Über 40 Jahre Engagement in Regensburg: Hans Simon-Pelanda tritt einen Schritt zurück

Von Heike Haala · 11. Mai 2025 um 15:00

Als Hans Simon-Pelanda kürzlich beim städtischen Gedenkweg an die Gräuel im ehemaligen KZ-Außenlager Colosseum in Stadtamhof erinnerte, war es das letzte Mal, dass er diesen Redebeitrag übernahm. Der Grandseigneur der Arbeitsgemeinschaft (Arge) ehemaliges KZ Flossenbürg erzählt, warum er in Zukunft kürzer treten möchte und wie schwer ihm das Loslassen trotzdem fällt.

Denn bei dem Termin, der auch an die Nacht erinnert, in der 400 Gefangene auf einem Todesmarsch in Richtung Landshut getrieben wurden, habe er ein weiteres Mal gemerkt, wie sehr ihm das Thema immer noch an die Nieren geht. Er wolle aber auch nicht zum Fossil werden, beschreibt Simon-Pelanda seine gemischten Gefühle. Deswegen habe er nun ein Stück Verantwortung abgegeben. Wenn er sich etwas mehr bei der Donumenta engagiere, werde ihm das den Kopf ein wenig auf eine andere Seite ausrichten, so seine Hoffnung. Frei werde er sich aber wohl nie fühlen, so lange er weiß, dass es hier noch so viel zu tun gibt, vermutet er.

Das Denkmal in Stadtamhof: Die Kränze stammen vom Gedenkmarsch an die Opfer der Nazis. Das Bier gehört einem der Passanten, die den Stein gerne als Tresen für Drinks nutzen. - Foto: Heike Haala

Das Thema, das den 75-Jährigen nun seit über 40 Jahren beschäftigt, ist das KZ-Außenlager Colosseum Stadtamhof. „Für einen Zeitraum von knapp fünf Wochen, vom 19. März 1945 bis zum 23. April 1945, befand sich in Regensburg ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg“, steht dazu auf der Homepage der Stadt. Das Außenlager Regensburg sei die zeitlich letzte Gründung einer Außenstelle im Flossenbürger KZ-Komplex gewesen, der insgesamt über 80 Nebenlager in Bayern, Böhmen und Sachsen umfasst habe. „In den fünf Wochen seiner Existenz starben von den insgesamt ca. 400 im Regensburger Gasthaus Colosseum im Stadtteil Stadtamhof untergebrachten und im Stadtgebiet zur Zwangsarbeit eingesetzten Häftlingen mindestens 53 in Regensburg. Dies ist selbst für KZ-Außenlager eine außerordentlich hohe Sterblichkeit“, heißt es dort weiter. Dass diese Zeilen heute so selbstverständlich zu finden sind, zwei Stelen sowie ein Gedenkstein in Stadtamhof an die Geschichte und die damit verbundenen Gräuel der KZ-Außenstelle Colosseum erinnern und an dem Gebäude eine Gedenktafel angebracht wurde, haben die Regensburger zum allergrößten Teil Simon-Pelanda zu verdanken.

Recherche nahm unerwartete Wendung

Denn obwohl er sich nie mit Zeitgeschichte auseinandersetzen wollte, war er es, der im Jahr 1982 die Ausschreibung für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten im Lehrerzimmer fand – die Initialzündung für eines der größten Projekte seines Lebens. Wenig später sei er im städtischen Archiv gesessen und habe die Seiten des Findbuchs wie ein Daumenkino an seinem Auge vorbeisausen lassen. „Auf einmal war mir so, als hätte ich darin den Ausdruck „KZ“ gelesen“, sagt Simon-Pelanda. Zusammen mit seinen Schülern habe er eine Annonce geschaltet, mit der sie nach Zeitzeugen suchten. Eigentlich haben sie der Frage nachgehen wollen, wo es in Regensburg im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter gegeben hat. Diese Recherche aber sollte eine unerwartete Wendung nehmen.

