Grün, Freisitze und ein Kulturort: Einstige Prachtstraße poliert ihr Image auf

Die Regensburger Maximilianstraße, einst ein prächtiger Boulevard, hat schwierige Jahre hinter sich. Doch inzwischen geht es aufwärts. Grün, Freisitze und ein Kulturort: Passanten fühlen sich dort inzwischen wieder besser aufgehoben.
Anstöße gibt auch der städtische Kulturort M26, der mit seinem Café, den Ausstellungen und Debatten die unterschiedlichsten Menschen anzieht. Am Mittwoch sind trotz Hitze zahlreiche Passanten unterwegs, kaufen im Lebensmittelgeschäft Paradiesana und bei Globetrotter ein oder essen Kuchen im Urban Coffee. Wie gelingt dort das Miteinander von Passanten, Geschäftsleuten und Geflüchteten?
Christine und Bernd Berzl haben sich auf den Sitzgelegenheiten vor dem M26 niedergelassen. Die Bad Kötztinger haben in Regensburg eine Zweitwohnung und kommen deshalb oft. Am Abend wollen sie sich im Theater „Die wunderbaren Jahre“ ansehen. Christine Berzl (65) bedauert zwar, dass das Skatergeschäft Titus zugesperrt hat, wo sie oft für ihren Sohn einkaufte, aber insgesamt findet sie die Maximilianstraße mit den Bäumen und dem jüngsten Hotelneubau schöner. Die Leerstände aber stören sie.
Ein riesiges Potenzial
Zwei Lehrstühle der Universität Regensburg beschäftigen sich mit der Maximilianstraße, die nach der Beschießung durch napoleonische Truppen 1806 wiederaufgebaut wurde. „Ich finde die Maxstraße eine ganz wichtige, tolle Straße“, sagt Professorin und Stadtsoziologin Dr. Anna Steigemann. „Sie ist ein großartiger Sozialraum, bringt viele verschiedene Gruppen relativ konfliktfrei zusammen.“ Vom Geflüchteten, der im Begegnungsort M26 Deutsch lernt, über Schülerinnen, die dort Hausaufgaben erledigen, bis zur Geschäftsfrau, die einen Kaffee trinkt. Zusammen mit den Studierenden untersucht Steigemann die Nutzungskonflikte in der Straße, die in ihren Augen ein riesiges Potenzial hat – besonders mit dem M26.
„Aber natürlich prallen da Lebenswelten aufeinander“, sagt sie. An Orten wie diesen werde die Zukunft verhandelt. Aus Konflikten entstünden oft gesellschaftliche Veränderungen. Eine ihrer Studierenden, Marina Schepetow, findet es faszinierend, wie viele soziale und ethnische Gruppen hier aufeinandertreffen. „Das ist eine Straße wie keine andere in Regensburg“, sagt die 25-Jährige. Für Menschen mit Migrationshintergrund gibt es mehrere Anlaufstellen: Sie erledigen behördliche Angelegenheiten beim Amt für Integration und Migration. Dafür stehen sie oft lange an. Im M26 daneben sind sie stets willkommen und können sich gegen eine Spende ein Getränk einschenken. Sie suchen auch den Barbershop und das Lebensmittelgeschäft Paradiesana auf. Die Maximilianstraße holt Geflüchtete für einen Augenblick aus dem beengten Leben in den Unterkünften. „Die ungewöhnliche Zusammensetzung der Straße trägt zum gegenseitigen Verständnis bei“, ist Marina Schepetow überzeugt.
Das Tor zur Stadt wird seinem Namen gerecht.
Marina Schepetow, Studierende
Nach Urteil von Tina Ferstl, Juniorchefin bei Mode Schäfer, hat die Straße von der Neugestaltung profitiert und ist belebter als früher. Dafür sorgten die Freisitze und viele junge Leute, die abends unterwegs seien, unter anderem in der Max‘s Bar. Sie freut sich über den „bunten Mix“ vor der Ladentüre. Dass die Maximilianstraße auch Menschen mit Migrationshintergrund integriert, bejaht die Geschäftsfrau.
Anna Steigemann nimmt auch die Schattenseiten des Boulevards wahr. Die Leerstände sind weniger geworden, bleiben jedoch ein Problem. Neben dem früheren Titus sind noch zwei große Geschäfte im Norden verwaist. Dienstleister und ein Automatengeschäft haben in einigen der früheren Läden eröffnet. Das belebt die wichtige Achse nicht. „Geschäfte ziehen Menschen in die Straßen. Ohne sie nimmt die Aufenthaltsqualität ab. Wenn weniger Menschen auf den Straßen sind, steigt das subjektive Unsicherheitsgefühl“, sagt die Soziologin Steigemann, die in Regensburg und Berlin lebt.
Sie appelliert an die Stadt, den Gewerbe-Leerstand zu bekämpfen und das Verweilen mit noch mehr Grün angenehmer zu machen. Den Regensburgern empfiehlt sie, der Maximilianstraße eine Chance zu geben. Marina Schepetow bezeichnet Sitzgelegenheiten als „unfassbar wichtig“. Auf den bestehenden Bänken kann man sich ungezwungen niederlassen, ohne konsumieren zu müssen. „Die Leute wollen verweilen, es bräuchte mehr Bänke.“
Weniger Konflikte
Stephanie Reiterer ist Co-Leiterin des Kulturorts M26. „Die Maximilianstraße hat sich spannend entwickelt“, findet die 48-Jährige. Sie beruft sich auf eine Online-Befragung des Lehrstuhls für Immobilienentwicklung an der Universität. Knapp 1200 Passanten, Besucher und Geschäftsleute haben ihre Meinung kundgetan. Noch gibt die ebenfalls beteiligte Stadt das Gesamtergebnis nicht bekannt, aber einige Daten verrät Reiterer. 68 Prozent der befragten Passanten, 66 Prozent der Geschäftsinhaber und 77 Prozent der M26-Besucher fühlen sich heute trotz einiger Schattenseiten sicherer in der Maximilianstraße – auch dank des M26, das täglich außer Sonntag geöffnet ist, bei Veranstaltungen bis zum späten Abend. Die Einzelhändler stellen einen Imagewandel fest. Es kommt hin und wieder zu Konflikten. Aber die Polizei müsse nicht mehr so oft eingreifen, heißt es.
Marina Schepetow urteilt: „Das Tor zur Stadt wird seinem Namen gerecht.“ Im Juli entscheidet der Stadtrat über eine Verlängerung des M26, das Fördergelder des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) akquiriert hat.