Ein Saxofonist, der mit den Füßen spielt, Studierende, die begeistern und andere Entdeckungen

Gefragt, was sie gern höre, meinte eine Sicherheitsfrau, die am Samstag zwischen Haidplatz und Neue-Waag-Gasse Dienst schob, lachend: „Ich höre alles, außer Jazz“. Die Vielen, die an den drei Tagen in die Altstadt gekommen waren, um eben diese Musik zu hören, bekamen von brasilianischer Musik, über tanzbare Clubsounds, Soul und Pop, Jazz vom Dixieland bis zur freien Improvisation und zum Hip Hop eine Vielfalt und einen musikalischen Reichtum geboten, wie er bei kaum einem anderen Genre zu finden ist.
Alleine, was die Stuttgarterinnen Jasmin Kleinhans alias Nuria Noba und Natalia Rose an Einflüssen in ihre Songs und Kompositionen packen, kann schon eine halbe Zeitungsseite füllen, wollte man alles aufdröseln. Sängerin Noba und die aus Kolumbien stammende Gitarristin schreiben gemeinsam an ihrer Musik, in der Formen und Farben von Fusionjazz über Pop bis Ambient und Hip Hop zusammenfließen. Ihr Auftritt mit Francesco Beccaro am funkigen elektrischen Bass und Schlagzeuger Max Simancas als Yaela ist eine von mehreren Entdeckungen, wie sie seit der gründlichen Reform des Festivals erfreulicherweise wieder verstärkt möglich sind. Das hat auch Auswirkungen auf das Publikum. Bei Yaela bevölkerten weit mehr junge Zuhörerinnen den Haidplatz wie man es sonst von dieser Bühne her kennt. Aufmerksam folgten diese Sängerin Noba, die mit ihrer etwas dünnen Stimme knurrte und knarzte und im eindringlichen Sprechgesang Gedanken und Gefühle über ihre Lebenswelt vermittelte, die individuelle wie gemeinschaftliche Erfahrungen anzusprechen in der Lage sind. Fantastisch die aufwühlenden Soli von Rose auf ihrer roten Jazzgitarre, die entfernt an Volker Kriegel vom United Jazz & Rock Ensemble erinnerten.
Peitschendes Höllengebräu
Inhaltlich durchaus ähnlich, vermittelt das international besetzte Trio mit dem skurrilen Namen Three and a Half, dreieinhalb auf deutsch, seine Vorstellungen rein instrumental mit Schlagzeug, brennender E-Gitarre und Saxofon. Das halbe Mitglied sind dann die Füße des Saxofonisten Edi May, der damit in bunten Socken Bassstimme auf einem kleinen Synthesizer spielt. Damit kreieren der aus Kalifornien kommende Drummer Nate Carruthers, der mit seinem energiegeladenen Spiel deutliche Wurzeln im Noise und Punk hat, May und Gitarrist Oscar Mosquera aus Kolumbien eine eigene Mischung aus Jazz, Rock und frei improvisierter Musik. Als Gastsolistin fügte Saxofonistin Katharina Pfeifer dem packenden vielfarbigen Sound weitere spannende Akzente hinzu.
Die als Jazzrock und später Fusion bekannte Verbindung zweier populärer Genres erlebte heuer eine Renaissance in verschiedenen Varianten. An die Powerspielart der 1980er Jahre wie sie von Bands wie Giger-Lenz-Marron entwickelt wurde, knüpfte das Linzer Trio X!XU, „Schischu“ gesprochen, mit eigenen Stücken wie „Eternal“ und „Mosaik“ an. Am Abend zuvor setzte das österreichische Quartett Solarna Bura, ein „Ableger von der gemütlichen Version Gewürztraminer“, wie Gitarrist Gidon Öchsner spitzzüngig verkündete, den Rehorik-Hof unter vulkanisches Feuer. Mit teuflisch ungeraden Taktarten, leidenschaftlichen Balkansounds aus dem Balg von Atanas Dinovskis Akkordeon und höllisch aufjaulender Gitarre fusionierte die Band Heavy, Speed und Jazz zu einem peitschenden Höllengebräu. Etwas gemächlicher ließ es Rokost angehen, das Quartett des Hamburger Trompeters Michel Schroeder. Solistisch durchaus beeindruckend, wirkte das musikalische Konzept aus Fusion und modernen Jazzelementen noch nicht wirklich ausgereift und überzeugend.
Zart gehauchte Töne
Danach war die Combo Tsombanis4 der Wiener Saxofonistin Anna Tsombanis mit zwei Kontrabässen und einem differenziert aufspielenden Schlagzeuger eine echte Erholung und ein großer Genuss. Zwischen zarten gehauchten Tönen auf dem eigentlich lauten Tenorsax, ausdrucksvollen Bassduetten und einem Schlagzeug, das durch „Geröllfelder“ stolpert und wirbelt, tut sich ein weiter Raum voller musikalischer Poesie und sprühender Energie auf.
Auf zwei Ensembles muss noch eingegangen werden: Zum Tribute-Concert entwickelte sich der Auftritt des Lalo Large Ensemble der Musikhochschule Würzburg. Der Namensgeber, der argentinische Komponist Lalo Schifrin, war zwei Wochen zuvor gestorben. Mit den Titelmelodien von „Mission Impossible“, Schifrins bekanntester Filmmusik, aus „Bullitt“ und der Serie „Mannix“ begeisterte die Band die Zuhörer am Bismarckplatz. Gleiches erlebte das Augsburger Quartett Vatapá mit seelenvoll gespielter brasilianischer Musik von Hermeto Pascoal, Gaetano Veloso und anderen auf zwei exzellent harmonierenden Gitarren, feiner Schlagzeugbegleitung und Bass.


