Landkreis als Schwamm: Kelheim will Schutz vor zu viel und vor zu wenig Regen

Von Martina Hutzler · 28. Juni 2025 um 11:00

Der Landkreis Kelheim ist seit Anfang des Jahres eine von zehn „Schwammregionen“ in Bayern. Er will sich mit dem Förderprogramm vor den beiden Extremen des Klimawandels schützen: lange Dürrephasen einerseits, heftigste Niederschläge andererseits.

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Es war ein traumatisches Ereignis für die Marktgemeinde Langquaid: Am 29. Mai 2016 brachte ein Unwetter sintflut-artige Regenfälle, die auch Massen an Erdreich aus den Fluren in mehrere Ortsteile spülte. Wasser und Schlamm richteten schwere Schäden an.

Um so etwas nicht noch einmal erleben zu müssen, klinkte sich die Gemeinde in das Programm „boden:ständig“ ein, das der Landschaftspflegeverband Kelheim im Landkreis betreut. Es hat zum Ziel, bei (Stark-)Regen den Wasserabfluss zu verlangsamen und das Regenwasser sowie den wertvollen Boden und Humus in den Feldern und Fluren zu halten, und damit fern von den Siedlungen. Das soll möglichst ohne aufwendige Bauwerke gelingen, sondern mit einfachen – „bodenständigen“ – Maßnahmen: zum Beispiel bepflanzte Pufferstreifen, auf denen Wasser versickern kann; geänderte Aussaat-, Pflanz- und Ackertechnik, mit denen sich Erosion verhindern lässt; Überprüfung und Neuplanung der vorhandenen Abflussgräben und -rohre, Bau von Mini-Rückhaltebecken.

Allein Langquaid investierte seither rund 280.000 Euro in solche Maßnahmen – in enger Absprache mit den Anwohnern, und aus eigener Kasse, um nicht lange Förderantrags-Verfahren abwarten zu müssen, schildert Bürgermeister Herbert Blascheck.

Planung ist örtlich angepasst

Geplant werden „boden:ständig“-Projekte direkt vor Ort, angepasst an die Gegebenheiten – ob in Langquaid, Saal, Ihrlerstein, Siegenburg oder den weiteren teilnehmenden Gemeinden. Nicht nur sie, sondern alle 24 Kommunen im Kreis Kelheim wollen jetzt aber noch einen Schritt weitergehen: Miteinander sind sie nun eine von zehn „Schwammregionen“ im Freistaat.

Stellten die "Schwammregion" am Beispiel des Helchenbach-Projekts vor: Christa Passek und Maximilian Frank (re.) vom Amt für Ländliche Entwicklung sowie (v. li.) Agraringenieur Felix Schmitt, VöF-Geschäftsführer Klaus Amann und Bürgermeister Herbert Blascheck - Foto: Hutzler

Auch in diesem Programm der bayerischen Staatsregierung geht es einerseits darum, die Fluren und die Siedlungen vor Erosion und Überflutung zu schützen.

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Aber zusätzlich sollen die Böden, das Gelände und die örtlichen Gewässer so strukturiert werden, dass sie selbst starken Regen aufsaugen wie ein Schwamm und möglichst viel von dem Wasser speichern. Der Niederschlag soll langsam in den Boden und ins Grundwasser versickern, anstatt in den nächsten Bach oder Fluss zu rauschen und mit diesem Richtung Schwarzes Meer zu verschwinden. Denn den Unwettern stehen ja als anderes problematisches Extrem die immer häufigeren und ausgeprägteren Trocken- und Dürrephasen entgegen.

Zusätzlich sollen in den „Schwammregionen“ Moore geschützt bzw. renaturiert werden. Sie sind nämlich nicht nur besonders effiziente Wasser-Speicher. Intakte Moore binden zudem viel klimaschädliches Kohlendioxid – das jedoch in die Atmosphäre entweicht, wenn ein Moor zerstört wird.

Maximal 270.000 Euro Fördermittel für Gemeinden im Kreis Kelheim

Seit Jahresanfang und (zunächst) bis Ende 2027 sind also die Landkreis-Gemeinden eine „Schwammregion“. Damit haben sie maximal 270.000 Euro Fördermittel zur Verfügung für (knapp 67.000 Euro steuern sie selbst bei). Das reicht im wesentlichen zur Deckung von Planungs- und Personalkosten. Betreut wird das Programm vom Landschaftspflegeverband Kelheim VöF, in Gestalt von Geschäftsführer Klaus Amann und Mitarbeiterin Birgit Kraus; sowie von Felix Schmitt vom Büro H&S, der bereits als „boden:ständig-Manager“ mit den Gegebenheiten im Landkreis vertraut ist.

