Eine Kelheimer Altstadt-Institution sperrt zu - der Immobilien-Eigenümer verrät, was kommt

Von Beate Weigert · 24. Juli 2025 um 11:00

Sylvia Pohl gibt ihr Geschäft in der Kelheimer Altstadt auf. In 30 Jahren hat sie viel erlebt. Sie blickt zurück auf Herzklopf-Momente, Baustellen und die Zeit als das Einkaufszentrum aufsperrte.

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Verkaufen war schon immer ihr Ding, sagt Sylvia Pohl. Zunächst verkaufte sie europaweit Elektromotoren für ein Kelheimer Unternehmen. Mit Anfang 40 wechselte sie komplett das Metier und machte sich selbständig. Ende der Woche sperrt Pohl nach genau 30 Jahren ihr Geschäft „Florentina“ am Alten Markt zu. Dann beginnt für die Geschäftsfrau wie für die Räume mit dem Gewölbe ein neuer Lebensabschnitt.

Dass sie 1995 einen Laden für Interieur, für Wohnen und Schenken eröffnete, war nicht so weit hergeholt. Denn „dekorieren und umgestalten, liegt mir“, sagt Sylvia Pohl. Auch wenn in den Geschäftsräumen am Alten Markt 9 inzwischen wenig daran erinnert.

In den vergangenen zwei Wochen haben sich viele Stammkunden beim Räumungsverkauf Dekoobjekte, Tischwäsche oder den ein oder anderen Raumduft gesichert und Adieu gesagt.

Nur eine kleine Hängeleuchte mit Lüstern und einige wenige Waren sind noch zu haben. Die Podeste mit den Rundbogen-Ausschnitten vor den Schaufenstern haben Mitarbeiterinnen des nahe gelegenen Kindergartens abgeholt. Es sei schön, dass diese eine neue Verwendung finden, sagt Pohl. „Da können die Kinder draufsteigen und unten reinkrabbeln.“

Von 40 auf 100 Quadratmeter vergrößert

In den drei Jahrzehnten ist die Geschäftsfrau dem Alten Markt immer treu geblieben. Als sie aufsperrte, fanden sich in der Nachbarschaft noch zahlreiche Läden. Ein Friseur, ein Kosmetikstudio, eine Rösterei, ein Schmuck- und ein Bekleidungsgeschäft. Eins ums andere hörte auf oder zog um in belebtere Altstadtstraßen.

„Florentina“ zog innerhalb des Alten Markts zweimal um, vergrößerte sich von 40 auf zuletzt 100 Quadratmeter Verkaufsfläche. „Qualitativ hochwertige“ Produkte blieben Sylvia Pohls Credo. Auch wenn sich die Inflation in den vergangenen Jahren bemerkbar machte, auf „Billigprodukte“ umzusteigen, kam für sie nicht in Frage.

Ebenso sei Online-Handel für sie nie ein Thema gewesen, so die 72-Jährige. Ihre Kunden schätzten die Beratung vor Ort, dass sie hier Waren bekamen, die nicht auch online vertrieben wurden und dass man Kissen und Co. auch mit nach Hause nehmen konnte, um zu testen, dass sie wirklich zur Einrichtung passten und dass viele Sondermaße erhältlich waren.

Manches gab es nahezu exklusiv. Die französischen Raumdüfte etwa. Die verkaufe als Nächstes das KadeWe in Berlin, sagt Pohl nicht ohne Stolz.

Die Geschäftsfrau erlebte in 30 Jahren einige Höhen und Tiefen. Als sie startete, gab es das Einkaufszentrum noch nicht. Wenige Jahre später öffneten die Geschäfte „auf der grünen Wiese“ an der Schäfflerstraße und viele Geschäftsleute in der Altstadt „schluckten“, erinnert sie sich. Die Kunden, die in der Innenstadt unterwegs waren, wurden weniger. Aber es zeigte sich auch, dass „die Ketten nicht in die Altstadt gehen“, dass es dort spezialisierte Geschäfte braucht, „die mehr auf die Leute eingehen“.

Bauphasen strapazierten mitunter die Nerven. Als der Alte Markt gepflastert wurde und das Dormero-Hotel einen Fernwärme-Anschluss erhielt, summierten sich insgesamt zwei Jahre Baustelle „vor der Tür“ auf. so Pohl. Das galt es durchzustehen. Genauso wie die Corona-Pandemie.

Sylvia Pohl durfte im Lockdown öffnen, weil sie von Anfang an auch Feinstkost-Lebensmittel im Sortiment hatte. Den Rest der Regale musste sie aber zu den am strengsten reglementierten Zeiten abdecken, erinnert sich die Geschäftsfrau.

Corona: Wollte Polizist sie testen?

Am Tag vor Heiligabend blieb ihr kurz vor Ladenschluss fast das Herz stehen. Ein Polizist in Uniform klopfte draußen an die Tür. Er brauche noch einen Raumduft als Geschenk, sagte der Mann – und Pohl überlegte fieberhaft, ob der Beamte sie testen wollte. Nein, wollte er nicht. Nach einigem Hin und Her reichte sie ihm das gewünschte Geschenk durch die Tür, er das Geld nach drinnen.

Am Freitag sperrt Sylvia Pohl ihr Geschäft zu. Abschied feiert sie mit Mitarbeiterin Agnes Reichl, Mann Klaus und ihrer Familie beim Open Air Kino gegenüber im Restaurant. Über den richtigen Zeitpunkt des Aufhörens dachte sie schon länger nach, sagt Pohl. „Die 30 Jahre wollte ich gerne voll machen.“ Das ist jetzt so weit, denn zum 1. Juli 1995 hatte sie aufgesperrt. Pünktlich zum Kreisstadtfest.

Verkauft wurde in den denkmalgeschützten Räumen schon lange vor ihr. Immobilien-Eigentümer Michael Büchl erinnert sich noch gut, wie er als kleiner Junge hier zum Bäcker Sturm ging. Durch den heute zugemauerten Rundbogen links vom Eingang verkaufte einst die Bäckersfrau Brot und Brezen, weiß auch Sylvia Pohl noch gut.

Für die kommenden ein, zwei Jahre werden aus dem Geschäft Büros des Eigentümers B+Z. „Unsere Planer ziehen hier vorübergehend ein. Mittelfristig soll aber wieder ein Laden zu finden sein“, so Büchl.