Wenn die Worte einfach nicht aus dem Mund wollen: Hilfe für Neumarkter, die stottern

Von Katrin Böhm · 22. Juli 2025 um 05:00

Das Telefon klingelt, Christoph Hassel ist dran. Er grüßt mit einem freundlichen „Guten Tag“, bis er seinen Namen vollständig nennen kann, braucht es aber ein paar Anläufe – nicht ungewöhnlich bei Christoph Hassel. Der 22-Jährige stottert. Für ihn kein Grund, nicht zu sprechen, im Gegenteil – er engagiert sich im Vorstand der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe. An den Selbsthilfegruppen können auch Menschen aus Neumarkt teilnehmen.

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Herr Hassel, wie schwer fällt es Ihnen, irgendwo anzurufen?

Christoph Hassel: Bei mir ist es so wie gerade eben – besonders bei fremden Personen und beim Start eines Gesprächs ist es für mich relativ schwer. Manchmal habe ich auch eine stumme Blockade – dann hört mein Gegenüber am Telefon quasi gar nichts.

Wird es im Laufe der Jahre einfacher?

Hassel: Ich habe verschiedene Phasen. Es gibt Tage, an denen es mir leicht fällt und andere, an denen es mir schwerer fällt. Heute zum Beispiel ist es schwieriger, aber schon den ganzen Tag lang.

Sie arbeiten bei der Führerscheinstelle in Nürnberg – also in einem Beruf, in dem sie viel sprechen und auch mit unbekannten Menschen zu tun haben. Haben Sie sich das bewusst so ausgesucht?

Hassel: Ich interessiere mich seit ich etwa 16 bin für Kommunalpolitik und wollte seither immer in die Stadtverwaltung. Im Sommer letzten Jahres bin ich mit der dreijährigen Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten fertig geworden. Meine letzte Station war die Führerscheinstelle und da haben wir auch den Parteiverkehr getestet. Das hat für mich ganz gut geklappt und darum bin ich fest hier geblieben. Manchmal sind Tage dabei, an denen es schwieriger ist, aber im Großen und Ganzen habe ich es ganz gut im Griff.

Sie haben in Ihrem Beruf immer auch mit Menschen zu tun, die Sie nicht kennen und die nichts von Ihrem Stottern wissen. Wie reagieren die?

Hassel: Wenn die Menschen merken, dass ich ein bisschen anders spreche, dann sieht man schon in ihrer Mimik, dass sie verwundert schauen, aber auch hilflos sind, weil sie selbst nicht wissen, wie sie reagieren sollten. Gerade darum ist es mir auch wichtig, die Gesellschaft über das Thema aufzuklären.

Prominentes Beispiel: Auch die britische Schauspielerin Emily Blunt hatte früher Probleme mit Stottern. - Foto: picture alliance / dpa | Ian Langsdon

Wie sollte man denn reagieren?

Hassel: Vor allem sollte man mit Personen, die stottern, genauso sprechen wie mit Menschen, die nicht stottern. Wenn so ein Symptom kommt, dann sollte man einfach warten, bis das Gegenüber das Wort oder den Satz beendet hat und auch den Blickkontakt halten – wie eben auch in anderen Gesprächen.

Was ist wenig hilfreich?

Hassel: Ins Wort zu fallen oder den Satz für den anderen beenden. Manchmal höre ich auch Sprüche wie „Überleg nochmal, was du sagen willst“ oder „Atme nochmal tief durch“. Das geht gar nicht.

Die Schulzeit ist für Kinder, die stottern, oft hart – sie werden schnell zur Zielscheibe von Hänseleien oder werden als dumm beschimpft. Wie war es bei Ihnen?

Hassel: In der Grundschule war es bei mir im Grunde gar kein Problem. Als ich auf die Realschule gegangen bin, war es besonders in der fünften, sechsten und siebten Klasse schon schwierig. Da waren Mitschüler, die mich zum Teil gemobbt haben. In der neunten und zehnten Klasse war es dann wieder kein Problem mehr. Auch der Großteil meiner Lehrer hat sehr positiv reagiert. Bei den meisten war es so, dass sie vorher noch niemanden hatten, der stottert – darum finde ich es auch so wichtig, in Schulen die Lehrerkollegien aufzuklären.

Was sollten Lehrerinnen und Lehrer über Stottern wissen?

