Kreatives aus Müll: Häftlinge in Regensburg können in „Teilzeit“ arbeiten

Hinter Regensburgs Gefängnismauern hat ein neuer Betrieb eröffnet – mit bayernweit einzigartigem Konzept für die Insassen. Denn immer mehr Häftlinge sind mit einem Acht-Stunden-Arbeitstag überfordert. ATB soll sie besser auf ihre Zeit in Freiheit vorbereiten.
Einer der modernsten Betriebe „hinter Gittern“ in Bayern hat gestern in Regensburg offiziell eröffnet. Hinter ATB steckt ein Konzept, das Gefangenen der Justizvollzugsanstalt neue Perspektiven geben soll, wie JVA-Leiterin Veronika Retzbach hervorhebt. Das Angebot, das als einziges im Freistaat mit der Stadt kooperiert, richtet sich an Insassen, die mit einem Acht-Stunden-Tag überfordert sind. Davon gibt es immer mehr. Ihnen kann nun quasi auch „Teilzeit-Arbeit“ angeboten werden.
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Wer in Haft sitzt, hat schon mit dem Entzug der Freiheit zu kämpfen. Vergitterte Fenster, schwere Türen und hohe Mauern führen den Frauen und Männern ihre Lage ständig vor Augen. „Das darf aber nicht Perspektivlosigkeit bedeuten“, sagt Retzbach, weshalb Arbeitsangebote auch so immens wichtig seien. Nicht nur für die Gefangenen selbst, auch für die soziale Sicherheit innerhalb der Anstalt. Auch Inhaftierte wollen „gebraucht werden, etwas Sinnvolles machen“. Der neu eröffnete arbeitstherapeutische Betrieb (ATB) in der Regensburger JVA soll das nun noch besser ermöglichen.
Im neuen Betrieb der JVA entstehen „alles Unikate“
„Es ist ein geschützter Raum entstanden, in dem sich Gefangene ausprobieren können“, betont Retzbach. Wie genau das funktioniert, erläutert Betriebsleiter Charles Digosso-Motte. Was in den mit modernsten Maschinen ausgestatteten Räumen entsteht, sind Bastelarbeiten, aber „alles Unikate“. Gefangene, die für Vollzeitarbeit – sei es in der Küche oder im Lohnbetrieb der JVA – ungeeignet sind, entscheiden selbst, was geschaffen wird. Digosso-Motte berät und geht helfend zur Hand. Beispielsweise, wenn eine der großen Maschinen bedient werden muss. An die dürfen Insassen nämlich nicht selber.
Nur Bereiche in Blau sind zugänglich, auch Werkzeuge. Gebaut werden damit Hochsitze für den Bayerischen Jagdverband, Nistkästen, Bienenhotels oder stilvolle Dekoartikel zu Weihnachten oder Ostern. „Die Gefangenen schaffen etwas Eigenes“, sagt der Betriebsleiter, der die geladenen Gäste von Stadt, Politik und Justiz gestern durch die neuen Räumlichkeiten führt. Pastoralreferent Armin Hecht spendet zuvor den Segen. In ganz Bayern gebe es „keine vergleichbaren Betriebe in einer JVA“, betont Digosso-Motte, was ihn stolz mache.

CSU-Landtagsabgeordneter Jürgen Eberwein, zugleich Vorsitzender des Anstaltsbeirats, hatte zum Termin geladen. Weil für ihn „die Öffentlichkeit kein großes Interesse an dem zeigt, was hinter den Mauern hier stattfindet“ – nach seiner Überzeugung ist das durchaus „viel Beindruckendes“. Davon überzeugten sich neben Vertreter der Stadt unter anderen auch Landtagskollege Patrick Grossmann, Landgerichtspräsident Alfred Huber, Amtsgerichtsdirektorin Birgit Eisvogel und Leitender Oberstaatsanwalt Theo Ziegler.
Für Material entstehen dank Kooperation keine Kosten
Einen Punkt hoben alle hervor: ATB hat sich der Zero-Waste-Strategie von Regensburg verschrieben. Die JVA kooperiert dafür mit der Stadt. Der Wertstoffhof sortiert Verwertbares aus dem Müll aus, Digosso-Motte holt es ab. Die Insassen hauchen den Materialien dann „neues Leben ein“. Bezahlt werden die für ihre Arbeit selbstverständlich auch. Der neu eröffnete arbeitstherapeutische Betrieb bereitet sie aber noch besser auf ihre Entlassung und ein Leben in Freiheit vor.

JVA-Leiterin Retzbach macht keinen Hehl daraus, dass das Projekt eine Herausforderung ist. Eine Planstelle für ATB hat es vom Ministerium nämlich nicht gegeben. Möglich wird das Ganze auch, weil keine Kosten für Material entstehen. Eine teure Beschaffung entfällt, weil es vom Wertstoffhof zur Verfügung gestellt wird. Aber: Dass nur Digosso-Motte dafür abgestellt ist, heißt auch: Wenn der Urlaub hat, ruht der Betrieb.
Was an den aktuell vier und bei entsprechender personeller Verstärkung bis zu acht Plätzen entsteht, soll auf regionalen Märkten verkauft werden. Davon profitieren die Gefangenen aber nicht unmittelbar. Dieses Geld geht zurück an den Freistaat, der die Kosten für die teure Einrichtung getragen hat.
Langfristig wird allerdings überlegt, auch „Lohnarbeiten“ vom Häftlingen anzubieten, wie das Upcycling, also das Aufbereiten alter Möbel. Diese könnten dann auf Anfrage in der Regensburger JVA gebucht werden. Wann das kommt, ist derzeit noch offen.
