Obdachlose in Regensburg über die lebensgefährliche Hitzewelle: „Es erschlägt dich“

Bis zu 40 Grad heiß soll es in Regensburg werden. Experten raten, viel zu trinken und sich in abgedunkelten Räumen aufzuhalten. Doch was, wenn man kein Dach über dem Kopf hat? Obdachlose, einige mit Vorerkrankungen, leiden besonders. „Manchmal geht's nicht mehr“, berichtet ein Betroffener am Bahnhof. Helfer von der Caritas versuchen, die Not zu lindern – und bitten auch die Regensburger um Mithilfe.
Die Luft flirrt, wenn man die Fluchten der Maxstraße entlang blickt. Unerbärmlich brennt die Sonne auf die Straße nieder, sie glüht auf der Haut, betäubt den Verstand. In einer kleinen schattigen Nische liegt ein junger Mann, oberkörperfrei unter einer alten Decke.
Ein Passant hat ihm eine kalte Cola gegeben. Außen an der Flasche sammeln sich glitzernde Perlen von Kondenswasser, das in kürzester Zeit verdunstet. Die Hitze mache ihn fertig, sagt er in einer Mischung aus deutsch und englisch. Sie mache ihn müde, „sehr müde“. Er würde gern mehr erzählen, aber er sei zu fertig.
Über 500 Menschen gelten in Regensburg als wohnungslos, die allermeisten davon leben in Unterkünften oder bei Familie und Bekannten. Rund 30 bis 50 Menschen jedoch leben auf der Straße – so schätzen die Stadt Regensburg und auch der Streetworker Ben Peter.
Er ist für die Caritas Regensburg unterwegs, um diesen Menschen zu helfen. Bei Temperaturen über 30 Grad fährt er mit seinem Fahrrad jeden Tag zum Hauptbahnhof und verteilt dort Getränke. Denn für Menschen auf der Straße kann die Hitze lebensgefährlich sein.
Getränke gespendet von Jahn-Fans

„Magst du ein Wasser? Ich hab' auch Apfelschorle.“ Ben Peter reißt einen Sechserpack Mineralwasser auf und reicht die Flaschen herum. Über ein Dutzend Menschen sitzen gerade auf einer Betonkante im Schatten vor dem Regensburger Hauptbahnhof. Einer der Männer sitzt in einem alten Rollstuhl, der trockene Staub knarzt unter seinen Reifen.
„Es erschlägt dich, es haut dich um irgendwann“, sagt er, mit Schweißtropfen auf der Stirn. Ein Freund gibt ihm eine selbstgedrehte Zigarette. „Tauschen würde ich sofort mit jedem, weißt du was ich meine?“, fährt er fort. Für ihn ist es im Rollstuhl besonders schlimm. Gelegentlich fragt er, ob ihn jemand ein Stück schieben kann. „Manchmal geht's nicht mehr.“
Seit 7.45 Uhr Vormittag ist Ben Peter hier am Bahnhof. „Wenn die Hitze so groß ist, besteht die Gefahr der Dehydrierung und des Hitzeschlags. Viele Leute trinken dann vielleicht Alkohol, das ist aber kontraproduktiv“, sagt er. Einige Obdachlose hätten Vorerkrankungen, „da kann es schon mal sein, dass sie bewusstlos werden und im Krankenhaus landen.“
Jedes Jahr im Sommer sei es herausfordernd für Menschen, vor allem für alte. „Aber man merkt schon jetzt mit dem Klimawandel, dass es immer heißer wird.“ Gekauft werden die Getränke von Jahn-Fans der Hans-Jakob-Tribüne und vom Regensburger Fanprojekt, gelegentlich hilft auch die Tafel aus.
In der Notunterkunft NOAH verteilt die Caritas Sonnencreme

Eineinhalb Kilometer östlich des Hauptbahnhofs sitzt Peter Kraus in einem kühlen Essensraum. Er ist einer der Bewohner der Notunterkunft NOAH, ebenfalls von der Caritas betrieben. Seit 7. Mai lebt er hier, gemeinsam mit weiteren wohnungslosen Männern. Er ist froh, einen schattigen Rückzugsort zu haben. „Es ist zu heiß draußen“, sagt er. Gefährlich heiß.
„Sonnenbrand, Hautkrebs“, zählt Kraus auf. Er habe sich erst teuer eine Sonnencreme gekauft und hofft auf Abkühlung in der kommenden Woche. Im Eingangsbereich von NOAH hängt ein Plakat, das auf die Gefahren hinweist und öffentliche Wasserspender in Regensburg auflistet. Aufgehängt hat es das NOAH-Team rund um Leiterin Barbora Pokorny.
Die Notunterkunft NOAH bietet obdachlosen Menschen in Regensburg nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch die Möglichkeit, tagsüber Schutz, Getränke und Unterstützung zu finden. Viele Menschen ohne festen Wohnsitz verbringen den Großteil des Tages im Freien – ohne Zugang zu Klimaanlagen, kühlenden Getränken oder geeigneter Kleidung. „Es gibt kaum Rückzugsräume. Wer keine Wohnung hat, ist der Witterung ausgeliefert – im Winter wie im Sommer“, sagt Pokorny.
Wir haben festgestellt, dass vielen nicht klar ist, wie gefährlich die Kombination aus Alkohol, Drogen, Medikamenten und Hitzen ist. Unsere Klienten haben kaum gekühlte Rückzugsorte.
Barbora Pokorny, Leiterin der Caritas Notunterkunft

„Wenn jemand nicht reagiert: sofort 112“
Doch was tun, wenn man einen Menschen auf der Straße sieht, der unter der Hitze leidet? Freundlich ansprechen, ob die Person Hilfe brauche, ein Wasser möchte oder zum Beispiel eine Cola, sagt Pokorny. „Wenn jemand nicht reagiert: sofort 112“, fügt sie hinzu.
Wichtig sei ihr auch, dass man mit Respekt helfe. „Es gibt immer wieder Leute, die beim Spenden Videos und Selfies machen. Das ist unangenehm für die Menschen“, sagt sie. Zumindest vorher nachfragen solle man. Und immer gerne auf die NOAH-Unterkunft in der Landshuter Straße aufmerksam machen.
Neben schattigen Rückzugsorten bietet die Caritas dort auch Angebote wie die „Kulturteilhabe“ – so fährt am Mittwoch eine Gruppe wohnungsloser Menschen gemeinsam mit dem Schiff zur Walhalla, mit anschließendem Eisessen zur Abkühlung. Es sei wichtig, so Pokorny, den Menschen gelegentlich auch über die Überlebenssicherung hinaus Dinge anzubieten, die sie sich nie leisten könnten.
In der aktuellen Hitzewelle verteilt das NOAH-Team außerdem Sonnencreme. Hier bittet Pokorny um Spenden von Regensburgern, denn Sonnenschutz ist nicht günstig. Jeder kann Geld oder gekaufte Sonnencreme an die Caritas geben. „Das würde uns sehr helfen“, sagt sie. Die letzten Flaschen habe sie schon aus der eigenen Tasche bezahlt. „Es sind kleine Sachen, eine Flasche Wasser, eine Sonnencreme. Aber bei der Hitze kann das viel bewirken.“