Nach Vorfall auf Chamer Parkdeck: So sehen Einsatzkräfte im Landkreis das Gaffer-Problem

Bundesweit beschweren sich immer mehr Rettungskräfte über Gaffer, die oft kaum mehr irgendwelche Hemmschwellen besäßen. Auch in Cham sind dort, wo Feuerwehr oder Notarzt im Einsatz sind, schnell Schaulustige vor Ort. So sehen Einsatzkräfte im Landkreis die Situation.
Längst wurde das Thema im Bayerischen Landtag zum Politikum, der jüngste Vorstoß, Schaulustige abzuschrecken, stammt vom obersten deutschen Feuerwehrmann. Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands, Karl-Heinz Bause, fordert für Gaffer Führerscheinentzug.
Gaffer filmen vom Parkdeck Motorrad-Unfall und Verletzte
Cham, Anfang Mai. Zwei 16-Jährige stoßen mit ihren Mofas nähe Floßhafen zusammen. Polizei, Notarzt und Sanitäter sind im Einsatz, ein Hubschrauber fliegt einen der beiden verletzten Zweiradfahrer ins Krankenhaus. Vom oberen Parkdeck des Parkhauses filmen und fotografieren etliche Zuschauer das Geschehen. „So etwas kommt schon auch vor bei uns, aber es ist eher die Seltenheit“, sagt der Kommandant der Chamer Feuerwehr, Markus Reittinger. „Man versucht, die Personen bestmöglich abzuschirmen.“ Das Equipment dafür ist bei den Einsatzdiensten im Landkreis vorhanden, „in den letzten Jahren haben wir aufgerüstet mit Sichtschutz, das ist kein Problem“, sagt Kreisbrandrat Michael Stahl, der sich in der Gaffer-Frage von seinem obersten Chef distanziert. „Warum muss man immer alles mit Strafen belegen, damit die Leute vernünftig sind? Man wird nie vermeiden können, dass die Leute still halten und schauen, wenn es was zu sehen gibt.“
Platzverweis für Gaffer möglich
Im Übrigen gäbe es bereits jetzt die Möglichkeit, Schaulustige zu bestrafen, die im Weg stehen und Einsatzkräfte behindern. „Die Polizei kann auch jetzt schon Platzverweise erteilen oder Leute wegen Behinderung anzeigen. Man sollte aber mehr auf den gesunden Menschenverstand setzen“, so die Meinung Stahls. Er hält das Verhalten von Gaffern für menschlich. „Wenn im Dorf die Sirene geht, dann kommen die Leute halt.“ Zu einem größeren Problem würden Gaffer sicherlich auf Autobahnen, wenn durch anhaltende Autos oder Langsamfahrer der Verkehrsfluss behindert oder sogar die Anfahrt der Rettungskräfte behindert werde.
„Es gibt Gaffer und Gaffer“, will Reittinger einen Unterschied deutlich machen. „Auf Autobahnen beispielsweise wäre ich sofort für einen Führerscheinentzug, wenn welche den Verkehr gefährden, weil sie ihrer Handys zücken und gar nicht mehr auf den Verkehr achten. Wer auf die Gegenspur schaut, hat seinen Vordermann nicht mehr im Blick, das ist doch klar.“
Autofahrer kommen Rettungsdiensten als Geisterfahrer entgegen
Auch Tobias Muhr, stellvertretender BRK-Rettungsdienstleiter und Katastrophenschutzleiter im Landkreis, stellt den Unterschied zwischen Neugierde und gefährdendem Verhalten heraus. „Es ist irgendwie doch ganz natürlich, dass es Menschen da hinzieht, wo ein außergewöhnliches Ereignis stattfindet. Das hat man überall.“ Schwierig werde es erst dann, wenn Einsatzkräfte behindert oder beschimpft oder belästigt würden. „das kommt so gut wie nie vor in unserer Region“, ist Muhr dankbar. Problematisch sei schon eher, dass es immer wieder vorkomme, dass die Rettungskräfte behindert würden, weil Autofahrer oder sogar Lkw-Fahrer bei gesperrten Straßen den Stau vermeiden möchten und urplötzlich ausscheren, um umzudrehen.
„Das kommt immer wieder auf den Bundesstraßen vor, und kann ganz schön brenzlig werden, wenn der Rettungswagen daherkommt, und plötzlich ein Auto ausschert oder ein Laster wende will. Der schafft das ja nicht einmal in einem Zug und braucht ein paar Minuten für das Manöver.“Es sei auch schon vorgekommen, dass dem Rettungswagen plötzlich ein Geisterfahrer auf der freien Spur entgegenkommt. „Das kann fatal sein“, so Muhr.
Härtere Strafen für normale Gaffer?
Härtere Strafen für normale Gaffer fordert Muhr dagegen nicht. „Wer will das schon entscheiden, wer vielleicht einfach einmal eine unbewusste Fehlentscheidung trifft, weil er von einer Situation angezogen wird. Das passiert doch jedem einmal, dass er was macht, was er vielleicht normalerweise gar nicht tun würde. Wer entscheidet dann, wer wie stark bestraft wird? Es geht einem doch selber auch oft so, dass man schaut.“ Erst dann, wenn ganz bewusst gestört und behindert wird, sieht Muhr die Grenze überschritten.

Bereits in der Vergangenheit hatten Polizeibeamte immer einmal wieder Schaulustige am Rand von Unfallszenarien dazu aufgefordert, unter Aufsicht ihre gemachten Fotos zu Löschen. Reittinger weiß: „Das ist eigentlich nie ein Problem. Die machen das, und dann ist es gut.“