Wie ein Werkstoff aus Postbauer-Heng in Kreuzfahrtschiffen und Opernhäusern landet

In Kreuzfahrtschiffen, der Raumfahrt, der berühmten Oper von Sydney und in den meisten Fugenklebern verbergen sich Produkte „Made in Postbauer-Heng“. Die Firma Poraver produziert dort einen Stoff, den man fast überall gebrauchen kann. Besonders stabil zu sein, ist eine der Eigenschaften, die umso verwunderlicher ist, weil es sich um scheinbar so zerbrechliches Glas handelt.
David Veit Krafft hebt eine Betonkugel vom Boden auf. Sie ist groß wie ein Medizinball und sollte auch ebenso schwer sein. Doch der Geschäftsführer der Poraver GmbH kann sie spielend leicht mit einer Hand halten. Krafft ist kein Bodybuilder. Seine „Superkraft“ ist das Produkt seines Unternehmens: der Leichtzuschlagstoff Poraver.
Glas hat viele nützliche Eigenschaften
Mit der Kugel demonstriert er, was sich hinter dem Fachbegriff verbirgt. „Es ist leicht und dabei durch die Kugelform trotzdem extrem stabil. Außerdem hat es hervorragende akustische Eigenschaften und ist nicht brennbar, weil es reines Glas ist“, erklärt Krafft. All diese Eigenschaften führen dazu, dass den Einsatzgebieten kaum Grenzen gesetzt sind.
Besonders viel verarbeiten die Kunden Poraver in Fliesenkleber, Platten für den Innenausbau, im Brandschutz, in Spachtelmasse. Aber nicht nur die Baubranche kann mit dem Material etwas anfangen. „Auch der Automobilbau, die Schifffahrt und auch die Raumfahrt sind für uns interessant“, erklärt Krafft. Zum Beispiel lande das ultraleichte Glas in Estrichen von Kreuzfahrtschiffen.
Der Werkstoff besteht aus winzigen Glaskügelchen. Die gibt es in unterschiedlichen Körnungen. Die größten messen vier Millimeter, viele sind mikroskopisch klein. Eine besonders leichte Variante ist innen hohl, die meisten haben eine innere Struktur mit einzelnen Kammern, die an ein winziges Wespennest erinnern.

Wie genau das funktioniert, verrät das Unternehmen nur in Grundzügen. Alles fängt mit Glas an, das in einer überdachten Halle auf dem Gelände in Postbauer-Heng lagert. „Wir haben unterschiedliche Reinheitsgrade und Korngrößen“, erklärt Werksleiter Christian Weih. Eines ist aber allein gemeinsam, ergänzt Geschäftsführer Krafft: „Es ist 100 Prozent Recyclingglas. Wir müssen also nichts aus der Natur abbauen. Das macht unser Produkt nachhaltig.“
Das verwendete Glas ist meist zu fein, um zu neuen Flaschen verarbeitet zu werden und müsste aufwendig deponiert werden, gäbe es keine Abnehmer wie Poraver. Zahlreiche Glaslieferanten versorgen das Unternehmen, „die meisten davon aus der Region“, betont Weih. Rund 65 000 Tonnen Altglas verarbeitet Poraver pro Jahr weltweit. Das kommt bereits fein zermahlen am Werk an, wird noch einmal von letzten Störstoffen befreit und landet dann in der Produktion.
Dem Glasmehl wird ein Blähmittel beigemischt. Das sorgt dafür, dass das Glas aufschäumt, wenn es anschließend in den Öfen auf bis zu 900 Grad erhitzt wird. Dabei wird das Glas weich und formbar. Das Blähmittel beginnt zu reagieren: Es entstehen Gase, die das weiche Glas aufschäumen – „ähnlich wie ein Hefeteig im Ofen aufgeht“, erklärt Weih.
Einsatz beim 3D-Druck mit Beton und für architektonische Besonderheiten
Zusammen mit ihren Abnehmern entwickelt Poraver immer neue Varianten und sucht stets nach neuen Anwendungsgebieten. Wenn es neue Technologien gibt, tut sich oft auch eine Möglichkeit für das Blähglas auf, erklärt Krafft: „Poraver kommt zum Einsatz als Beimischung in Leichtbeton oder hochfestem Beton, aus dem zum Beispiel besondere architektonische Formen oder Kunstwerke hergestellt werden, die mit normalem Beton viel zu schwer und instabil wären.“ Auch beim 3D-Druck mit Beton kann der Zusatzstoff helfen, damit das bereits Gedruckte nicht unter dem eigenen Gewicht zusammenbricht.
Eine relativ neue Anwendung nennt das Unternehmen Extover, ein Feuerlöschmittel für Elektroautos, die sich mit konventionellen Mitteln kaum löschen lassen.

