Der schönste Moment ist, wenn es „klick“ macht zwischen Band und Publikum

Von Juan Martin Koch · 13. Juli 2025 um 20:00

Viele Bands sorgen für eine intensive Erfahrung beim Publikum: Die Münchnerinnen von SiEA schlagen im Degginger voll ein, das Meissner Trio erzeugt Sogwirkung, das Trio Prepared sorgt für tranceartige Momente im Thon-Dittmer-Hof.

Das sind immer die schönsten Momente beim Jazzweekend: Wenn es zwischen Band und Publikum „klick“ macht, eine Verbindung entsteht, für beide Seiten inspirierend und bereichernd. Der Freitagabend im Degginger war so ein ausgedehnter Moment. Dort, wo am Vorabend noch ein vergnüglicher Poetry Slam mit Live Jazz für teils hintergründige Unterhaltung gesorgt hatte (zur Gewinnerin wurde Birte Henneberger aka Birdy gekürt), schlug nun die Münchner Band SiEA voll ein.

Sechs Frauen und ein Schlagzeuger

SiEA, das sind sechs Musikerinnen rund um die beiden Frontsängerinnen und Keyboarderinnen Antonia Dering und Patricia Römer, plus Johannes Rothmoser als Quotenmann am Schlagzeug. Die paillettenglitzernden Outfits lassen schon erahnen, dass es hier neben Jazzelementen (Bläsersätze und Soli mit Ramona Schwarzer, Posaune, und Valentina Oefele, Altsaxophon) auch um Pop und Performance geht. Die prägnanten, vor allem in der Mehrstimmigkeit überzeugend transportierten Texte handeln von (nicht nur weiblichem) Empowerment, zeigen negativen Gesellschaftstendenzen den Mittelfinger und geben der streckenweise durchaus tanzbaren, aber nie anbiedernden Stilmischung aus Funk, Rock (Amélie Haidt an der Gitarre), Indie und Techno eine tiefere Ebene. Aparte Frauenpower!

Tags darauf durfte man sich im Thon-Dittmer-Hof der in bewährter Manier vom Bayerischen Rundfunk mitkuratierten, hochklassigen Musikauswahl hingeben. Pianist Vincent Meissner ließ dabei den Einfluss seines Lehrers an der Leipziger Musikhochschule Michael Wollny spüren, setzte durch seinen Kompositionsstil aber durchaus eigene Akzente. Gern baut er seine Stücke aus kurzen Motiven mit Tonwiederholungen zusammen. Der Sog, der dadurch entsteht, wirkt dann in seinen ausgefeilten, nie überladenen Soli fort, den Abschluss bilden oft zerbrechliche Duos mit dem stets entspannt lächelnden, sehr flexibel agierenden Josef Zeimetz am Bass. Der sensibel-kraftvolle Henri Reichmann am Schlagzeug komplettiert dieses erstklassige Pianotrio.

Der hohen Kunst des Jazzliedgesangs widmete sich anschließend Fiona Grond zusammen mit Luca Zambito am Klavier. Einem ihrer Vorbilder huldigten die beiden in der Nummer „Lost In Another Time“ von Fred Hersch, mit einem Text der großen Norma Winstone. An deren Kunst der bis ins Feinste nuancierten Deklamationskunst kam Fiona Grond leider nicht durchweg heran. Vor allem fehlte es den eigenen Stücken aber an melodischer Prägnanz und Struktur; statt Songs meinte man eher Textvertonungen zu lauschen, so feinsinnig das auch dargeboten wurde.

Einem glasklaren Konzept folgt das Münchner Trio Prepared: In ihren schlicht als „Modulen“ bezeichneten, mehrteiligen Stücken, verbinden die drei Musiker Elemente der amerikanischen Minimal Music mit Jazztimbres. Da greift dann Chris Gall mit einer Hand in den Flügel, um ein sich wiederholendes Pattern aus stumpfen, gedeckten Sounds zu erzeugen; Florian Riedls mit Effekten verstärkte Bassklarinette klinkt sich in das vertrackte, durch Akzentverschiebungen lebendig gehaltene Räderwerk ein; Simon Popps Drums verwandeln das flächige Pulsieren in Groove. Ein paar harmonische Farben mehr und ein paar Ausbrüche aus dem Modularen hätten diesem Auftritt vielleicht gut getan, doch auch so faszinierte er in seiner Ambivalenz aus totaler Konzentration auf den Moment und abdriftender Trance.

Die Betriebstemperatur steigt

Rhythmus war dann auch das wichtigste Element beim Abendkonzert mit Odd Wisdom, der Berliner Band des Schlagzeugers Diego Piñera. Virtuos, aber ohne Verbissenheit wirbelt der Urugayer durch unmöglichste metrische Konstellationen und verbreitet dabei unbändige Spiellaune. Bassist Marcel Krömker zeigte sich von der rhythmischen Komplexität völlig unbeeindruckt, ebenso Gitarrist Igor Osypov, dessen Soli umso explosiver gerieten, je verworrener Piñeras Grooves wurden, und auch Saxophonist Peter Ehwald kam mit zunehmender Dauer auf erhebliche Betriebstemperatur.

Wie viele Zuhörer das Cover-Rätsel gelöst und einen Rabatt am CD-Stand abgesahnt haben, wissen wir nicht. Das Gesuchte war „And I Love Her“ von den Beatles. Welche Taktart? Keine Ahnung, aber es klickte gewaltig!

Schlagzeuger Diego Piñera verbreitete unbändige Spiellaune. - Foto: Juan Martin Koch