Ein Bildband zeigt Kafkas ganzen Kosmos

Von Katharina Kellner · 12. April 2024 um 19:00

Forscher Hartmut Binder legt ein opulentes Werk mit bisher unveröffentlichten Fotos vor und erzählt Anekdoten aus dem Leben des Schriftstellers.

Unzufriedenheit ist oft ein Motiv, um Dinge zu ändern. So war es wohl bei Hartmut Binder: Als er in den 1960er Jahren seine Doktorarbeit zu Franz Kafka an der Universität Tübingen schrieb, fielen ihm viele Unzulänglichkeiten in der Interpretation von Kafkas Leben und Werk auf. Damals hätten Wissenschaftler versucht, die Rätsel, die ihnen der Autor aufgab, aus dem Text selbst heraus zu erklären, sagt Binder am Telefon. Manche ihrer Erklärungsversuche seien sogar in sich widersprüchlich gewesen. Diese Art der Interpretationskunst habe „auf der ganzen Linie versagt“. Binder nennt ein Beispiel für ein damals ungelöstes Rätsel: So schreibe Kafka in „Der Prozess“, sein Protagonist Josef K. werde verhaftet, gehe aber gleichzeitig weiter seinem Beruf nach. Binder wählte eine andere Methode, um Widersprüchen auf den Grund zu gehen: „Ich habe mir gedacht, ich versuche mal, über Kafkas Leben und über sein Umfeld näher an ihn ranzukommen.“

Näher an Kafka heran kommen auch die Leser von Binders zahlreichen Veröffentlichungen, die einen riesigen Kosmos eröffnen. Binder, der von 1973 bis 2000 Professor für Deutsche Literatur an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg war, nimmt nicht nur Kafkas Familie in den Blick, sondern auch seine Schriftstellerkollegen, Freunde, Reiseziele und Aufenthaltsorte. Ende Mai erscheint mit „Franz Kafka – Ein Leben in Bildern“ ein Bildband mit bislang unveröffentlichten Fotos. Diese zeigen Stationen aus Kafkas Leben: aus seiner Zeit in Prag, von Aufenthalten unter anderem in Berlin, Wien oder München sowie von Reisen nach Italien.

Max Brod traf er persönlich

Binder, Jahrgang 1937, kam eher zufällig, auf Anraten seines Doktorvaters, zu Kafka. Doch während der Doktorarbeit fing er Feuer und ließ sein Thema für Jahrzehnte nicht los. Er lief auf Kafkas Spuren durch Prag, grub Kunstbände, Varietéprogramme oder Prager Stadtansichten auf alten Postkarten aus. Durch Zufall habe er – in der Zeit vor dem Internet – Flohmärkte als wahre Fundgrube für sich entdeckt: Zehntausende von Postkarten habe er durchforstet, wobei diese Zahl wohl noch untertrieben sei, sagt Binder.

Er sei dem Prager Vitalis-Verlag dankbar, dass dieser nun, zum 100. Todestag Kafkas, einen so aufwändigen Band mit mehr als 1500 Fotos drucke. Manche dieser Bilder habe er erst kürzlich gefunden. Zu jeder Abbildung im neuen Band liefert Binder eine ausführliche Bildunterschrift, häufig ein treffendes Zitat von Kafka.

Damit beleuchtet der Autor manches wenig bekannte Detail aus Kafkas Lebenswelt: Zum Beispiel erfährt man, dass eine schlecht gelaunte Köchin der Familie Kafka täglich zur Schule brachte und ihm drohte, dem Lehrer von seinem schlechten Benehmen zuhause zu berichten. Ein anderes Mal kombiniert Binder eine Erinnerung Kafkas mit einem Bild des Kleinen und Großen Rings in Prag, wo Kafkas Familie von 1889 bis 1892 im Haus „Zur Minute“ lebte. Kafka schrieb 1920 in einem Brief an Milena Jesenská: „Ich hatte einmal als ganz kleiner Junge ein Sechserl bekommen und hatte große Lust es einer alten Bettlerin zu geben, die zwischen dem großen und dem kleinen Ring saß.“ Offenbar wollte der kleine Franz der Frau als mehrfacher Wohltäter erscheinen, denn er umrundete den Rathauskomplex zehnmal und gab ihr jedesmal einen Kreuzer. Bei Binder fehlt auch nicht der Hinweis: ein „Sechserl“ war damals zehn Kreuzer wert.