Das Löschmittel mit Blähglas macht auch einem solchen Brand schnell ein Ende. Und anders als Löschschaum habe es als Trockenlöschmittel den Vorteil, dass es keine Umweltgefahr darstellt. Nach dem Brand könne es einfach aufgesaugt und entsorgt werden. Inzwischen sei das Speziallöschmittel recht gefragt, erklärt Krafft.
Wenn E-Autos brennen, kommen die Glaskugeln zum Einsatz
Weil es nicht brennt, sondern ein Feuer ersticken kann, kommt Extover auch zum Einsatz, wenn Gefahrgut auf Reisen geht, zum Beispiel im Flugzeug, wo ein Feuer fatale Folgen hätte.
Die neueste Sparte des Unternehmens ist CosyHome. „Wir bieten seit Kurzem Fertighäuser an, die komplett ohne Kunststoff und ohne Beton hergestellt werden, sondern mit nachwachsenem Holz und Poraver aus Recyclingglas“, erklärt Krafft.
Die nachhaltigen Bungalows gebe es zum Festpreis von 350 000 Euro. An der Firmenzentrale in Schlüsselfeld gibt es seit Kurzem ein Musterhaus zu besichtigen. Ob sich die künftigen Bewohner darin ein bisschen fühlen wie im Sydney Opera House oder im futuristischen Kunstmuseum Louvre Abu Dhabi, in denen das gleiche Material steckt, müssen sie selbst herausfinden.
Die Entwicklung des Unternehmens
• Die Anfänge: In den 30er Jahren gründete Veit Dennert sen. einen Baustoffhandel und begann 1948 mit der Produktion von Baustoffen. Nach dessen Tod übernahmen seine Söhne Hans Veit und Heinz das Unternehmen. Nach dem Tod von Heinz wurde Hans Veit Dennert 2006 alleiniger Inhaber der Poraver GmbH.
• Erste Innovation: „Detoon“ heißt das erste Produkt, mit dem das Unternehmen den Baustoffmarkt aufmischt. Ähnlich wie beim Glas wurde Ton aufgebläht und als Leichtzuschlag in der Baubranche eingesetzt. 1960 bauten die Dennert-Brüder das Werk in Postbauer-Heng, wo der Blähton hergestellt wurde.
• Aus Ton wird Glas: 1983 gelingt es Hans Veit Dennert, das Prinzip des Leichtzuschlags aus Ton auf Glas zu übertragen. Er erfindet Blähglas. Von Beginn an wird Recyclingglas verarbeitet. Zwar weiß anfangs noch niemand recht etwas mit dem neuen Material anzufangen, noch dazu ist es vergleichsweise teuer, doch Poraver gelingt es, sein Blähglas am Markt zu etablieren und vielfältige Anwendungsbereich dafür zu finden.
• Werk Postbauer-Heng: 1984 wurde das Werk von der Blähton-Produktion umgestellt auf die Herstellung von Blähglas. Heute hat das Werk am Grünsberg eine Kapazität von rund 250 000 Kubikmetern pro Jahr. 5000 Tonnen recyceltes Glas warten in einer überdachten Halle am Werk auf die Verarbeitung.
• Weitere Werke: 2007 nahm das Werk im kanadischen Ontario die Produktion auf. Seit 2022 entstehen im Werk Schlüsselfeld bei Bamberg die Hohlkugeln, die noch leichter und druckfester sind. In Postbauer-Heng war damals kein Platz mehr gewesen.
• Stiftung: Die Zukunft soll die Hans Veit und Johanna Dennert Stiftung sichern. In sie sollen einmal alle Geschäftsanteile der Firmengruppe übergehen, die bisher noch Hans Veit Dennert und seine Ehefrau halten.