Wenn die Halbe Bier fünf Euro kostet: Ist das noch ein Bürgerfest?

Es war eine gigantische Party. Hunderttausende Menschen strömten am Wochenende zum Bürgerfest in die Regensburger Innenstadt. Bei traumhaftem Sommer-Wetter genossen viele das reichhaltige Programm. Für das Mega-Fest gab es großes Lob – nun allerdings auch Kritik, insbesondere an den Preisen für Essen und Getränke.
An schier unzähligen Ständen wurden während der drei Tage Köstlichkeiten aller Art und eine große Auswahl an Getränken angeboten. Eine viel beachtete Marke ist dabei der Preis für die Halbe Bier. Diese kostete an einigen Orten bis zu fünf Euro. Und teils wurde auch für antialkoholische Getränke wie ein Spezi fünf Euro verlangt. Ein Kinder-Lolli kostete an einem Stand 4,50 Euro. Können sich bei einem Fest, das für Bürger aller Gesellschaftsschichten da sein soll, das wirklich noch alle leisten? Unter Besuchern der Mega-Party wurde dies teils hitzig diskutiert. Nach der Preisinformation am Verkaufsstand zogen manche dann auch weiter – um woanders vielleicht ein günstigeres Angebot zu finden.
„Nicht mehr leistbar“
„Natürlich sind fünf Euro viel Geld“, sagt Martina Groh-Schad von den Sozialen Initiativen: „Bei Alkohol bin ich da noch gar nicht mal so kritisch, aber wenn auch nichtalkoholische Getränke so viel kosten, ist das für viele Menschen schlicht nicht mehr leistbar.“ Die Sozialen Initiativen haben auf dem Bürgerfest allerdings selbst einen Stand betrieben: „Und von daher weiß ich, welche Kosten im Hintergrund anfallen.“ Beim Ostengassenfest, das der Verein selbst organisiert, „zahlen wir sogar mächtig drauf“.
Ein Kostentreiber bei derartigen Veranstaltungen seien die vielen Auflagen wegen Sicherheit, sagt Groh-Schad: „Und dagegen kann man letztlich ja nichts sagen, die Stadt will sich da ja nicht bereichern.“ Sie selbst stelle sich aber die Frage, ob es nicht doch möglich sei, die gesamte Entwicklung irgendwann zu stoppen oder sogar umzudrehen: „Auch wegen der Frage, ob es die totale Sicherheit überhaupt gibt, und wenn wir noch so viel machen.“
Jonas Scherer vom Stadtjugendring bestätigt, dass solche Preise „auf jeden Fall ein Thema“ seien. Er habe deswegen auch Verständnis dafür, „wenn insbesondere junge Menschen Getränke im Supermarkt kaufen und im Rucksack aufs Fest bringen. Denn junge Leute müssen in der Mehrheit sicher am meisten aufs Geld schauen“. Ein Patentrezept habe er allerdings auch nicht: „Es ist sicher nicht einfach zu lösen. Ich weiß gar nicht, ob es möglich ist, den Betreibern feste Preise vorzugeben. Und ob dann nicht viele abspringen würden und die Stadt Probleme bekommt, so ein großes Programm zusammenzubringen.“ Die Gratis-Trinkwasserstellen, die es immer mehr gibt, seien aber bereits eine positive Entwicklung.
Ich habe Verständnis dafür, wenn insbesondere junge Menschen Getränke im Supermarkt kaufen und im Rucksack aufs Fest bringen. Denn junge Leute müssen in der Mehrheit sicher am meisten aufs Geld schauen.
Jonas Scherer, Stadtjugendring
Einer, der das Bürgerfest als Platzbetreiber mehrere Jahrzehnte mitgestaltete, ist Hans Krottenthaler vom Alte Mälzerei e.V.. Sein persönlicher Eindruck ist, „dass das Bürgerfest liebloser geworden ist“. Er findet etwa, dass „das Musikprogramm, vielleicht auch wegen des finanziellen Drucks, weniger engagiert zusammengestellt ist“. Es gebe „immer mehr Musik aus der Konserve, sehr viel DJ-Musik, was früher auch überhaupt nicht erlaubt war“. Zudem werde das Fest „sicher auch kommerzieller“. Es gebe „zum Beispiel sehr viele Werbe-Giveaways und Werbeflächen auf Bauzäunen, auch das war früher nicht gern gesehen oder erlaubt“. Er will nicht als Ewiggestriger gesehen werden, sagt er, „denn das ist alles sicher vielleicht der Zeit geschuldet und es kann nicht immer so sein wie in den 70er- oder 80er Jahren, das ist mir klar“. Zudem verstehe er, dass am Ende auch etwas verdient werden soll und gönne dies jedem Platzbetreiber. Ihm persönlich gefalle die Gesamtentwicklung aber eben nicht.
