Geisterhaft: Raupen fressen Bäume und Sträucher kahl und hüllen sie in silbrigen Schleier

Von Mittelbayerische Zeitung · 24. Juni 2025 um 11:00

Aktuell sorgen wieder silbrig schimmernde, kahl gefressene Bäume und Sträucher an Weg-, Straßen- und Waldrändern oder in Parkanlagen im Landkreis für Aufsehen. Entlang des Regens, aber auch in Gärten und eigentlich nahezu überall, wo etwas wächst und gedeiht, fressen sich kleine Raupen durch Wald und Flur.

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Verantwortlich hierfür sind die Raupen einiger Gespinstmottenarten, die die Blätter der Pflanzen vollständig abfressen und Stämme, Äste und Zweige mit einem Gespinst überziehen. Entwarnung gleich vorweg: Die Raupen „fressen alles radikal leer, aber verursachen im Grunde keinen dauerhaften Schaden – es handelt sich nur um vorübergehende Phänomene“, weiß Markus Schmidberger, Leiter des LBV-Zentrums in Nößwartling. Vor allem an den Flussläufen spinnen die Tierchen ganze Pflanzen ein, dort wachsen bestimmte Leckerbissen, auf die sich einige Gespinstmottenarten spezialisiert haben.

So werden am häufigsten Traubenkirschen von der Traubenkirschen-Gespinstmotte befallen. Ein milder Winter und ein trocken-warmes Frühjahr sind ideale Voraussetzung für eine Massenvermehrung der kleinen, weißen Falter. Doch der LBV gibt Entwarnung: Gefährlich sind die Gespinstmotten nicht und verschiedene Insekten verhindern deren ungehemmte Ausbreitung. Auch überstehen die Gehölze das meist unbeschadet, beruhigt der Landesbund für Vogelschutz (LBV).

Tierchen sind wählerisch

Die Gespinstmottenarten machen sich wirtsspezifisch über die Blätter von nur ein oder zwei Baum- und Straucharten her. Neben Traubenkirschen werden so Weißdorn, Pfaffenhütchen oder Pappeln, gelegentlich auch Obstbäume befallen. Die Motten legen ihre Eier im August in die Sträucher, wo sie als millimetergroße Räupchen überwintern. Im späten Frühling beginnt die Fraßphase, in der sie zunächst von innen heraus Blattknospen anfressen und ihr Gespinst anlegen. Den seidigen Schleier spinnen die kleinen Raupen, um sich vor Fressfeinden wie Vögeln oder Witterungseinflüssen wie Regen zu schützen.

Unter dem Schleier fressen die Raupen bis Mitte Juni den Baum kahl. Dann wandern sie zum Stammfuß, wo sie sich im Schutz des Gespinstes verpuppen. Anfang Juli schlüpfen die weißen, schwarz gepunkteten Falter der Traubenkirschen-Gespinstmotte. Nach der Paarung im August legen diese ihre Eier wieder an den Knospen der Traubenkirsche ab. So beginnt der Gespinstmottenkreislauf von neuem.

Die Gespinste der verschiedenen Mottenarten sind für die Gehölze nicht schädlich. - Foto: LBV/Christiane Geidel

Dieses geisterhafte Naturschauspiel lässt sich schon immer in jahrweise wechselnder Häufigkeit beobachten. Insbesondere der Klimawandel fördert dieses alljährliche massenhafte Auftreten der Gespinstmotten.

Milde Winter und ein trocken-warmer Frühling liefern ideale Bedingungen für die Überlebensrate der Larven. Zudem begünstigen heiße und trockene Sommer die Vermehrung der Gespinstmotten, da sich die Falter bei Temperaturen ab 12 Grad Celsius in der Nacht paaren. Allerdings verhindern bis zu 80 verschiedene Insekten, darunter Schlupfwespen und Raubwanzen, sowie einige Vogelarten dauerhaft eine ungehemmte Ausbreitung der Gespinstmotten.

Insektengift? Experten raten dringend ab!

Davon, die Tiere mit Gift zu vernichten, raten Experten dringend ab. Der Eingriff von Insektengift ist in den meisten Fällen nicht erfolgreich und schadet zudem der Umwelt, da von den Giften auch die natürlichen Gegenspieler der Gespinstmotten betroffen sind. Hat sich das Gespinst erst einmal ausgebildet, sind die Raupen kaum noch loszuwerden.

Den Bäumen oder Sträuchern schadet der Befall nicht, da sie die verlorenen Nährstoffe zu einem Großteil durch den auf den Boden fallenden Raupenkot zurückbekommen. Noch im gleichen Jahr treiben sie mit dem sogenannten Johannistrieb wieder aus und tragen keine langfristigen Schäden davon.

Den seidigen Schleier spinnen die kleinen Raupen, um sich vor Fressfeinden wie Vögeln oder Witterungseinflüssen wie Regen zu schützen. - Foto: LBV/Anne Busch

Bei Obstbäumen kann der Befall teilweise die Ernte verringern. Um beispielsweise Apfelbäume vor dem Befall zu bewahren, empfehlen wir spätestens ab April mit dem Absammeln der Tiere zu beginnen. Die Gespinste lassen sich zudem mit einem Besen entfernen oder einem Wasserschlauch herunterspritzen. Dabei sollten jedoch Gespinstreste und Larven vom Boden aufgesammelt werden, damit sie nicht zurück auf den Baum wandern können.

Schneiden beugt vor

Wer im vorigen Jahr einen Gespinstmotten-Befall hatte, kann im Winter mit einem Rück- und Pflegeschnitt einem erneuten Befall vorbeugen. Der Schnittabfall sollte auf Eier und überwinternde Larven kontrolliert und nicht auf dem Kompost, sondern am Abfallhof, entsorgt werden. Zusätzlich lohnt es sich im eigenen Garten die natürlichen Gegenspieler der Gespinstmotten zu fördern. Naturnahe Gärten bieten Lebensraum für viele Insekten und Vögel, die sich von den Raupen ernähren.

Die Gespinste haben übrigens nichts mit dem Eichenprozessionsspinner zu tun, der ausschließlich Eichen besiedelt und die Bäume niemals einspinnt. Seine Verpuppungsgespinste befinden sich am Stamm dicker Eichen und sind dort auch erst viel später im Jahr zu beobachten. tf/lbv