Früher weltweit auf Montage, heute bodenständiger Firmenchef – die Karriere des Oliver Altendorfer

Von Thomas Rieke · 22. Juli 2025 um 05:00

Eine Firma, deren Geschichte sich bis 1887 zurückverfolgen lässt, drohte vor wenigen Jahren sang- und klanglos von der Bildfläche zu verschwinden: Stahl- und Metallbau A. Segerer in Maxhütte-Haidhof (Landkreis Schwandorf). Dass es anders gekommen ist, ist Oliver Altendorfer zu verdanken.

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Der Maschinenbautechniker hatte sich 2019 entschlossen, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Bei Null anfangen wollte er aber nicht. Stahlbau Segerer schien ihm beste Startmöglichkeiten zu bieten.

Doch der Reihe nach: Altendorfer ist heute 38 Jahre alt und stammt aus dem niederbayerischen Waldkirchen. Nach dem Quali absolvierte er eine Lehre bei der Firma Parat, die vor allem durch die Herstellung von Werkzeugkoffern bekannt geworden ist. Altendorfer wurde als Geselle übernommen und glaubte sich auf der sicheren Seite – doch wenige Jahre später schlitterte das Unternehmen in die Insolvenz. Als erste gehen mussten die Jungen.

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Die Suche nach einem neuen Job gestaltete sich für Altendorfer aber nicht schwierig. Über eine Transfergesellschaft fand er den Weg zur Maschinenbaufirma AKE Technologies. Sie liegt nördlich von Passau und damit nicht weit weg von Altendorfers Heimatort entfernt. Sie sollte dem damaligen Industriemechaniker als Sprungbrett in die große, weite Welt dienen. Rund zwei Jahre war Altendorfer für AKE vor allem in China unterwegs, um Maschinen des Autozulieferers aufzubauen oder zu reparieren. Wenn etwas defekt war, war höchste Flexibilität gefordert.

Die Chance beim Schopf gepackt

Für Altendorfer war dies nur eine Zwischenstation. Er wollte „nicht stehen bleiben“, wie er sagt, und absolvierte deshalb an der Fachschule in Landshut die Ausbildung zum Maschinenbautechniker. Die besten Absolventen von 2012 wurden von der Brückner-Gruppe umworben, die ihren Sitz im Chiemgau hat und international im Maschinen- und Anlagenbau agiert. Altendorfer ließ sich die Chance nicht entgehen.

Als sogenannter Site Manager sah sich der damals 25-Jährige mit riesigen Herausforderungen konfrontiert: In Indien, Thailand und China galt es mit jeweils bis zu 200 heimischen Arbeitern Aufträge umzusetzen, deren Wert sich schnell auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen konnte. Doch bevor ans Auspacken der ersten Container zu denken war, musste sich Altendorfer in der großen Schar von Arbeitern Respekt verschaffen und sie zu Teams formen. Vor allem zu Beginn sei das nicht immer leicht gewesen, merkt Altendorfer an.

Betriebsnachfolge: Das sagt die Handwerksammer

• Die Frage, wie viele Betriebe im Kreis Schwandorf derzeit das Problem haben, dass sie nicht wissen, unter welcher Führung es künftig weiter gehen soll, lässt sich laut Handwerkskammer nicht mit exakten Zahlen beantworten. Denn neben dem Alter spielten auch andere Aspekte wie die Rechtsform oder die Absicht, übergeben zu wollen, eine Rolle, erklärt Bereichsleiter Andreas Keller. Laut Statistik liegt die Zahl der Betriebe mit Inhabern über 55 Jahren im Kreisgebiet bei über einem Drittel. Das Thema Übergabe sei also ein drängendes – in ganz Ostbayern.

• Die Betriebsbörse der Handwerkskammer gibt es laut Keller seit 1996 als kostenfreien Service. Die Inserate werden im Internet, in Aushängen und im Rahmen von Beratungen der HWK beworben. Dabei entscheidet der Inserent selbst, wie viel er von sich preisgeben möchte. Läuft eine Anzeige ein, durchforstet die HWK alle vorhandenen Inserate, ob hier etwas passen würde, und stellt Kontakt her. So werden im Schnitt zehn bis 15 Betriebe pro Jahr vermittelt. Die Chance, mit einer Übernahme erfolgreich in die Selbständigkeit zu starten, sei besser denn je, sagt Keller.

Vor allem die Mentalitätsunterschiede hätten viel Fingerspitzengefühl erfordert, erinnert er sich. Hinzu kamen Belastungen durch ungewohnte Ernährung und extreme klimatische Verhältnisse sowie Gefahren, die er vorher nur aus Büchern und Filmen gekannt hatte: Kobras, Giftspinnen und Mücken, die Malaria übertragen.

