Rossini-Kapitän im Hafen der Ehe: Der Steuermann und die Hotelmanagerin des Flüchtlingsschiffs blicken zurück

Der Blick des Kapitäns geht an diesem Mittwochnachmittag immer wieder aus den großen Fenstern der MS Rossini zu den aufziehenden Regenwolken – und aufs Handy. Richard Müller überprüft den Wasserstand der Donau. Der Steuermann und technische Leiter sollte das Schiff, auf dem zweieinhalb Jahre Geflüchtete untergebracht waren und das seit Donnerstag wieder ganz der Crew gehört, am Freitag zurück nach Linz in die Werft manövrieren.
„Momentan schaut es schlecht aus für uns“, sagt Müller am Mittwoch. Der Pegel der Donau ist zu hoch, erst zehn Zentimeter ist er gefallen. „Er muss noch mindestens 1,10 Meter runter, bevor wir fahren können“, sagt Müller am Mittwoch. Am Freitag fehlen immer noch 50 Zentimeter. Er hofft darauf, spätestens am Sonntag ablegen zu können. Regnet es nicht weiter, falle der Pegel schnell.
Frau Müller begrüßt den Regen
„Bitte nicht, ich will noch zwei, drei Tage bleiben“, sagt seine Frau Mihaela. Geht es nach ihr, dürfen ruhig noch ein paar Tropfen fallen. Sie hat ihr Herz an Bach verloren, der Abschied fällt ihr schwer. Mit dieser Anekdote sorgte Richard Müller schon bei der Pressekonferenz am Dienstag zum Abschied des Flüchtlingsschiffs aus dem Landkreis für Lacher. „Die letzten Worte gebühren dem Käpt’n“, sagte Landrätin Tanja Schweiger. Und Müller erzählte nicht nur vom friedlichen Zusammenleben mit den Geflüchteten auf dem Schiff, sondern auch, wie sehr sich seine Frau in Bach verliebt habe, wo die Rossini zwei Jahre ankerte.
Ja-Wort in Donaustauf
Für ein halbes Jahr war das Schiff nach Donaustauf umgezogen. Müller kommentierte lapidar: „Auch ganz okay.“ Großes Gelächter, auch von Donaustaufs Bürgermeister Jürgen Sommer. Doch auch dort muss es dem 68-Jährigen und der 47-Jährigen gefallen haben: „Schließlich haben ich und meine Frau uns entschieden, nach über 20 Jahren dort zu heiraten.“

Dass die beiden so glückliche Jahre am Donauufer im Landkreis verbringen werden, hat sich abgezeichnet. Richard ist seit 27 Jahren Maschinist und Steuermann, Mihaela hat sich in 22 Jahren von der Kabinenstewardess zur Hausdame und schließlich zur Hotelmanagerin hochgearbeitet. Auf der MS Rossini arbeiten die beiden, seit die Reederei das Kreuzfahrtschiff 2006 erworben hat.
Ein Schiff muss normalerweise fahren.
Richard Müller, Steuermann der MS Rossini
Bevor es vom Landkreis als Notunterkunft für Geflüchtete gechartert wurde, fuhren sie die Strecke Passau – Budapest. Sechs Nächte, sieben Tage, manchmal auch weiter, bis runter zum Schwarzen Meer. Immer neue Passagiere, immer viel zu tun. Stillstand sind sie nicht gewohnt. „Ein Schiff muss normalerweise fahren“, sagt Richard Müller.
Müller erzählt von den Sorgen, als der Steuermann und die Hotelmanagerin plötzlich die Verantwortung für eine Geflüchtetenunterkunft übernehmen: „Was müssen wir überhaupt machen?“ Der Anfang ist weder für sie noch für die Bewohner einfach gewesen. Regelmäßig wird Müller nachts geweckt, weil sich jemand krank fühlte, zu zwei, drei kleineren Streitigkeiten sei es unter den Bewohnern gekommen, ihm sei vorgeworfen worden, die Bewohner nicht zu respektieren. „Respekt ist keine Einbahnstraße“, sagt Müller, das habe er einzelnen jungen Männern erst klar machen müssen.
Probleme sind schnell Geschichte
Nach einem halben Jahr spielen sich die Abläufe ein. Die Bewohner des Schiffs werden selbstständiger, Dispute werden bald friedlich untereinander geklärt. Den Geflüchteten wird langsam bewusst, dass sie es auf der MS Rossini im Vergleich zu den übrigen Notunterkünften im Landkreis recht komfortabel erwischt haben. Auch die Müllers wachsen in ihre neue Rolle zwischen strengen Herbergseltern und fürsorglichen Begleitern hinein. „Wir haben die zweieinhalb Jahre geschafft“, sagt Mihaela Müller nicht ohne Stolz.
Am Mittwoch kommt noch einmal Hektik auf am Schiff – es ist der vorletzte Tag der Geflüchtetenunterbringung, die verbliebenen Bewohner werden in andere Unterkünfte verteilt. An der Rezeption türmen sich Koffer, Taschen und Säcke voller Bettwäsche. Richard Müller versucht Ordnung in die Transfers der Bewohner zu bringen, Mihaela hastet durch die Gänge. Es herrscht der Sturm vor der Ruhe.
Die letzte Fahrt der Rossini?
Wenn der Donaupegel sinkt, bringen sie das Schiff nach Linz in die Werft zur standardmäßigen Reinigung und Ertüchtigung. Wie es dann weitergeht? Ungewiss. Das Schiff steht zum Verkauf, es gebe bislang lediglich loses Interesse. Steht eventuell schon die letzte Fahrt für die MS Rossini an? „Das kann sein“, sagt Müller.
Wohin die Reise des Ehepaars führt, ist ebenso ungewiss. Bayern wäre schön, Bach sowieso. Doch Mihaelas Eltern leben in Rumänien, sie sind allein. Es wartet ein Haus mit großem Garten. Dorthin werden die beiden zunächst gehen. Zumindest als Gäste werden sie zurück nach Bach kommen, liebgewonnene Freunde besuchen. „Es ist schwer“, sagt Mihaela zum anstehenden Abschied. Richard blickt zum Fenster. Dicke Regentropfen klatschen dagegen.