Der Gedenkmarsch für die Opfer des Nationalsozialismus - Foto: Roithmeier

Denn von einem dieser Interviewtermine seien zwei Schülerinnen weinend und völlig aufgelöst zurückgekehrt. Eine Frau habe ihnen berichtet, dass sie seit 1945 darauf gewartet habe, um vom Antreten der Männer in Holzschuhen und schwarz-weiß gestreiften Anzügen zu erzählen, erinnert sich Simon-Pelanda. Die Schüler, die auch während seiner letzter Rede für den Gedenkweg in Regensburg waren und seinen Angaben mittlerweile auf die 60 zugehen, bekamen einen der zweiten Preise bei dem Wettbewerb. Für Simon-Pelanda aber sollte die Geschichte da erst richtig losgehen.

Als es für Regensburg richtig peinlich wurde

Er konnte es nicht fassen, dass so etwas wie ein KZ-Außenlager ausgerechnet in einer Stadt wie Regensburg in Vergessenheit geraten konnte, die sich so viel auf ihre Geschichte einbildet. Mit Unterschriftenaktionen, offenen Briefen oder Spenden setzte der Mann sich bei der Arge unermüdlich für eine Gedenkkultur ein. Trotzdem habe es noch bis 1994 gedauert, bis der Gedenkstein in Stadtamhof errichtet wurde – seither habe er dreimal versetzt werden müssen. Erst im Jahr 2015 übernahm die Stadt die Regie für einen gemeinsamen Gedenkweg, bei dem an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird. „Nachdem es peinlich wurde“, erinnert Simon-Pelanda daran, dass auch da bereits zwei Jahre ins Land gezogen waren, nachdem Experten der Stadt ein desaströses Zeugnis für ihre Gedenkkultur ausstellten. Einen zentralen Ort des Gedenkens oder eine Abteilung über Regensburg in der Nazizeit im Historischen Museum gibt es aber auch jetzt noch nicht.

Veranstaltungen zum Thema

• Gedenken: Unter dem Motto „Regensburg liest – aus verbrannten Büchern“ erinnert die Stadt am Montag zwischen 10 und 16 Uhr auf dem Neupfarrplatz an die Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten am 12. Mai 1933. Die Beiträge sollen jeweils fünf Minuten dauern. Vorleser und Zuhörer sind willkommen. Ab 10 Uhr wird der Künstler Wolfram Kastner zudem einen symbolischen Brandfleck an der Stelle der Bücherverbrennung von 1933 auf dem Boden des Neupfarrplatzes herstellen.

• Präsentation: Am 16. Mai um 19 Uhr stellt Hans Simon-Pelanda seine neue Publikation in der Stadtbücherei am Haidplatz vor. Sie trägt den Titel „Ihr letztes KZ – Zbigniew Kolakowski und Tadeusz Sobolewicz im Außenlager Colosseum“. Es handelt sich dabei um eine Lesung und eine Diskussion zur Regensburger Erinnerungs- und Gedenkkultur am Beispiel des Colosseums. Die beiden Überlebenden werden in dem Buch als die wichtigsten Zeitzeugen bezeichnet. „Ihre Erzählungen und Aufzeichnungen sowie Erinnerungen anderer an die beiden haben zwei Jahrzehnte lang die Diskussionen um die Erforschung der NS-Zeit und die Auseinandersetzung um eine würdige Gedenkkultur in der Stadt Regensburg mitgeprägt“, heißt es darin weiter. Keiner von beiden sei aber beispielsweise mit einer städtischen Auszeichnung Regensburgs geehrt worden.

Nach zehn Jahren habe sich der gemeinsame Gedenkweg nun gut konsolidiert. Er selber hat in der vergangenen Woche eine weitere Publikation über Zbigniew Kolakowski und Tadeusz Sobolewicz in Druck gegeben – zwei Überlebende des Außenlagers, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2015 und 2016 oft in Regensburg zu Besuch waren, um über die Gräuel zu berichten. Am Freitag will Simon-Pelanda es in der Stadtbücherei vorstellen. Neben sommerlichen Bahnreisen nach Spanien werde er sich nun auch einem Beitrag für das Dachauer Gedenkbuch über den Regensburger Widerständler Michael Kumpfmüller widmen und der Erforschung kleinerer verfolgter Gruppen in der Nazizeit wie den Zeugen Jehovas.