Autor Steven Uhly: „Es ist gut, in den eigenen Abgrund zu blicken“

Der Schriftsteller ist durch Romane wie „Glückskind“ und „Die Summe des Ganzen“ weithin bekannt. Nun liest er beim Literaturfestival in Frauenzell und erklärt vorab im Interview, warum er über seine Figuren nicht urteilt. Auch dann nicht, wenn diese abscheuliche Dinge tun.
MZ: Herr Uhly, die Londoner Times lobte Ihren Roman „Königreich der Dämmerung“ als „powerful and original“. Das Buch umfasst mehr als 30 Jahre, mehrere Generationen – und sehr viel Zeitgeschichte. Wie gingen Sie an die Recherche heran?
Uhly: Die größte Problematik war herauszufinden: Was geschah unmittelbar nach der deutschen Niederlage? Es gab ja keine funktionierenden Archive mehr, keine Institutionen, keine Infrastruktur. Für mich war das Problem: Wie kommt man an Informationen über ein Land, das selber keine Informationen mehr sammelt?Ich recherchierte in US-Militärarchiven und in Israel. Das Schwierigste war, Erich Frank aufzutreiben. Ihm war ich ein Jahr lang auf der Spur. Es gab keine Erinnerung an ihn, obwohl er ein Held war. Was er geleistet hat, war unglaublich.
Frank war verantwortlich für die Aktionen der Brichah. Diese zionistische Fluchthilfeorganisation schmuggelte Überlebende des Holocaust aus Osteuropa, damit sie später nach Israel auswandern konnten.
Uhly: Erich war Deutscher aus Wuppertal. In der Zeit vor der Wannsee-Konferenz organisierte er in regelmäßigen Treffen mit Adolf Eichmann den Freikauf von Juden aus dem KZ. Als nach der Wannsee-Konferenz klar war, das wird noch schlimmer, ist er selber nach Israel. Der israelische Staatsgründer David Ben-Gurion bat ihn am Kriegsende, nach Europa zurückzukehren, um „die Reste einzusammeln“.
Wie kamen Sie Erich Franks Biographie doch noch auf die Spur?
Uhly: In Deutschland gibt es nichts in den Archiven. Schließlich kam ich auf ihn über einen Freund meines Sohnes, der Jude ist. Dessen Großmutter hatte einen israelischen Freund aus der Gegend von Tel Aviv, der regelmäßig nach München kam. Den fragte ich: Könntest du herausfinden, ob irgendjemand etwas über Erich Frank weiß? Tatsächlich erinnerte er sich, dass er mit dem Sohn von Frank gearbeitet hatte. Und er lud mich nach Israel ein. So bin ich zur Familie von Erich Franks Kindern gekommen. Die haben mir ganz viel erzählt über ihn. Das war großartig – plötzlich konnte ich seine Geschichte erzählen.
Was für ein unglaublicher Zufall! War Erich Frank Ausgangspunkt für das Buch? Oder wollten Sie davon erzählen, inwiefern der Nationalsozialismus bis in die Gegenwart reicht?
Uhly: Ich wollte von NS-Kontinuitäten erzählen. Von dem Reden von der „Stunde Null“ und „Wir müssen die Vergangenheit hinter uns lassen“. Die FDP hat schon 1946 mit dem „Schlussstrich“ geworben. Und das fand ich alles empörend, denn so funktioniert es nicht.
Wie dann?
Uhly: Ich verstehe den Holocaust als den vollkommen fehlgeleiteten Versuch, ein Volk und eine Identität herzustellen – durch Ausschluss. Der Holocaust, wenn wir ihn wirklich verstehen, kann uns befreien von diesem engstirnigen Nationalismus, der immer etwas Provinzielles hat. Wenn wir anerkennen, dass wir keinen Siegermythos am Beginn unserer Kultur haben, können wir vielleicht etwas Positives draus machen. Wir sollten den Holocaust nicht hinter uns lassen, sondern als eine unserer Wurzeln begreifen.
War das für Sie die Motivation, diesen Roman zu schreiben?
Uhly: Ja, für mich ist dieses Buch eine Herzensangelegenheit, weil ich selber immer mit Rassismus konfrontiert war. Deutschsein war für mich immer ein doppeltes Problem.
Inwiefern?
