Dieses Feuerwehr-Team hilft, wenn Aktive selber Hilfe brauchen

Von Martina Hutzler · 16. Juli 2025 um 15:00

Feuerwehrler – das sind die taffen Frauen und Männer, die jede Lage mutig und cool meistern und immer bereit sind für den nächsten Alarm. Oder? – Mancher Einsatz belastet schwer. Dann haben die Aktiven im Landkreis Kelheim das „PSNV-E“-Team um Dr. Lisa-Marie Brunner an der Seite: Es leistet seelische Erste Hilfe für die Helfer.

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PSNV, das bedeutet: „Psychosoziale Notfallversorgung“. Und das „-E“ erinnert daran: Auch geschulte Einsatzkräften können - Erfahrung hin, Routine her – nicht jeden Einsatz spur- und mühelos innerlich ablegen wie außen ihre Schutzkleidung. Was man als belastend empfindet, hängt vom Erlebten ab, etwa Angst oder Hilflosigkeit, und auch von der eigenen Tagesform, schildert Lisa-Marie Brunner. Die promovierte Psychologin ist vom Landkreis als ehrenamtliche PSVN-Fachberaterin bestellt und und leitet im Kreis-Feuerwehrverband Kelheim das ebenfalls ehrenamtlich tätige PSNV-E-Team, das von der früheren Abensberger Pfarrerin Barbara Dietrich gegründet worden war.

Belastende Situationen

Wie alle im Team hat die 34-Jährige die reguläre Feuerwehr-Ausbildung (Modulare Truppausbildung, MTA) absolviert und weiß als Feuerwehrlerin (wenn auch aktuell in der Babypause) um erfahrungsgemäß besonders schwierige Situationen für Aktive. Es sind Einsätze, in denen man sich selbst in Lebensgefahr begibt, etwa im Innern von brennenden Gebäude; ebenso Einsätze, in denen es Schwerverletzte oder gar Todesopfer gibt. Und Einsätze, bei denen man vor Ort feststellt, dass jemand aus dem eigenen Umfeld betroffen ist, vielleicht sogar jemand aus der eigenen Feuerwehr.

Bei der Integrierten Leitstelle ist hinterleg, dass bei bestimmten Einsatz-Stichwörtern gleich das sechsköpfige PSNV-Team mitalarmiert wird. Es kann aber auch von der Einsatzleitung nachgefordert werden, wenn diese vor Ort erkennt, dass Hilfe nötig ist. Etwa ein halbes Dutzend PSNV-Einsätze pro Jahr kommen auf diese Weise zusammen. Die sechs klären jeweils intern kurz ab, wer einen Einsatz übernehmen kann – „wir versuchen möglichst zu zweit zu sein“ – und diejenigen rücken aus.

„Vor Ort sind wir sichtbar, aber trotzdem im Hintergrund. Wir schauen zu, beobachten und signalisieren, dass wir jederzeit ansprechbar sind.“ Dass die PSNVler von sich aus jemanden ansprechen, ist eher die Ausnahme. „Denn an sich sind ja Feuerwehrler schon erfahren im Umgang mit Belastungen und haben ihre Bewältigungsstrategie.“ Die PSNV-ler fahren dann auch mit zur Einsatz-Nachbesprechung ins Gerätehaus; kommen auf Wunsch sogar zu einem nachträglich anberaumten Termin nochmals – auch das passiert einige Male im Jahr.

Manches begleitet einen

So selbstverständlich wie die technische, taktische Aufarbeitung eines Einsatzes sollte auch der Hinweis darauf sein, dass manchem ein schwieriger Einsatz auch mal länger nachgehen kann, dass man schlechter schläft oder ins Grübeln verfällt. „Wir erklären dann, dass das nicht ungewöhnlich ist, sondern einfach menschlich. Und bieten das Gespräch an.“ Die Psychologin bemüht gerne das Bild vom Ruderboot.

„Grundsätzlich gibt es zwei Bewältigungsstrategien für Belastendes: Abstand nehmen zum Beispiel, indem man sich mit etwas Schönem ablenkt. Und Auseinandersetzung zum Beispiel, indem man mit Anderen über die Situation redet“. Aber auf nur eine Strategie zu setzen, lasse einen im Kreis drehen - wie im Boot mit nur einem Paddel. „Erst mit beiden Paddeln komme ich voran.“

Dr. Lisa-Marie Brunner ist im Landkreis Kelheim die Fachberaterin für die Psychosoziale Notfallversorgung vom Feuerwehr-Einsatzkräften. - Foto: Hutzler

Zentral sei der Kameradschaftsgedanke in der Feuerwehr, weiß die Psychologin, die beruflich am Regensburger Bezirkskrankenhaus in der Forschung arbeitet: Im FFW-Kreis kennt jeder den Jargon, die Fachausdücke – und die Erfahrung, dass einem das Erlebte unter die Haut gehen kann. Wichtig sei deshalb, dass die Aktiven aufeinander achten – auch längere Zeit nach einem belastenden Einsatz. „Wenn jemand sein Verhalten auffällig ändert“, sich womöglich gar aus der Feuerwehrarbeit zurückzieht, könnte das ein Signal sein – und ein Grund, beim Kameraden, der Kameradin mal nachzufragen.

Dafür zu sensibilisieren – insbesondere die Kommandanten und Führungskräfte - und das Thema zu ent-tabuisieren, sei Prävention und damit eine Hauptaufgabe des PSNV-E-Teams. Zwar steht schon bei der MTA-Ausbildung der Umgang mit Belastungen im Einsatzwesen im Lehrplan. Aber Ziel sei, dass jede Einsatzkraft im Landkreis mindestens eine Schulung zu dem Thema erhält. Auch Workshops bietet das Team an.

Aktive als „Peer-Gruppe“

In diesem Team ist nur Lisa-Marie Brunner sozusagen „vom Fach“. Bei der PSNV-E steht der „Peer-Gedanke“ im Vordergrund: FFW-Aktive helfen und beraten Ihresgleichen. Dafür haben alle sechs die beiden fünftägigen Lehrgänge an der Staatlichen Feuerwehrschule absolviert und sich mit Aspekten wie Psychotraumatologie und Stressbewältigung auseinandergesetzt.

Der Lohn all der Mühen? „Wenn man merkt, dass die Resonanz gut ist und die Leute sich mit unserer Präventionsschulung selber Grundlagen schaffen, um belastende Situationen zu bewältigen. Und: dass man bei Einsätzen einen wichtigen Beitrag leisten kann.“

Leisten seelische Erst-Hilfe für Feuerwehr-Aktiven: (v. li.) Martin Brunner, Andreas Grätz, Stephanie Aukofer, Lisa-Marie Brunner, Christopher Neumeyer, Benjamin Rautenberg - Foto: Robert Aukofer