Keine Beschwerde bei Stadt
Die Stadt Regensburg teilt mit, dass beim Organisations-Team des Kulturamtes keine Beschwerden eingegangen seien. „Ganz im Gegenteil: Es gab vor allem positive Rückmeldungen“, sagt Sprecherin Juliane von Roenne-Styra. Grundsätzlich würden alle Veranstaltungen, unabhängig vom Veranstalter, unter einem hohen Kostendruck leiden, sagt sie. Und die Getränkepreise des Bürgerfestes seien in der Altstadt das gesamte übrige Jahr „durchaus gängig, unabhängig von einem kostenfreien Bühnenprogramm über drei Tage“. Von Roenne-Styra zufolge sei es außerdem ein „integraler Bestandteil des Bürgerfestes, Vereinen äußerst kostengünstige Präsentationsflächen zur Verfügung zu stellen, um das vielseitige Ehrenamt in Regensburg zu zeigen“. Die Platzbetreiber müssten deswegen alternative Einkommensquellen wie zum Beispiel Werbung akquirieren.
Wenn so vieles umsonst ist, darf die Verpflegung durchaus etwas kosten, argumentiert unser Autor Christian Eckl in seinem Kommentar: „Freibier von zu Hause“
Wo gibt es das noch: Eine ganze Stadt ist auf den Beinen, feiert in ihrem pochenden Herzen ein Fest mit allen und für alle. Dass es immer Madigmacher gibt, denen das eine oder das andere nicht passt, ist klar. Doch beim Bürgerfest hatte man die Wahl: Wer keine Lust auf eine halbe Bier für fünf Euro hatte, packte sich sein Flaschl aus dem eigenen Kühlschrank eben selber ein und trank es dort, wo kostenlose Angebote lockten. Wer beispielsweise die wunderbare Electro-Fete auf der Jahninsel erlebt hat, der weiß: Für sowas zahlt man normalerweise. Beim Bürgerfest gab es das Festival mit Traum-Ausblick umsonst. Für Altstadtbewohner waren die drei Tage durchaus herausfordernd. Schon jetzt wissen die meisten nicht, wohin mit dem Auto, und jetzt waren auch noch die Fahrräder im Weg. Vielleicht sollte man explizit für Anwohner in zwei Jahren „Einheimischenpreise“ oder ein Freibiermarkerl andenken.
Gerade an einem Bürgerfest mit dem Motto „miteinander“ sollte Teilhabe für alle gewähleistet sein, findet unsere Autorin Heike Haala in ihrem Kommentar: „Von wegen miteinander!“
Musik, Mitmachstationen, Informationen – ja, auf dem Bürgerfest gab es wirklich viel umsonst. Dass sich manche aber das Essen und die Getränke nicht leisten konnten, lief dem Gedanken des Festes zuwider.
Gerade an einem Bürgerfest unter dem Motto „Miteinander“ sollten möglichst alle im gleichen Ausmaß teilhaben können. Zu hohe Preise führen zudem dazu, dass sich viele selbst versorgen. Die mitgebrachten Flaschen und Tüten landeten aber nicht immer im Abfall. Die Stadt muss das Wegräumen bezahlen. Nicht zuletzt wissen auch die Händler: Ihre Kunden wollen sparen. Immerhin warb einer von ihnen damit, kein Pfand zu verlangen – und das ausgerechnet im Umfeld der Nachhaltigkeitsmeile. Für wessen Angebot werden sich klamme Besucher da wohl entschieden haben? Dabei hatte sich die Stadt auf die Fahne geschrieben, auf den ökologischen Fußabdruck des Festes zu achten.