Uhly: In Deutschland wurde ich nicht als Deutscher gesehen und im Ausland habe ich mich geschämt, Deutscher zu sein. Natürlich war ich Deutscher, aber ich wurde nicht als solcher angenommen. So habe ich mich einerseits als Teil des Volkes der Täter gesehen, aber wegen dieses Rassismus stand ich auch auf der Seite der Opfer. Als es nach der Wiedervereinigung die Pogrome in Solingen, Rostock, Lichtenhagen und Hoyerswerda gab, fielen viele Menschen aus allen Wolken: „Wieso? Wir waren doch gut!“ Es gab ein aufgezwungenes Narrativ von der geläuterten Nation, das nicht der Wirklichkeit entsprach.
Ihre Figuren haben ausgefeilte Biographien und Eigenheiten. Wie kommen Sie auf die alle?
Uhly: Als Schriftsteller beschäftigt man sich ja viel mit dem, was so im Geist passiert. Und ich glaube, Schriftsteller haben ab einem bestimmten Punkt keine Identität mehr. Ich habe das Gefühl, wenn ich erzähle, bin ich nicht mehr als ich selber vorhanden, sondern bin wie eine Bühne, auf der die Figuren auftreten. Sie handeln und ich schreibe auf, was die tun. Das hat etwas sehr Synästhetisches, weil ich fühlen kann, was sie fühlen, denken kann, was sie denken und so weiter und so fort.
Manche Ihrer Figuren tun abscheuliche Dinge. Wie bringt man für die Empathie auf, wie denkt man sich so tief hinein?
Uhly: Ich glaube, jeder Mensch will gut sein. Aber wenn man über sich selbst nachdenkt, stellt man fest, dass man weder gut noch schlecht ist. Man ist zu allem Möglichen fähig, je nach Situation. Und ich glaube, Schriftsteller sind Menschen, die das wissen. Die schon mal einen Blick in den eigenen Abgrund geworfen haben und gesehen haben: Wow, da sind Möglichkeiten, die möchte ich eigentlich nicht ausleben. Aber ich möchte es gerne erzählen. Es ist ja auch gut, da reinzugucken, doch das geht nur, wenn ich nicht urteile.
Warum?
Uhly: Verurteile ich jemanden von Anfang an, kann ich nicht von ihm erzählen. Dann begreife ich ihn als Menschen nicht. Ein Urteil ist ein Ende, eine Form von Bequemlichkeit. Ich weiß, ich bin gut, der andere ist scheiße und ich kann weiterleben, ohne etwas überdenken zu müssen. Aber wenn ich jemanden beschreibe, dann muss ich ihn als Menschen sehen. Wenn wir ehrlich darüber nachdenken, dann ist sogar der widerwärtigste AfD-Politiker ein Mensch wie jeder andere. Auch er will glücklich sein, auch er hat Ängste und Sorgen wie ich. Aber irgendwas läuft komplett anders bei ihm. Dem kann ich auf die Spur kommen und dadurch den Zusammenhang mit dem Menschlichen sehen.
Interview: Katharina Kellner
Steven Uhly: Der Autor, der Roman und die Lesung
Der Schriftsteller: Nach einer Ausbildung zum Dolmetscher und Übersetzer in Valencia studierte Uhly Germanistik sowie spanische und portugiesische Literatur und Sprache in Köln, Bonn und Lissabon. Er lebte fast fünf Jahre in Brasilien und heute in München. Uhly übersetzt Lyrik und Prosa aus dem Spanischen, Portugiesischen und Englischen. Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Bengale. In Regensburg stand sein Roman „Glückskind“ 2016 im Mittelpunkt der ersten Ausgabe von „Regensburg liest ein Buch“, 2023 stellte Uhly in Regensburg seinen Roman „Die Summe des Ganzen“ zu sexualisierter Gewalt in der Kirche vor, organisiert vom Betroffenen-Beirat.
Der Roman: „Königreich der Dämmerung“ erschien 2015 und wurde auf Englisch übersetzt. Der Titel spielt an auf eine Zeit des Übergangs kurz vor und nach dem Kriegsende. Uhly sagte, in dieser Zeit der Dämmerung passierten „Dinge, die wir überspringen im Wunsch nach Klarheit“.
Literaturfestival: Steven Uhly liest am 11. Juli, (19.30 Uhr) beim Literaturfestival Frauenzell (bei Brennberg, Kreis Regensburg) aus „Königreich der Dämmerung“, danach ist Get together mit dem Autor und Livemusik. Beim Literaturfestival (11. bis 13. Juli) gibt es Vorträge, Workshops, Konzerte. Es lesen Nico Bleutge, Udo Kaube, Barbara Krohn, Anja Utler, Andreas Pflüger, Adriana Altaras und Andrea Schenkel.