„Kunst lebt von Illusion“: Martina Hefter kommt zum Literaturfestival Frauenzell

Sie tanzt, sie schreibt, sie trägt Tattoos und liebt die Sterne: Das sind ein paar Dinge, die die Künstlerin und ihre Romanfigur Juno verbinden. Vor ihrer Lesung in der Oberpfalz spricht die Autorin im Exklusiv-Interview über die Ambivalenz der Lüge und das prekäre Leben in der Kunst.
Sie haben den Deutschen Buchpreis erhalten. Sie können aussuchen, wo Sie lesen. Warum im 500-Seelen-Ort Frauenzell?
Martina Hefter: Ich kennen einen der Veranstalter: Dieter Lohr. Mit dem war ich in der Schule. Als er mich einlud, war für mich total klar, dass ich das mache. Die Größe eines Ortes hat nichts damit zu tun, ob ich dort lesen möchte.
Das ist wie bei Ihrer Buchfigur Juno aus Ihrem Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“, der es nicht auf Prestige ankommt, sondern auf Dinge, die sie glücklich machen. Hat der Preis Ihr Leben verändert?
Hefter: Er sorgte dafür, dass ich sehr viel unterwegs bin, noch mehr als bisher. Und mein Buch wird viel gelesen. Ich bin bekannter geworden.
Es gab auch Preisgeld. Haben Sie ein Luxus-Insektenhotel gekauft, wie Juno im Buch?
Hefter: Nee. Wir haben uns neue gekauft, aber die sind sehr einfach. Es gibt eine Empfehlung des NABU, wie sie sein sollen. Je einfacher, desto besser.
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Der Roman ist grundiert von der Sorge um Geld und vom Thema Ausbeutung. Wie viel Selbstausbeutung braucht es als Künstlerin?
Hefter: Ein zwiespältiges Thema! Jede Person, die in der Kunst tätig ist, möchte das unbedingt machen, auch für wenig Geld. Ich glaube, man hat eine Art Veranlagung, Existenzangst ausblenden zu können. Kunst ist eben eine prekäre Arbeit. Das darf aber nicht der Grund sein, Kunst nicht zu fördern. Mir war meine Arbeit immer wichtiger, als jeden Monat ein festes Gehalt zu haben. Nichtsdestotrotz setze ich mich dafür ein, dass Honorare gut und fair sind.
Ihre Juno muss viel schaffen. Schreiben, Tanz, Alltag, kranker Mann. Keiner hilft ihr, außer vielleicht die Nachbarin, die mal den Rollstuhl trägt. Man hat ständig Mitgefühl mit ihr. Wollten Sie das erzeugen?
Hefter: Das war nicht meine erste Absicht. Ich wollte vor allem etwas erschaffen. Wenn das Buch ein Gefühl aufruft, ist das in Ordnung. Aber das ist nichts, was ich plane. Manche Leser haben Mitleid, manche finden Juno einfach tough.
Juno gibt einem einen Begriff davon, wie zerstörerisch die Frage ist: Bin ich glücklich?
Hefter: Ja – wobei ich nicht sagen würde, dass Juno unglücklich ist. Sie empfindet selbst Mitgefühl: mit ihrem Mann Jupiter und mit Menschen insgesamt. Sie weint – aber sie weint nicht um sich. Die Verhältnisse in der Welt greifen sie sehr an.
Jetzt sind wir beim Gefühl. Dabei kommt der Leser Juno nicht nahe. Sie bleibt unter Glas.
Hefter: Ja, ich wollte de Figur bis zu einem gewissen Grad abstrakt halten. So gewinnt sie Offenheit. Ein stark und individuell gezeichneter Charakter nimmt einem Möglichkeiten, mit eigenen Gedanken anzudocken.
„Die Illusion ist so schön“
„Sie waren bisher durchgekommen, Sie würden auch weiter durchkommen, aber womit genau?“: Ihre Sätze kommen leicht daher, besitzen aber Wucht. Wie feilen Sie an ihnen?
Hefter: Ich klappe abends das Laptop zu und am Morgen fange ich wieder von oben an und gehe alles durch, was ich geschrieben habe, prüfe, ob es melodisch klingt und schlüssig, und versuche, zu verknappen. Ein bisschen wie beim Üben am Klavier: An einer Stelle, wo’s hakt, fängt man wieder vorn an.
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Großes Thema im Roman ist die Lüge, die ja für Kunst an sich steht, für Illusion, Täuschung, Verführung. Lüge wirkt, genau wie Schönheit. Getuschte Wimpern: Jeder weiß, die sind nie im Leben so lang. Trotzdem machen sie attraktiv. Sehen Sie Lüge ambivalent?