Hassel: Zunächst einmal ist es so: Wenn ein Lehrer schon 20 Jahre lang unterrichtet und meint, er hatte noch nie jemanden, der stottert, dann ist das womöglich falsch. Denn viele Kinder, die stottern, versuchen, ihr Stottern zu verstecken. Wenn Betroffene eher wenig Symptomatik zeigen, können sie es schaffen, dass Lehrer und Mitschüler das über Jahre nicht mitbekommen. Wenn eine Person zum Beispiel weiß, dass die Symptomatik bei diesem oder jenem Wort oder Satz auftreten wird, dann stellt sie zum Beispiel den Satz um oder verwendet andere Worte. Bei mir hat das wegen der stärkeren Symptomatik nicht geklappt. Und wieder andere Kinder, die stottern, sagen im Unterricht dann gar nichts oder nur wenig, weil sie Angst haben, ausgelacht zu werden.

Wie können Lehrkräfte da unterstützen?

Hassel: Ich finde wichtig, dass man mit den Schülern spricht, sie fragt, was zum Beispiel bei Präsentationen oder mündlichen Beiträgen die beste Variante wäre. Mich haben viele Lehrer darauf angesprochen. Ab der neunten Klasse bin ich direkt zu Beginn des Schuljahrs selbst zu den entsprechenden Lehrkräften und habe mit denen gesprochen.

Wenn Eltern während der Sprachentwicklung feststellen, dass ihr Kind stottert, wie sollten sie sich verhalten?

Hassel: Zunächst einmal die Ruhe bewahren und nicht in Panik verfallen. Manche Eltern glauben auch, sie haben in der Erziehung versagt und fühlen sich schuldig – das ist natürlich Unsinn. Man sollte frühzeitig mit logopädischer Behandlung beginnen. Bei manchen Kindern legt sich das dann bis zur Pubertät oder manchmal sogar schon nach kurzer Zeit wieder.

Häufig ist Stottern genetisch veranlagt.

Hassel: Ja, Stottern wird hauptsächlich vererbt. Bei mir in der Familie stottert niemand, aber es kann sein, dass Vorfahren eine Veranlagung dazu hatten.

Gibt es Buchstaben oder Worte, mit denen Menschen, die stottern, besonders große Probleme haben?

Hassel: Ich kenne mittlerweile 200 Menschen, die stottern. Da erlebt man eine große Bandbreite, die Ausprägung ist bei allen sehr verschieden. Viele haben Probleme mit Vokalen, das ist bei mir auch so. Aber auch sonstige Buchstaben können schwierig sein, das ist ganz unterschiedlich.

Welchen Vorurteilen begegnen Sie?

Hassel: Manchmal hat man das Gefühl, dass die Leute denken, dass man geistig eingeschränkt wäre. Aber zum Glück ist das nur noch wenig der Fall. Viele denken dafür, sie wüssten, was man als stotternder Mensch machen müsste, zum Beispiel wenn sie sagen, man solle mal tief durchatmen. Insgesamt würde ich sagen, dass da einfach eine große Unwissenheit da ist. Es ist mein Ziel, dem mit viel Öffentlichkeitsarbeit zu begegnen.

Stottern und Selbsthilfe:

• Stottern: Bundesweit stottern nach Angaben der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe etwa 830.000 Menschen, also ein Prozent aller Deutschen. Bei Kindern im Alter bis zu sechs Jahren ist der Anteil noch höher: Bei etwa fünf Prozent aller Kinder unter sechs Jahren tritt Stottern auf.

• Selbsthilfegruppe: In Nürnberg gibt es zwei Selbsthilfegruppen, die nach eigenen Angaben auch Menschen aus Neumarkt und dem Landkreis offen stehen. Die Flow-Gruppe richtet sich an Menschen ab 16 bis etwa 35 Jahren – hier sollen sich jüngere Menschen unter etwa Gleichaltrigen austauschen können. Außerdem gibt es eine zweite, altersunabhängige Gruppe, an der alle teilnehmen können. Wer Interesse an einer der Gruppen hat oder weitere Informationen benötigt, kann sich an Christoph Hassel wenden, E-Mail Christoph.Hassel-Stottern@web.de

• Informationen: Weiterführende Hilfe etwa zum Thema Sprachtherapie oder Nachteilsausgleich für stotternde Schülerinnen und Schüler gibt es bei der Bundesvereinigung, www.bvss.de. Der nächste Kongress „Stottern“ (kongress-stottern.de) findet im Oktober in München statt.