Das Welterbe auf links gedreht: donumenta bringt Interventionen in den öffentlichen Raum

Von Katharina Kellner · 27. Juni 2025 um 19:12

Was, wenn die Donau in die andere Richtung fließen würde? Zum Donautag präsentiert die donumenta Arbeiten von Artists in Residence aus Bosnien und Herzegowina, Tschechien, Österreich un der Ukraine.

Regensburg hat alles: Geschichte, alte Steine – aber wer zeitgenössische Kunst sucht: Fehlanzeige! So sagte es sinngemäß am Freitag Regina Hellwig-Schmid, künstlerische Leiterin der donumenta. Sie selbst ist es allerdings, die seit Jahrzehnten zeitgenössische Kunst mit kritischem Potenzial ermöglicht und die der manchmal selbstgefälligen Welterbestadt so neue Denkanstöße und Blickrichtungen schenkt.

Manchmal sogar buchstäblich, wie die Installation „Reverse Danube“ von Bojan Stojci zeigt. Sie erweist sich als eine Art riesige Regenrinne auf Stelzen, die auf der Jahninsel die Blicke umlenkt. Damit baute der Künstler die 2830 Kilometer lange Donau im Maßstab 1:100 000 modellhaft nach – mit umgekehrtem Verlauf: Regnet es auf die Installation, fließt das Wasser nicht, wie der Fluss daneben, von West nach Ost, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Damit erinnert Stojci an die Flucht aus seiner Heimat Bosnien und Herzegowina nach Westen – seine Generation sei an diese Migrationsbewegung verloren. Aber auch an den Hunger des Westens nach Rohstoffen im Osten, wie sich am Beispiel Lithium zeigte, sagt der Künstler im Gespräch.

Insgesamt hat die donumenta diesmal vier internationale Künstler losgeschickt: Unter dem Titel „World Heritage Revisited“ recherchierten neben Stojci Anna Zvyagintseva aus der Ukraine, Erika Velická aus Tschechien und Johanna Tinzl aus Österreich vier Wochen lang und richten den Blick von außen auf das Welterbe. Nun setzen sie ihre Arbeiten für drei Monate in den öffentlichen Raum. Die donumenta stellte sie am Freitag zum internationalen Donautag vor, der jedes Jahr am 29. Juni die Donau als Kunst, Kultur und Geologie verbindendes Element feiert.

Metallene Emoticons

Beim Auftakt im Besucherzentrum Welterbe sagte Annemarie Türk aus Wien, die für Kulturaustauschprojekte im Donauraum internationale Artists in Residence kuratiert, Projekte und Initiativen wie die donumenta seien auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs unerlässlich. Die Arbeiten der Artists-in-Residence-Programme offenbarten häufig das weiter bestehende Ungleichgewicht zwischen Ost und West.

Hellwig-Schmid sagte, die Künstlerinnen und Künstler fänden oft „verborgene oder vergessene Geschichte und Geschichten. Nicht immer Dinge, die uns mit Stolz erfüllen wie oft in Führungen partiell vermittelt, sondern eben auch harten Tobak.“

So wie Johanna Tinzl, deren Skulpturen aus geschmiedetem Eisen am Marc-Aurel-Ufer aussehen wie mit leichter Hand skizzierte Gesichter – oder metallene Emoticons. Tinzl sieht sie als Geister an, die „aus den Schichten der Stadt aufsteigen“. Mit „Das Unrecht von damals“ geht sie weit zurück in die Regensburger Stadtgeschichte und erinnert an die während der Römerzeit und im Mittelalter versklavten Menschen. Sie fand eine Handelsliste, die Menschen wie eine Ware neben Honig und Zinn auflistet und ein Grabdenkmal aus dem römischen Regensburg, auf dem eine Sklavin dargestellt ist. Die Sklaven wurden von Ost nach West über die Donau verschickt, die Schiffe seien getreidelt, also von Hand gezogen worden, sagt Tinzl.

Gebrochene Idylle

Gewichtig im Wortsinn ist Erika Velickás Skulptur „Nähe und Ferne“ am Grieser Spitz. Eine Regensburger Naturstein-Firma schichtete nach ihrem Entwurf 26 Tonnen Stein zu einem kleinen griechischen Amphitheater auf. Velická sagt, sie sei über die verschiedenfarbenen Steinarten am Dom dazu gekommen, sich mit den geologischen und historischen Schichten der Stadt und ihrer Verbindung zum Hafen zu befassen. Besucher seien eingeladen, mit Blick auf den Fluss darüber zu philosophieren, dass Fernes nah erscheinen kann und umgekehrt. Eine Bierflasche zwischen den Steinen zeigt: Die Regensburger haben das Kunstwerk angenommen.

Zart und zerbrechlich ist die Arbeit von Anna Zvyagintseva im Neunkubikmeter. Sie befasst sich mit dem Zuhause und lässt in eine Puppenstube blicken: Winzige Stühle, Tische, Kannen, bestrahlt von warmem Licht, beschirmt von feinem Gewand. In ihrer Arbeit „Lampshade“ ist die Idylle gebrochen: Verwelkte Zimmerpflanzen erinnern daran, dass viele Ukainer wegen des Krieges ihr Heim verließen, im Glauben, sie kehrten bald zurück – und nicht wieder kamen. Das Schwarz-weiß-Foto einer Wiese im Hintergrund erzählt davon, dass ukrainischen Soldaten verboten ist, die Landschaft zu fotografieren – sie könnten so geortet werden. Viele schicken deshalb oft poetisch anmutende Nahaufnahmen an ihre Lieben.

Auf der Jahninsel hofft Bojan Stojci, dass es regnet, solange er noch in Regensburg ist. „Das ist der Fluch des Künstlers, dass du dein eigenes Werk nicht siehst“, ruft er aus. Da verspricht Hellwig-Schmid: Wenn der Regen kommt, will sie für ihn ein Video machen vom entgegengesetzt fließenden Wasser. Und wird es dann auffangen und in die Donau schütten, damit es direkt zu ihm fließen kann, nach Sarajevo.

Erika Velickás Skulptur „Nähe und Ferne“ (Grieser Spitz) lädt ein, am Fluss zu sitzen. - Foto: Katharina Kellner
Als Interventionen im öffentlichen Raum sieht die donumenta die Arbeiten ihrer Artists in Residence. „Das Unrecht von damals“ heißt die Skulptur von Johanna Tinzl (rechts) am Marc-Aurel-Ufer. Neben ihr von rechts nach links: Bojan Stojči, Regina Hellwig-Schmidt, Anna Zvyagintseva und Erika Velická. - Foto: Katharina Kellner
Bojan Stojči (2.v.l.) dreht mit der Installation „Reverse Danube“ (Jahninsel) die Fließrichtung des Wassers um. - Foto: Katharina Kellner