Beim Festival in Frauenzell: Drei Tage Literatur ohne Ablenkung

Von Marianne Sperb · 13. Juli 2025 um 16:49

In der Natur im Landkreis Regensburg lasen Literatur-Stars sowie regionale Autorinnen und Autoren. Martina Hefter, Trägerin des Deutschen Buchpreises, las aus ihrem preisgekrönten Roman „Hey guten Morgen wie geht es dir?“

Martina Hefter, Trägerin des Deutschen Buchpreises, trieb sich einen ganzen Tag auf dem Land herum – beim Literaturfestival Frauenzell im Kreis Regensburg. Ein schöner Beleg für den Reiz des Fests der Worte, das unter dem Motto „Spuren suchen“ nach 2023 zum zweiten Mal das alte Kloster kaperte. „Eine Ehre“, wie Carola Kupfer, Vorsitzende des Schriftstellerverbands Ostbayern, am Samstag sagte.

Martina Hefter las aus ihrem preisgekrönten Roman „Hey guten Morgen wie geht es dir?“. Er verwebt Fakten und Fiktion, kreist um Liebesbetrug, fragile Beziehungen und Neokolonialismus. Die Schriftstellerin performt, tanzt und schreibt und bei allem treibt sie das Ringen um die Form, wie sie erzählt. Die Ambivalenz von Lüge – Bedingung jeder Literatur – und Wahrheit interessiert sie und alles will sie ganz genau nehmen. Deshalb justiert sie auch sanft nach bei Moderatorin Cordula Carla Gerndt. Im Gespräch kommen sie in die Tiefe.

An die 100 Menschen lauschen. Das Festival zieht. Der Ort im Grünen ist sogar ein Vorzug. „Wer kommt, bringt echtes Interesse mit“, sagt Carola Kupfer. Am Land, offline und ohne Ablenkung, ist drei Tage lang etwas Seltenes zu erleben: eine Fülle von Anregungen für Hirn und Herz in so relaxter wie konzentrierter Atmosphäre. Die Gäste – 800, vielleicht gar 1000 werden es am Sonntagabend sein – lassen sich ein auf die literarische Landpartie, bei der alles handgemacht und die gleichzeitig umsichtig und picobello organisiert ist.

Krimis, Konzerte, Kinderbuch

Ein Jahr hat der VS Ostbayern das Fest vorbereitet; am Wochenende ist er mit Mann und Maus an Bord. Mitglieder moderieren, lesen eigene Beiträge, mischen, wie Verleger Dieter Lohr und Autorin Angela Kreuz, musikalisch mit. Das Fest wird getragen von Idealismus, auch wenn es Zuschuss bekommt, sogar von Bayerns Kunstministerium sowie vom Landkreis und der Gemeinde Brennberg, die den Shuttledienst stellen.

Die Vielfalt ist enorm. An die 40 Veranstaltungen versammeln berühmte Namen und Newcomer, Gedichte, Romane, Krimis und Kinderbücher, Kirchenführungen, Kurzkonzerte, Salongespräche, eine Fotoausstellung und Workshops. Uff!

Martina Hefter ist der Star, klar, aber nicht der einzige. Steven Uhly bestreitet den fulminanten Auftakt am Freitag mit „Königreich der Dämmerung“, seinem düsteren Roman über Morde an Juden 1944 und die Suche nach Wahrheit. Er hatte 180 Seiten geschrieben, erzählt er, dann stockte die Arbeit, bis er das Buch nach viel Recherche beendete. Zwei Stunden hört das Publikum ganz still zu. „Am Ende mussten wir die Leute rausschieben“, sagt Kupfer.

Andrea Maria Schenkel, die teils in Regensburg, teils bei New York lebt, ist für Sonntagabend angekündigt mit historischen Kriminalfällen, davor Temperamentsbündel Adriana Altaras mit ihrem lebensklugen, witzigen Buch „Besser allein als in schlechter Gesellschaft“. Bereits am Samstag stellt Andreas Pflüger mit wohlklingender Stimme seinen wunderbar bilderreichen Thriller „Wie Sterben geht“ vor. Er lässt tief blicken in Interna des BND, wo er exklusiv recherchierte. „Ich wäre vermutlich ein guter Agent geworden. Aber Schreiben ist doch schöner“, sagt er. Wer ihn verpasst hat: Im Oktober liest er in Regensburg.

Frau Lesenoch schläft nicht

Das halb sanierte Kloster wird zur idealen Bühne. Im barocken Refektorium mit der Stuckdecke, getüpfelt von Befundfenstern, wird mit gellenden Pfiffen Birdy gefeiert, die Gewinnerin des Poetry Slams. Und auf der Klosterwiese trifft man sich zu „Lyrik unterm Apfelbaum“ (der in Wahrheit ein Birnbaum ist). Poeten der Region lassen ihre Worte wirken. Barbara Krohn aus Regensburg bietet „Alltagsrettungen“ an. Und Anja Utler, Leipzigerin aus Schwandorf, trägt den Trauerrefrain „Es beginnt“, 2024 mit dem Peter-Huchel-Preis geehrt, so fein pointiert und rhythmisch vor, dass die Lesung zur Performance gerät.

Eine Entdeckung: Claudia Böckel, Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin, als Autorin bezaubernder Texte, die exakt recherchiert sind und von Fantasie beflügelt. Frau Lesenoch und Herr Schlafeschon treten auf und Nashorndame Clara, die 1747 nach Regensburg kommt.

Eva Honold von der Kulturschmiede Kallmünz, zweite Vorsitzende im VS Ostbayern, hat mit Sofa, Stehlampe, Teppich und alten Fotos einen Salon eingerichtet, die Werkstatt „Wortgeheuer“, ein Glanzlicht des Festivals. Anna Zach, im Abt-Haus geboren, erzählt hier vom Kloster. Bayerisches Wortgut – Stoffl, Bazi, renna – wird ins Licht gehalten. Andere Gäste schickt Eva Honold durchs Kloster zur „Wortklauberei“, um kleine Dinge zu finden und über sie zu schreiben. Nicht nur die Großen, auch jüngste Autoren finden da vor allem eins: ein Riesenvergnügen.

Steven Uhly beleuchtet in „Königreich der Dämmerung“ die Situation der „Displaced Persons“ nach dem Zweiten Weltkrieg. - Foto: Michael Koob