Binder erzählt im Gespräch vom persönlichen Austausch 1966 mit Kafkas Freund Max Brod (1884-1968) in Stuttgart. Brod ist es zu verdanken, dass Kafkas literarisches Werk erhalten ist. Brod, der seit 1939 in Israel lebte, kam immer wieder nach Deutschland. „Wenn man den Zeitzeugen vor sich hat, dann hat man natürlich tausend Fragen“, sagt Binder. Er selbst habe wohl Brods Interesse geweckt, weil er in einem Vortrag 1966 über die zionistische Wochenschrift „Selbstwehr“ sprach – zu einer Zeit, in der die Forschung Kafkas Judentum noch nicht thematisierte. Brod habe sich als Gesprächspartner mit genauem Gedächtnis erwiesen. Er habe Kafka als einen mit ausdrücklichem jüdischen Selbstbewusstsein ausgestatteten Menschen gesehen, der sich für Judentum und Zionismus interessierte. Kafka habe Hebräisch gelernt und gegen Ende seines Lebens geplant, nach Palästina zu reisen, um dort als Buchbinder zu arbeiten – wozu es allerdings nicht kam.

Binder erinnert daran, dass man wenig über Kafka und sein Prager Umfeld wusste, weil man in den 1960er Jahren „nur mit speziellen Sondergenehmigungen“ in die damalige CSSR einreisen konnte: „Diese ganze Prager Szenerie war verschwunden.“ Binder kam beim „ersten richtigen Kafka-Colloquium“ 1966 in Berlin in Kontakt mit Vera Saudková, der Tochter von Kafkas Lieblingsschwester Ottla. Die hatte den Onkel noch persönlich erlebt.

In Prag mit Kafkas Nichte

Sie lud Binder im selben Jahr nach Prag ein – „das war ein Schritt“, sagt der mit Blick auf seine Forschung. Nächtelang sichtete er mit Saudková Kafkas bis dahin unveröffentlichte Briefe an Ottla und andere Zeitdokumente, diskutierte mit ihr Intention, Bedeutung und Hintergründe. Der erste Anblick des handschriftlichen Konvoluts habe ihn „entsetzt“, erzählt Binder: Es habe sich nicht um schön geordnete Briefe gehandelt, sondern oft um Schmierzettel ohne Datum. Einen akribischen Forscher wie Binder konnte das nicht schrecken: 1972 gab er mit Kafka-Biograph Klaus Wagenbach die Briefe mit Erläuterungen heraus.

Binder, der 2021, ebenfalls im Vitalis-Verlag, einen Bildband über „Kafkas versunkene Welt der Prager Kaffeehäuser und Nachtlokale“ vorgelegt hat, interessiert sich auch für Mentalitäten und psychologische Ansätze. Zu einem Kinderfoto stellt er ein Zitat Kafkas aus seinem Brief an den Vater. Darin beklagt sich Kafka über den ironischen Ton, mit dem ihn die Eltern bereits als Kind konfrontierten: Sei er „über irgendeine Sache glücklich“ nach Hause gekommen, habe es geheißen: „Ich hab keinen so geruhten Kopf“ oder „Ein Ereignis!“ oder „Kauf Dir was dafür!“

Auch für das Rätsel um den verhafteten und dennoch weiter arbeitenden Franz K. aus „Der Prozess“ hat Binder eine Erklärung: Kafka gebe durch den Widerspruch eine „Beziehungsfalle“ an seine Leser weiter – so nenne es die Psychologie, wenn das Sprechen vertrauter Menschen im Gegensatz zu ihrem Verhalten stehe. Solchen Widersprüchen sei Kafka als Kind durch seine Eltern ausgesetzt gewesen und habe sie literarisch verarbeitet.

Hartmut Binder: Franz Kafka. Ein Leben in Bildern. Vitalis Verlag, 1000 Seiten, 99,90 Euro.

Kafka mit Hansi Juliane Szokoll, mit der ihn laut Max Brod eine unglückliche Liaison verband.
Blick vom Kleinen auf den Großen oder Altstädter Ring in Prag mit dem Haus „Minutta“ links.
„Kafka-Maniac“ nannte ein Kritiker anerkennend den Forscher Hartmut Binder. Foto: Vitalis