Alkohol ist immer noch zu billig, schimpft Waldmünchner Suchthelfer

Von Martin Hladik · 26. Juni 2025 um 05:00

In Bayern gehört Bier zum Alltag – zum Feierabend, zum Frühschoppen, zum Vereinsleben. Doch was, wenn der Griff zum Glas nicht mehr freiwillig ist? In Waldmünchen will Ludwig Wittel solchen Menschen mit einer Selbsthilfegruppe im Mehrgenerationenhaus (MGH) eine Anlaufstelle bieten.

Wittel ist selbst alkoholkrank. Aber: „Ich bin seit vier Jahren und neun Monaten trocken“, sagt er ohne zu zögern. Jetzt möchte er anderen Betroffenen helfen. Dafür hat er sich sogar zum zertifizierten Suchtkrankenhelfer ausbilden lassen. Er ist also nicht nur für Alkoholabhängige Ansprechpartner, sondern auch für anderes Suchtverhalten, wie zum Beispiel die Spielsucht.

Obwohl er jetzt schon fast seit fünf Jahren keinen Alkohol mehr trinkt, bleibt Wittel wachsam. „Denn diejenigen, die sagten: Jetzt habe ich es unter Kontrolle. Bei denen ging es in die Hose.“ Das gelte praktisch für alle Arten von Sucht. „Das Suchtmittel ist eigentlich fast egal. Im Kopf passiert immer das Gleiche!“

„Überreden bringt nix!“

Das erlebe er auch bei Gesprächen in der Selbsthilfegruppe. Immer sei Selbsteinsicht nötig, um gegen die Sucht anzukämpfen. „Überreden bringt nix!“, weiß Wittel. Das sei häufig auch ein Thema bei den Gesprächen mit Angehörigen von Suchtkranken. Tatsächlich besuchten mehr Angehörige als Suchtkranke die Selbsthilfegruppe, um sich einmal aussprechen zu können. Für Wittel ein sehr gut nachvollziehbares Phänomen. Es sei ein enormes Handicap, mit einem Suchtkranken zu leben. Ein Nichtbetroffener könne sich gar nicht vorstellen, „was da abgeht“.

Der Umgang mit Alkohol in der Gesellschaft ist für Wittel ein Problem. So sei Alkohol aus seiner Sicht immer noch viel zu billig. Man müsse nur in einem Supermarkt darauf achten. Für wenige Euro sei eine Flasche Schnaps zu haben. Und dabei rede er nicht mal über die kleinen Fläschchen kurz vor der Kasse.

Auch der gesellschaftliche Druck, Alkohol zu trinken, ist für ihn ein Kritikpunkt. Wenn er in einer Gruppe sei und regelmäßig Alkohol ablehne, dann werde er bestimmt ziemlich schnell gefragt, warum er nichts trinkt. „Mir geht es damit gut. Ich kann zu jedem gehen und sagen, was los ist.“ Für andere mag das schwieriger sein.

Für ein unausgesprochenes Problem hält Wittel es aber, wenn bei Festen, die eigentlich für Kinder gedacht sind, für die Erwachsenen – meist seien es die Väter – Bier ausgeschenkt wird. Man merkt sofort, wie sehr Wittel dieser unreflektierte Gebrauch von Alkohol ärgert. „Ich versuche, das nicht zu übertreiben, aber gibt es einen Grund für alkoholisierte Väter vor Kindern?“ Ein Fest für Kinder und Alkoholausschank an Erwachsene, das passe nicht zusammen.

Als trockener Alkoholiker, der sich auf eigene Kosten zum Suchtkrankenhelfer weitergebildet habe, sei er auch Ansprechpartner für verschiedene Institution in der Suchtkrankenhilfe geworden, sagt Wittel. „Die fragen mich als lebendes Beispiel an“, sagt er. Er spreche dann vor anderen Süchtigen, aber auch vor Menschen, die sich über Suchtprävention informieren möchten.

Eine Flasche Wodka

Er erzähle seine Geschichte in die Alkoholsucht – „Am Schluss war es eine Flasche Wodka pro Tag“ – und den Weg hinaus. Seinen Weg aus der Sucht habe ihm eine Therapiegruppe im Bezirksklinikum in Regensburg möglich gemacht. Im geschützten Raum der Gruppe sei er von seiner Sucht losgekommen. Das Schwerste sei für ihn aber die Rückkehr in den Alltag gewesen. „Die Freiheit, das war fast wie Laufen lernen!“

Die spätere Weiterbildung zum Suchtkrankenhelfer sei für ihn auch ein bisschen „Selbsttherapie gewesen“, sagt Wittel. Anderen zu helfen, „tut mir gut!“

■ Die Sucht-Selbsthilfegruppe für Betroffene, Angehörige und Interessierte trifft sich 14-tägig freitags im Raum Elz im Mehrgenerationenhaus. Das nächste Treffen ist morgen, am 27. Juni, um 19 Uhr. Wer will, kann Ludwig Wittel auch telefonisch unter 01 51/ 41 64 23 59 oder per Email lwittel@arcor.de anfragen.