Ein Kreuz bei Rohr für den abgeschossenen Oberst Günther Lützow – und alle Kriegsopfer

Es war für die deutsche Luftwaffengeschichte ein Sensationsfund. Sondengänger Markus Steinsdorfer aus Abensberg entdeckte in einem Wald bei Rohr im Landkreis Kelheim die Absturzstelle von Oberst Günther Lützow, einem der bekanntesten Jagdflieger-Piloten im Zweiten Weltkrieg. Jetzt wurde dort ein Gedenkkreuz errichtet. „Für alle Opfer des Krieges“, betonen die Männer, die das Denkmal geschaffen haben.
Genau 80 Jahre galt Lützow als vermisst, ehe Steinsdorfer, der schon etliche Funde im Landkreis Kelheim machte, in einem Forst bei Rohr mit einem Metalldetektor die Absturzstelle aufstöberte. Stichhaltiges Indiz war ein Zigaretten-Etui mit der noch entzifferbaren Gravur „... an Lützow“. Der Oberst und seine Messerschmitt 262 waren am 24. April 1945 bei einem Luftgefecht gegen amerikanische B26-Bomber und US-Jagdflieger abgestürzt. Ein US-Kampfbericht legt nahe, dass seine Maschine getroffen wurde.
Wo genau Lützow mit seiner Maschine zerschellte, blieb acht Jahrzehnte im Verborgenen. Hobbyforscher und Historiker wähnten den Absturzort im Altmühltal oder in der Donau. Der Fund des Abensbergers, über den die Mediengruppe Bayern exklusiv berichtete, widerlegte alle Thesen und löste großes Echo aus. Jüngst sendeten auch öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio Beiträge.
Mit 32 Jahren von US-Jägern abgeschossen
„Lützow war ein Begriff auch nach dem Krieg“, sagt Steinsdorfer. Der mit erst 32 Jahren verunglückte Pilot, der in Kiel geboren wurde, flog über 300 Kampfeinsätze. „Wir wollten für ihn eine Gedenkstätte schaffen“, erklärt der Abensberger. Auch Hobbyhistoriker und Messerschmitt-Experte Peter Schmoll aus Sandsbach unterstützte die Idee.

Und Steinsdorfers Sohn Finn (18), der mit anpackte, sagt: „Wenn wir’s nicht machen, macht’s keiner.“ Ebenfalls mit unter die Arme griff der Rohrer Martin Mirlach (43). „Ich kenne Markus. Sein Wissen und das von Peter Schmoll fasziniert mich.“ Für die drei Männer galt von vorneherein: „Es wird eine Gedenkstätte für alle Kriegsopfer, auch für die Opfer der gräulichen NS-Verbrechen.“
Göring drohte Lützow mit Erschießung
Mit Kriegsverherrlichung habe es nichts zu tun. „Menschen haben für ein irres Töten ihr Leben gegeben oder wurden Opfer einer kranken Ideologie“, sagt Markus Steinsdorfer. Im Übrigen habe sich Lützow zeitweise der Führung widersetzt. Er trug einen Konflikt mit Oberbefehlshaber Hermann Göring aus. Das Jagdflieger-Ass warf Göring Führungsversagen vor und betrieb Anfang 1945 mit anderen Piloten dessen Absetzung. Der Reichsmarschall drohte Lützow mit Erschießung, beließ es aber bei einer Versetzung nach Italien (von wo er Mitte 1945 zurück berufen wurde). „Auch wenn es hier um militärische Belange ging, zeigt es, dass Lützow nicht obrigkeitshörig war.“

An der Fundstelle – den genauen Ort will der Abensberger weiterhin nicht preis geben – wurde zunächst Erde ausgehoben, ein Fundament und ein Sockel geschaffen. „Den Beton haben wir bei mir angerührt und mit dem Traktor in den Wald gebracht“, erzählt Mirlach. Von ihm stammen auch große Quadersteine, die das Denkmal umranden.
Bei der Suche nach einem geeigneten Kreuz ergab sich eine glückliche Fügung. „Ich habe auf Ebay gesucht und fand einen Anbieter, der ein Kreuz von einem aufgelassenen Grab verkaufte“, berichtet Steinsdorfer. Das Schmiedewerk aus Aluminium ist rund 50 Jahre alt und etwa 90 Zentimeter hoch – und trägt in der Mitte ein „P“ für lateinisch „Pax“ (Friede). „Das ist natürlich eine passende Botschaft, einfach perfekt“, sagt Finn Steinsdorfer.
Zum Gedenken an Oberst Günther Lützow † 24. April 1945 und allen Kriegsopfern
Inschrift am Gedenkkreuz-Sockel
Die Kosten für das Kreuz und anderes Material übernahmen Schmoll sowie Günther Wagner und Wiko Galle, zwei ebenfalls historisch interessierte Mitstreiter aus dem Landkreis. Schmoll ließ zudem ein Schildchen anfertigen mit der Aufschrift: „Zum Gedenken an Oberst Günther Lützow † 24. April 1945 und allen Kriegsopfern“. Schon von mehreren Spaziergängern habe man gehört, „dass es sehr schön und würdig geworden ist“, erzählen die drei Männer.
Sohn und Tochter wollen sich in aller Stille verabschieden
Die Gedenkstätte werden auch Lützows Sohn Hans-Ulrich (86) und Tochter Carola (84) demnächst aufsuchen. „Lange versuchten wir vergeblich über Kriegsgräberfürsorge und Suchdienst ihren Aufenthaltsort zu ermitteln“, sagt Markus Steinsdorfer. Dann traf plötzlich die E-Mail einer Rechtsanwältin beim Abensberger ein. Sie vertritt die Nachfahren. „Dann habe ich mit der Tochter telefoniert. Sie war gerührt und hat geweint. Endlich habe sie Gewissheit, wo ihr Vater gestorben sei“, erzählt Steinsdorfer. Immer wieder hätte sie im Lauf der Jahrzehnte von verschiedenen Fundorten gehört und Hoffnung geschöpft – alle erwiesen sich als falsch.
Die Tochter lebt bei München, der Sohn in Braunschweig. Wann die Lützows eintreffen, dürfen Steinsdorfer und Mirlach nicht sagen. „Sie wollen keine Öffentlichkeit.“ Sie möchten sich in aller Stille am Gedenkkreuz von ihrem Vater verabschieden.