Literatur-Shootingstar zieht in zwei Wochen nach Sulzbach-Rosenberg

Von Peter Geiger · 18. April 2024 um 11:00

„Es wäre gut, wenn es kein WLAN gibt“, sagt Tomer Dotan-Dreyfus, der in Berlin lebt und aus Israel stammt. Nun wird er der erste Turmschreiber in Sulzbach-Rosenberg.

Als Sie davon erfuhren, dass Sie das Turmschreiber-Stipendium erhalten – wussten Sie gleich, wo Sulzbach-Rosenberg liegt?

Tomer Dotan-Dreyfus: Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu beleidigend, für die Leute dort: Aber ich musste das erst googeln. Aber ich hatte schon mal davon gehört und wusste auch, dass die Stadt in Bayern liegt. Das war wohl während meines Studiums, weil ja Walter Höllerer, dieser berühmte Germanist, dort geboren wurde. Er hat hier das Literaturarchiv gegründet. Ich freue mich, an seinen Geburtsort kommen zu dürfen. Und für mich ist das ein großer Vorteil, dass dieser Ort gar nicht so leicht zu finden ist!

Sie suchen also Ruhe?

Dotan-Dreyfus: Ja, ich möchte mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren. Ich darf nicht zu viel erzählen, aber mein nächster Roman, der spielt auf einer kleinen griechischen Insel. Insofern hat er sogar Ähnlichkeiten mit meinem Debütroman „Birobidschan“, in dem ich die Geschichte eines jüdisch-sozialistischen Schtetls in Sibirien erzähle. Im Zentrum meines Interesses stand da vor allem die jüdische Erzähltradition.

Jetzt haben Sie uns aber trotzdem neugierig gemacht!

Dotan-Dreyfus: Ja, in meinem neuen Roman bemühe ich mich, meine Erzählabsichten etwas subtiler und organischer einzuarbeiten. Das heißt: Ich schreibe jetzt aus der Ich-Perspektive und versuche, die Fragen, was Literatur macht und ermöglicht, mit der Handlung zu verknüpfen. Aber ich darf noch nicht zu viel verraten!

Dann wird Sulzbach-Rosenberg für Sie also zu so etwas wie einer Insel?

Dotan-Dreyfus: Ja, das fragt sich auch mein Protagonist: Ob er loslassen kann und all die Probleme da draußen, in der Welt, ob er die ausblenden kann. Für mich ist es angesichts dessen, was in meinem Heimatland gerade passiert, sehr sehr schwierig, das alles auszublenden, weil ja auch meine Familie betroffen ist. Und das, was im Gaza-Streifen vorgeht, das passiert ja auch in meinem Namen. Mit anderen Worten: Die gegenwärtige Lage, sie hilft nicht dem Schreiben! Aber ich hoffe natürlich, dass ich mich auf die Literatur konzentrieren kann – und dass ich nicht unentwegt die Nachrichten verfolge. Deshalb wäre es mir ganz recht, wenn es dort kein WLAN gibt und ich mich so gut wie möglich zurückziehen kann. Ich möchte unbedingt produktiv sein!

Sulzbach-Rosenberg ist nicht nur eine Stadt der Literatur und des Buchdrucks, es gibt dort auch eine bedeutende Synagoge. Sie wollen auch in die Öffentlichkeit treten?

Dotan-Dreyfus: Ja, ich werde am 6. Mai im Literaturarchiv auftreten und möchte natürlich auch die Stadt kennenlernen. Ich weiß gar nicht: Gibt es dort eine jüdische Gemeinde?

In Amberg, in der Nachbarstadt, gibt es eine sehr lebendige Gemeinde, ja!

Dotan-Dreyfus: Meine Suche nach meinem Jüdisch-Sein, das ist für mich vor allem eine Reise in mein tiefstes Inneres. Ich schau mir gerne Synagogen an und lese dort auch alles, was es an Infomaterial gibt – ich selbst aber bin sehr säkular aufgewachsen, weshalb ich meine religiöse Prägung bis heute auch noch nie in einer Gemeinde gelebt habe. Ich suche aber nach meinen familiären Wurzeln, indem ich etwa Jiddisch gelernt habe und so die Sprache meiner Großeltern für mich entdeckt habe. Ein Opa kommt zwar aus Galiläa, aber der andere ist aus Warschau und meine Omas sind aus Lemberg und aus Lublin, also aus Gegenden, wo das Jiddische die Alltagssprache war.

Das war doch auch der Grund, weshalb Sie auf Birobidschan gestoßen sind?

Dotan-Dreyfus: Ja, ganz genau! Ich wollte wissen, ob es ein Land auf der Welt gibt, in dem das Jiddische Amtssprache ist – und so habe ich diese ehemalige Sowjetrepublik entdeckt und daraus mein Romandebüt entwickelt.

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Stipendium: In rund zwei Wochen reist der in Berlin lebende Schriftsteller nach Sulzbach-Rosenberg, um dort für vier Wochen als erster Turmschreiber an seinem neuen Roman zu arbeiten. Am 6. Mai liest er im Literaturhaus Sulzbach-Rosenberg.

Vita: Geboren 1987 in Haifa, studierte er Philosophie und Komparatistik in Berlin, Wien und Paris. Der Autor, Lyriker und Übersetzer schreibt sowohl in hebräischer als auch in deutscher Sprache.

Aktuell: Im vergangenen Jahr erregte er mit seinem Debütroman „Birobidschan“ (Verlag Voland & Quist in Dresden, 24 Euro) großes Aufsehen – und war prompt für den Deutschen Buchpreis nominiert.