Hefter: Unbedingt! Das Stichwort Illusion ist ganz wichtig. Die Kunst lebt davon. Ich glaube, wir können uns nicht gegen sie wehren. Auf eine Art Täuschung müssen wir uns auch selbst jeden Tag einlassen. Im Roman geht es viel um Frauen, die auf Love-Scammer reinfallen. Sie könnten wissen, was es mit ihnen auf sich hat – aber die Illusion ist so schön. Das ist, was ich auch an mir entdecke: Ich versuche, mir Dinge schön zu reden. Dann denke ich: wie schrecklich. Denn man ist erst glücklich, wenn man die nackte Wahrheit aushalten kann.
Zu den Frauen, über die Sie recherchierten, die im Urlaub einen Boy haben: Was treibt die an? Meine These wäre: Die soziale Kluft erlaubt den Frauen, Kontrolle abzugeben und damit erfüllten Sex zu finden, weil der ohne Kontrollverlust ja nicht funktioniert.
Hefter: Ja, das klingt sehr plausibel. Machtgefälle – das dürfte für Männer ähnlich gelten. Ich glaube aber, dass die Frauen auch die Hoffnung haben, dass diese Männer sie mögen. Da sind wir wieder bei der Illusion und bei der Selbsttäuschung.
Sie schreiben, Sie tanzen. Wie beeinflusst das eine das andere?
Hefter: Es beeinflusst sich nicht direkt, aber ich habe bei beidem eine Vorliebe für eine gewisse technische Klarheit und für Reduktion. Ich trainiere viel Ballett. Es braucht eine saubere Technik, damit man Genuss daraus ziehen kann. Beim Schreiben ist es ähnlich. Und ich mag eine choreografische Vorstellung zum Aufbau von Textstruktur.
Ihr Buch ist auch formal außerordentlich, mit Gedichten, mit einem Trailer. Noch zu den Tattoos: Juno bekommt im Lauf des Romans immer neue. Hätten Sie gern eins wie sie: „Solange ich spiele, passiert nichts“?
Hefter: Ja, das finde ich nicht schlecht. Die Idee ist schön, aber der Satz ist lang. Dafür braucht man das ganze Bein.
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Sterne tauchen im Roman immer wieder auf. Was reizt Sie an Himmelsbildern?
Hefter: Ich hatte schon als Kind eine Faszination für Sterne. Das Thema ist einerseits wissenschaftlich, aber auch voller Rätsel, deren Lösung ich nicht mehr erleben werde. Wo hört das Weltall auf? Solche Fragen haben auch eine Romantik. In einem Roman ist das Motiv toll. Sterne stellen Bezüge zur Geschichte her, zur Mythologie. Sie stellen Verbindungen zwischen den Erdteilen her. Man kann so quasi auf die Erde schauen. Und dann wird sie eigentlich ganz klein.
Das Literaturfestival in Frauenzell: ein Muss
Die Schriftstellerin: Martina Hefter schreibt Gedichte, Essays und Romane, tanzt und performt. Mit „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“ gewann sie den Deutschen Buchpreis 2024. Die Schriftstellerin hat zwei Töchter und lebt in Leipzig mit ihrem MS-kranken Mann Jan Kuhlbrodt, ebenfalls Schriftsteller, unter anderem mit dem Alfred-Döblin-Preis 2023 ausgezeichnet. Martina Hefter liest am 12.Juli (19.30 Uhr) beim Literaturfestival Frauenzell (bei Brennberg, Kreis Regensburg) aus ihrem preisgekrönten Buch (224 Seiten, 22 Euro, Klett-Cotta). Für die Jury des Deutschen Buchpreises navigiert der Roman „zwischen Melancholie und Euphorie, reflektiert über Vertrauen und Täuschung“.
Das Festival: Das Literaturfestival auf dem Klosterareal Frauenzell (11. bis 13. Juli, Motto: „Spuren suchen“) ist ein Muss für Kulturfreunde und bietet, mitten auf dem Land, ein verblüffend vielseitiges und hochkarätiges Programm. Es gibt Vorträge, Workshops, Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Literarische Wanderungen. Zu Gast sind prominente Autoren. Steven Uhly liest aus „Königreich der Dämmerung“. Nico Bleutge, Udo Kaube, Barbara Krohn und Anja Utler präsentieren „Lyrik unterm Apfelbaum“. Andreas Pflüger präsentiert den Thriller „Wie sterben geht“. Adriana Altaras bringt ihren jüngsten Bestseller mit: „Besser allein als in schlechter Gesellschaft“. Andrea Schenkel spricht über historische Kriminalfälle. Alle Details: kloster-frauenzell.de/event und die-kulturoptimisten.de