich die demokratische Kulturlandschaft gegen Tendenzen wehrt, die die Buntheit der Gesellschaft nicht unterstützen.
Letztes Jahr Krah, dieses Jahr Weidel und nächstes Jahr? Höcke oder Bannon?
Gerwin Eisenhauer, Musiker
Gerwin Eisenhauer, Regensburgs Tausendsassa am Schlagzeug, aber sieht durchaus einen Knackpunkt. Er berichtet, dass er selbst schon zwei Mal auf der Bühne im Schloss gespielt hat. Inzwischen aber würde er das nicht mehr tun, weil sich seither etwas verändert habe. „Und ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer. Letztes Jahr Krah, dieses Jahr Weidel und nächstes Jahr? Höcke oder Bannon?“, fragt er. Auf die Frage, wie sich Künstler in dieser Situation am besten verhalten sollen, antwortet Eisenhauer: „Eine international agierende Agentur wie die von Chris de Burgh oder Gianna Nannini kann nicht einen Faktencheck zu jedem Veranstaltungsort machen.“ Sollte ein Künstler aber Kenntnis davon erlangen, dass Personen wie führende Köpfe der AfD zu seinem Konzert kommen, müsse er sich auch mit der Frage auseinandersetzen, ob er auftreten will.
Mit Kultur gegen Spaltung
Kulturreferent Wolfgang Dersch stellt heraus, dass die Schlossfestspiele für ihn seit mehr als 20 Jahren einen hochwertigen und unverzichtbaren Beitrag zum Regensburger Kulturleben leisten. Er sieht Demokraten in der Pflicht, klar Stellung gegen die Vereinnahmung von Kunst und Kultur zu beziehen. Verantwortung komme bei dem Thema auch öffentlichen Kultureinrichtungen wie der Stadt zu. „Wir müssen eine aktive Rolle in gesellschaftlichen Debatten übernehmen und für die Werte des Grundgesetzes einstehen“, sagt er. Künstler wie Kulturschaffende stehen in seinen Augen mit ihrer Arbeit und starken Statements für eine lebendige und wehrhafte Demokratie ein.
Dersch verweist etwa auf das Bürgerfest unter dem Motto Miteinander: „Ganz Regensburg feierte friedlich mit seinen Gästen und zeigte, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingen kann“, erklärt er. Es seien Veranstaltungen wie diese, die Gemeinschaftserlebnisse stiften, die Menschen verbinden und Brücken der Verständigung bauen. „So stehen wir mit unserer Kulturarbeit für einen offenen Dialog und wirken Spaltung wie Polarisierung entgegen“, argumentiert Dersch.