Stefan Hanke erhält Regensburger Kulturpreis für ein Lebenswerk voller Strahlkraft

Von Marianne Sperb · 31. Juli 2025 um 17:54

Menschen sind es, die Stefan Hanke am meisten, am brennendsten interessieren. Wie die Menschen aus der Oberpfalz, denen er sein Buch „Standbilder – Porträts aus der Oberpfalz“ zum Geschenk machte und für das er umgekehrt 1987 mit dem Bayerischen Fotopreis der Danner-Stiftung beschenkt wurde. Und wie die Menschen, die das Grauen überlebt haben: „KZ überlebt“ wurde zum zentralen Projekt seines Schaffens.

Viele Ehrungen wurden dem Regensburger zuteil – und im Oktober wird ihm nun Regensburgs Kulturpreis verliehen. Eine hochverdiente Auszeichnung – für ein Schaffen von besonderer Bedeutung und Strahlkraft, heißt es in der Begründung. „Kein Fotograf dieser Region kann auf ein so kontinuierliches und konzeptionelles Werk mit dieser großen Außenwirkung blicken“, das bezeugt auch der Maler und Bildhauer Paul Schinner, selbst ein Großer und ein Regensburger Kulturpreisträger.

Unter dem Titel „KZ überlebt“ porträtierte Stefan Hanke ab 2004 Männer und Frauen, die den Terror der NS-Zeit in einem Konzentrationslager erlitten haben: Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, sowjetische Kriegsgefangene. Wie lebten sie mit der Last des Unfassbaren weiter? Diese Frage trieb den Fotografen an.

Die Zeit im Nacken

Stefan Hanke reiste den Zeugen durch ganz Europa nach, die Uhr im Nacken, während die Lebenszeit vieler Überlebender ablief. Der älteste war beim Foto-Termin 105, der jüngste 70 Jahre alt. Der Fotokünstler folgte einem klaren Konzept, suchte Orte, die für das Leben der Porträtierten bedeutsam waren, und beschränkte sich auf strenges Schwarz-Weiß. In diesem präzisen formalen Rahmen hielt er die Geschichten und Schicksale in den Gesichtern fest, in ruhigen Bildern voller Würde und Tiefe, die – und das ist die Kunst – das Persönliche, das Individuelle einfangen und dabei zeitlos, ortslos vom beispiellosen Kulturbruch erzählen.

121 Porträts sind so entstanden, und an die 180 000 Menschen haben den Zyklus bisher gesehen. Ab 2013, als die Serie erstmals gezeigt wurde – und zwar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag – machte die Ausstellung in rund 20 Häusern Station. Die Betrachter sind beeindruckt – wie stark, das wurde sogar wissenschaftlich untersucht. Elektronische Messungen belegten die überdurchschnittliche Verweildauer vor Hankes Porträts.

Ausstellungen in Sankt Pölten und Berchtesgaden

Aktuell ist die Ausstellung im Haus der Geschichte in Sankt Pölten zu sehen (dort wurde gerade verlängert) und gleichzeitig bis Ende August in der Dokumentation Obersalzberg in Berchtesgaden. Jeden Tag lassen sich dort an die 500, 700 Besucher auf die Bilder und die Biografien ein. Im September zieht die Serie weiter nach Pirmasens und im Januar ins Willy-Brandt-Haus in Berlin.

Stefan Hanke machte gerade seine abendliche Runde an der Donau, als ihn Regensburgs Kulturreferent Wolfgang Dersch mit der Nachricht überraschte und ihm zum Kulturpreis gratulierte. Ob er gefeiert hat? Er winkt ab. „Ein paar Telefonate“ führte er, auch mit Paul Schinner. „Der hat sich sakrisch gfreut.“ Im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern ist dem 64-Jährigen aber viel wichtiger, über seine aktuellen Projekte zu erzählen. Er sprudelt beinahe über und man hört, wie er brennt.

Zwei Bildbände in Arbeit

Zwei große Sachen hat dieser so konsequente, straighte und fleißige Künstler am Laufen: Stefan Hanke gräbt sich gerade ein in das ehemalige Polytechnikum Regensburg, das heute ein Teil der Ostbayerischen Technischen Hochschule ist. Unter dem Titel „Licht.Wissen.Kunst“ erscheint – voraussichtlich 2026 – im Verlag Friedrich Pustet ein Bildband über das architektur- und kunsthistorische Juwel, das vom Bauhaus inspiriert ist. Parallel recherchiert Hanke bundesweit intensiv auf Friedhöfen: „Melancholia“, ein neuer Fotozyklus, wird sepulkrale Skulpturen aus der Zeit von 1850 bis 1930 versammeln. Man sieht: Das Lebenswerk, das der Kulturpreis im Oktober ehrt, ist heftig am Wachsen.

Die drei Kulturförderpreisträger

• Lena Schabus, Jahrgang 1990, hat eine außergewöhnliche ästhetische Sprache entwickelt. Sie findet in digital bearbeiteten Fotografien eine eigene Ausdrucksform und lenkt den Blick auf drängende Fragen der Zeit.

• Koloman Wagner, Jahrgang 1992, Bildhauer und promovierter Physiker, verbindet in seinem Werk Kunst, Musik, Handwerk, Technologie und Wissenschaft; Skulptur, Grafik, Tanz und algorithmische Komposition verschmelzen.

• Campus Regensburg e.V. engagiert sich mit seinen rund 50 Mitgliedern leidenschaftlich für Kunst und Kultur am Campus der Universität Regensburg.