Volkszählung sorgt für Ärger – Neunburg will Berechnungen nicht akzeptieren

Laut eigenem Melderegister hat die Stadt Neunburg im Landkreis Schwandorf mehr als 8400 Einwohner. Laut Zensus sind es mehr als 400 weniger. Bürgermeister Martin Birner (CSU) kann die Abweichungen nicht nachvollziehen und fordert Aufklärung. Die ist schwieriger als gedacht.
Jedes Jahr bei der Bürgerversammlung informiert Martin Birner nicht nur über Erfolge der vergangenen Monate und geplante Investitionen, sondern präsentiert auch allerlei statistische Daten. Wie viele Einwohner hat Neunburg, wie sieht die Beschäftigungssituation aus, wie hoch ist die Steuerkraft, wie viele Schulden drücken die Stadt und wie viel muss an den Landkreis als Umlage abgeführt werden.
In Sachen Einwohner verkündete Birner zuletzt Stabilität: Neunburg hatte deutlich mehr als 8400. Vor gut 20 Jahren lag die Pfalzgrafenstadt erstmals über der 8000er-Marke. Zuletzt konnte sie stets ein kleines Wachstum verzeichnen. Doch nun soll die Einwohnerzahl deutlich niedriger liegen, wie das Bayerische Landesamt für Statistik errechnet hat. Auf Basis des Zensus 2022 waren es am 30. Juni 2024 laut Statistikamt nur 7936 Einwohner. Laut Melderegister der Stadt Neunburg waren es zu diesem Zeitpunkt aber 8388 Einwohner – 452 mehr als die offizielle Zahl.
Es kann sein, dass es mal kleinere Unterschiede gibt, wenn sich jemand nicht ordentlich abmeldet. Aber bei einem so großen Unterschied stimmt etwas nicht.
Martin Birner, Bürgermeister
„Es kann sein, dass es mal kleinere Unterschiede gibt, wenn sich jemand nicht ordentlich abmeldet. Aber bei einem so großen Unterschied stimmt etwas nicht“, steht für Martin Birner fest. Wenn angeblich fast 500 Einwohner zuviel im städtischen Register verzeichnet seien, könne man das Ordnungsamt auflösen, zeigt sich der Bürgermeister sichtlich verärgert.
Korrektur nach Einspruch
Nach dem ersten Einspruch der Stadt hatte das Landesamt für Statistik die Einwohnerzahl um insgesamt 115 Personen auf 8064 korrigiert. Neunburg ist nicht der einzige Fall dieser Art. So gab es auch in der oberbayerischen Gemeinde Emmering bei Fürstenfeldbruck eine Differenz zwischen den eigenen Zahlen und denen des Statistikamtes. Der Bürgermeister von Emmering erhob Einspruch – und die Einwohnerzahl wurde nach oben korrigiert. Das sorgt in den betroffenen Kommunen für Kopfschütteln. Denn die Zahlen wurden korrigiert, ohne neue Daten zu erheben oder in den Rathäusern nochmals nachzufragen.
Während sein Amtskollege aus Oberbayern deshalb bereits Klage vor dem Verwaltungsgericht eingereicht hat – spielt auch der Neunburger Bürgermeister mit diesem Gedanken. Zuvor versucht er aber noch eine Klärung ohne Gerichte. Seine Verwaltung hatte sich schriftlich an die Landesbehörde gewandt. Im Rathaus seien zuvor mehrere Plausibilitätsprüfungen durchgeführt worden, die gezeigt hätten, dass „das Melderegister der Stadt die tatsächliche Einwohnerzahl mit einer hinreichenden Genauigkeit abbildet“. Die Differenzquoten würden lediglich 0,1 bis 0,51 Prozent betragen. Die Abweichung zu den Zahlen des Statistikamtes betragen aber mehr als fünf Prozent. Bei der erfolgten Korrektur sei die Einwohnerzahl um lediglich 1,45 Prozent erhöht worden.
„Die statistischen Hochrechnungen des Zensus 2022 und die daraus resultierenden Abweichungen zum Melderegisterstand der Stadt Neunburg sowie zur amtlichen Fortschreibung der Einwohnerzahl der Stadt durch das Statistischen Landesamt können nicht nachvollzogen werden“, argumentiert Neunburgs Verwaltung. Auch die korrigierte, nun festgesetzte Einwohnerzahl von 8064 Personen zum 31. Dezember 2024 wird von der Stadt abgelehnt. Eine nachvollziehbare Erklärung für die derart große Abweichung sei vom Statischen Landesamt bisher nicht geliefert worden, kritisiert Birner.
„Das Melderegister der Stadt Neunburg wird durch tagtägliche Einzelfallerfassung auf der Basis von persönlichen Vorsprachen zu An- und Abmeldungen sowie durch Geburten- und Sterbefälle aktualisiert. Im Falle der Anmeldung in einer anderen Kommune erhält die Stadt hierüber eine Mitteilung. Eine unbemerkte Fluktuation in dreistelliger Einwohneranzahl ist von daher nicht möglich“, so der Bürgermeister.
Kein Abgleich der Daten
Zur Aufklärung des Sachverhaltes hatte der Rathauschef einen Abgleich der Daten zwischen Stadt und Statistischem Landesamt gefordert. Dies hatte die Landesbehörde aber mit dem Verweis auf den Datenschutz und die statistische Geheimhaltung zurückgewiesen. „Es ist haarsträubend“, findet Birner und fragt sich, wo das Problem liege, wenn Kommunen Daten abgleichen wollen. Der Prozess des Zensus 2022 sei nicht nachvollziehbar. Wer haben die Daten erfasst und wie ordentlich – das sind zwei Fragen, die sich der Bürgermeister stellt und gerne beantwortet haben möchte. Kritik am Verfahren lässt das Statistische Landesamt nicht aufkommen: „Handelt es sich bei dem im Zensus 2022 eingesetzten Verfahren zur Ermittlung der amtlichen Einwohnerzahl um ein wissenschaftlich anerkanntes und vom Bundesverfassungsgericht bestätigtes Verfahren.“ Es gebe aus Sicht der Statistiker keine Veranlassung für eine weitere Korrektur der Einwohnerzahl.
„Man darf es doch hinterfragen“, meint Birner. Neunburg habe mehr Einwohner und deshalb kämpfe man um jeden Bürger, so der Rathauschef. Das hat auch finanzielle Gründe. Denn bei deutlich weniger Einwohnern würden der Stadt Neunburg laut Kämmerer Michael Haßfurter mehrere Tausend Euro verloren gehen. So werde der Kommunale Finanzausgleich und auch die Bayerische Infrastrukturförderung nach der Zahl der Einwohner berechnet.