Was sich daraus, bei pragmatisch-kreativer Herangehensweise, machen lässt, präsentierten Felix Schmitt, Klaus Amann, Bürgermeister Blascheck sowie Christa Passek und Maximilian Frank vom Amt für Ländliche Entwicklung, bei einem Pressetermin in Adlhausen. Dort war ein riesiges Rückhaltebecken geplant, um Hochwasser im Helchenbach abzufangen. Es scheiterte aber an einem unwilligen Grundstücks-Beteiligten. Zum Glück, sozusagen – denn statt eines öden Beckens entstand dort ein „Öko-Rückhalt“.

Rechts neben dem Erdwall verlief der Helchenbach ursprünglich schnurgerade. Vor zwei Jahren wurde dann in einer Wiese ein neuer Bachlauf angelegt. - Foto: Felix Schmitt, H&S

Auf einer knapp ein Hektar großen ehemaligen GrünlandFläche mäandriert der Helchenbach jetzt rund 250 Meter lang gemächlich dahin – während er früher in einem tiefen und schnurgeraden Bett „wie ein Kanonenrohr“ das Hochwasser nach Adlhausen schießen ließ. Beidseits der Ufer wurden 700 Weiden-„Setzstangen“ in den Boden eingegraben – die Stamm-Abschnitte haben mittlerweile ausgetrieben und bremsen, zusammen mit hohem Gras, das Wasser ab, falls es über die Ufer tritt.

Kaum wiederzuerkennen: Die Weiden haben ausgetrieben, am Boden wächst üppiges Grün. - Foto: Felix Schmitt, H&S

Viel Chaos - wenig Schaden

Dass der Biber einige der Weiden umgeworfen hat, kommt dem Rückhalt sogar zugute, erklärt Agraringenieur Felix Schmitt: „Je mehr Chaos, desto langsamer fließt das Wasser durch die Fläche“ und hat Zeit zum Versickern. Frösche und Insekten haben das kleine Biotop hör- und sichtbar bereits für sich entdeckt.

Entlang des neuen Bachlaufs wächst krautige Vegetation. Sie hat jüngst beim Starkregen wie erhofft den Schlamm abgefangen. - Foto: Hutzler

Solche und weitere Projekte können nun alle Gemeinden im Landkreis zusammen mit den „Schwammregion“-Betreuern konzipieren. Geprüft werde dabei auch, ob es für die Umsetzung Fördermöglichkeiten gibt, so Klaus Amann. Wo nötig, unterstützt das Amt für Ländliche Entwicklung bei der „Flurneuordnung“, also zum Beispiel dem Erwerb oder der Anpachtung der nötigen Grundstücke.

In Niederleierndorf soll das Niedermoor wieder nasse Füße bekommen. Hier werden Pegel gesetzt, um den Grundwasserstand messen zu können. - Foto: Lucia Gruber, VöF

Ein Wermutstropfen wurde beim Pressetermin auch angesprochen. Schon beim Projekt „boden:ständig“ war nämlich schnell klar: Der Vorlauf für Maßnahmen wird immer deutlich. Über das Programm wurden im Landkreis Kelheim gut 50 konkrete Vorhaben angestoßen – aber bislang nur etwa 20 realisiert. „25 hängen in Abstimmungsschleifen mit Eigentümern, Bewirtschaftern, Kommunen, Planern, Genehmigungs- und Förderstellen - fünf haben sich dabei schon erhängt“, bilanziert Agraringenieur Felix Schmitt.

Das Adlhausener Helchenbach-Projekt benötigte satte zwei Jahre, um u.a. die wasserrechtliche Genehmigung zu erlangen – obwohl das Grundstück schon der Gemeinde gehörte, die Planung großteils gleich direkt über boden:ständig erfolgte und aus Zeitgründen auf Förderung verzichtet wurde. „Die Bauarbeiten haben dann zehn Tage gedauert“, stellt Bürgermeister Herbert Blascheck leicht süffisant gegenüber.