Damit nicht genug. Altendorfer lebte fast das ganze Jahr über in Hotels. Den bayerischen Wald sah er nur noch sporadisch. Seine Freundin durfte ihn zwar auf Kosten der Firma im Ausland besuchen – fühlte sich dort aber ziemlich verloren. So konnte es auch mit Blick auf eine Familienplanung nicht weitergehen.

Im Stau auf der Autobahn den früheren Chef getroffen

Um viele Erfahrungen reicher, kündigte Altendorfer bei der Weltfirma Brückner, um 2015 ein zweites Mal bei AKE sein Glück zu versuchen. Der Zufall spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle: Als wäre es gestern gewesen, erinnert sich Altendorfer an einen Stau auf der Autobahn vor Passau. In den war nicht nur er, sondern auch sein früherer Chef von AKE geraten. Plötzlich stand dieser direkt neben Altendorfer, kurbelte das Fenster runter und rief ihm zu, ob er noch wisse, dass er beim Abschied gesagt habe, irgendwann wieder zu AKE zurückzukehren? Wenig später war der Vertrag unterzeichnet.

Als Projektleiter war allerdings einmal mehr Reisen angesagt. Die AKE-Kundschaft ist weltweit verstreut und fordert in Problemfällen schnelle Lösungen. Altendorfer sollte quasi rund um die Uhr erreichbar sein – mal für Kunden aus den USA, mal für Auftraggeber in China. Ob er sich überhaupt bewusst sei, dass er so gut wie nie abschalten könne?, fragte die Lebenspartnerin – und traf damit ins Schwarze.

Altendorfer beschloss, sich selbstständig zu machen. Seine Überlegung: „So viel wie ich arbeite, könnte ich auch nur für mich an Zeit investieren.“ Klar war aber auch, dass er keine Firma gründen wollte. Daher hielt er Ausschau nach einer existierenden. Bei Online-Recherchen stieß er dabei immer wieder auf Hinweise zu der Handwerkskammer (HWK). Die könne Hilfestellung geben, und so war es dann auch. Altendorfer kontaktierte die HWK in Passau, die umgehend eine Liste von Unternehmen schickte, bei denen die Betriebsnachfolge ungeklärt war.

Altendorfer suchte sich 2019 eine Handvoll Firmen aus und entschied sich schließlich für Stahlbau Segerer im Maxhütter Gewerbegebiet Birkenzell. Den für die Übernahme erforderlichen Meistertitel holte er binnen weniger Wochen nach.

Auch Traditionsfirma Segerer litt unter Corona

Die Traditionsfirma Segerer bot attraktive Bedingungen: eine bewährte Mannschaft und passabel gefüllte Auftragsbücher. Der damalige Inhaber erklärte sich bereit, eineinhalb Jahre mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Eine reibungsloser Übergang schien also garantiert. Doch schon sehr bald kam etwas dazwischen: die Corona-Pandemie.

Sie erwischte auch Stahlbau Segerer mit voller Härte. Immer wieder mussten Mitarbeiter in Quarantäne geschickt werden, oder sie fielen aus, weil sie die Impfung flachgelegt hatte. Der Bürokratieaufwand stieg in ungeahnte Höhen, dafür schrumpften die Aufträge. Staatliche Hilfen verpufften wie der Tropfen auf dem heißen Stein. Kaum war Corona überwunden, machten sich die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine bemerkbar: Die Energie und Materialpreise gerieten außer Kontrolle. Ein Angebot einzureichen, wurde zum unkalkulierbaren Risiko. Bis zur Ausführung des Auftrags konnten sich die Beschaffungskosten für Stahl vervielfacht haben.

Wirklich in Schwung kommen will die Wirtschaft bis heute nicht, konstatiert Altendorfer nüchtern. Es werde einfach zu wenig gebaut. Außerdem seien die Lohn-, Energie- andere Kosten in Deutschland so hoch, dass es immer schwieriger sei, gegenüber osteuropäischen Mitbewerbern konkurrenzfähig zu bleiben.

Trotz allem gelingt es Altendorfer, der mittlerweile im Kreis Schwandorf auch wohnt, eine positive Bilanz zu ziehen. Der Weg, den er eingeschlagen habe, sei der richtige gewesen – und könne auch für andere der richtige sein. Gerne sei er bereit, dazu Fragen zu beantworten und Tipps zu geben. Denn bei einer Betriebsübernahme tauchten immer auch Dinge auf, mit denen man vorher nicht gerechnet habe.