Ein Spitzendiplomat aus Regensburg: Merkels Mann fürs Geheime ist zurück

Der aus der Konradsiedlung in Regensburger stammende Karriere-Diplomat Bernhard Kotsch war zuletzt Vatikan-Botschafter, zuvor ordnete er für Angela Merkel die Geheimdienste und war der Protokollchef der Kanzlerin. Jetzt wurde der Regensburger auf einen wichtigen Posten berufen: Nach 60 Jahren hat erstmals wieder ein Unionsmann den Posten des Außenministers inne. Kotsch ist sein Staatssekretär im Außenamt.
Im politischen Berlin ist Dr. Bernhard Kotsch schon lange eine Legende. In einem Kreis von Regensburgern, die in der Bundeshauptstadt politische Karriere gemacht hat, galt der Diplomat als Gentleman mit Intellekt – und vor allem mit Zugang zur Kanzlerin. Angela Merkel hat den 1969 geborenen Regensburger zu ihrem Vertrauten gemacht und ihm wichtige Regierungsgeschäfte anvertraut. Am 6. Mai hat Kotsch die nächste Sprosse der Karriereleiter erklommen: Er wurde zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt berufen, das mit Außenminister Johann Wadephul erstmals seit Jahrzehnten wieder von einem Unions-Mann geführt wird.
Angela Merkel war als Kanzlerin auch bekannt dafür, dass sie die von ihr geförderten Personen dort unterbrachte, wo sie wirken konnten. Eine Vorgängerin von Bernhard Kotsch bei der Botschaft am Heiligen Stuhl war Anette Schavan. Die einstige Merkel-Vertraute fiel nach einem Skandal um ihre Doktorarbeit im politischen Berlin als Bildungsministerin in Ungnade. Merkel schickte sie nach Rom.
Gerade in seiner Funktion als Botschafter in Rom gelang es Kotsch, durch diplomatisches Geschick die Rolle Deutschlands für Europa und die Welt in den Blick zu rücken: „Unser Land wird als politisch und wirtschaftlich starkes Land in der Europäischen Union wahrgenommen. Von dem natürlich auch viel erwartet wird: beispielsweise mit Blick auf die Weiterentwicklung der EU, die Geltung internationalen Rechts oder auch Fragen der friedlichen Konfliktbeilegung“, sagte er in einem Interview mit Kirche und Welt.
Regensburger beim Papst
Doch auch das Persönliche pflegte der Regensburger Spitzenbeamte: Gegenüber der Mediengruppe Bayern schilderte Kotsch, wie sehr er und seine Familie die Weihnachtsfeiertage in Rom genossen hatten. Nach den Festtagen lädt der Heilige Vater das Diplomatische Korps in den Vatikan ein. „Für mich ist dies immer wieder ein besonderes Erlebnis“, sagte Kotsch damals.
Die Karriere des gebürtigen Regensburgers ist eng mit der früheren Kanzlerin verbunden. Lange Jahre begleitete Kotsch Angela Merkel. Kennengelernt haben sich die beiden 1998, da hatte Kotsch gerade eine Stelle im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin angetreten. Merkel war damals Generalsekretärin der CDU. Kotsch, der mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung promovierte, war von 1997 bis 2000 im Büro für Auswärtige Beziehungen bei der CDU beschäftigt.
Dann wendete sich Kotsch dem Auswärtigen Dienst zu. Er absolvierte die Attachéausbildung und bekam eine Beschäftigung an der Botschaft der Republik Nordmazedonien (so der heutige Name des Landes) in Skopje. Von dort aus kehrte er zurück ins Konrad-Adenauer-Haus. Mit der Wahl Angela Merkels zur Bundeskanzlerin 2005 begann auch Kotschs steiler Aufstieg im Zentrum der Regierungsmacht, wenngleich auch erst einmal sachte: Er wechselte 2006 ins Bundeskanzleramt, wurde zuständig für Afrika und den Nahen Osten. Nach einer Zwischenstation in einer Botschaft eines afrikanischen Landes trat Kotsch den Dienst an, der ihn zum einflussreichen Strippenzieher werden ließ – oder eher zum ersten Diener der Kanzlerin.
Denn von 2009 bis 2018 war Kotsch stellvertretender Büroleiter von Bundeskanzlerin Angela Merkel und unter ihrer engen Vertrauten Beate Baumann. Vergangenes Jahr veröffentlichte Baumann zusammen mit Merkel die Autobiografie „Freiheit“. Auch Kotsch spielte eine wichtige Rolle bei Entscheidungen Merkels, zumindest, wenn man dem Journalisten Robin Alexander glaubt. Der hatte in seinem Buch „Die Getriebenen“ darüber geschrieben, was in jenen Monaten 2015 im Kanzleramt entschieden wurde, als Merkel entschied, Hunderttausende Flüchtlinge aus Ungarn und Österreich über die Grenzen zu lassen. Kotsch wurde in der Verfilmung des Buches auch dargestellt.
Merkels Mann fürs Geheime wurde Kotsch übrigens, als er von 2018 bis 2021 als Koordinator der Nachrichtendienste des Bundes Ordnung in den BND und die Gesetze bringen musste. Das Bundesverfassungsgericht hatte BND-Befugnisse als verfassungswidrig einstufte. Als Merkel ging, berief sie Kotsch zuvor noch zum Botschafter beim Papst – ein renommierter Posten. Er ist nicht nur historisch interessant, sondern ist einer der höchstdotierten: Die Botschafter am Heiligen Stuhl sind als B9-Beamte gleichgestellt mit den Botschaftern in Washington, Paris, London und Moskau.

„Nicht nur Freunde“ mit neuem Posten im Auswärtigen Amt
Die Frankfurter Allgemeine porträtierte kürzlich den neuen Staatssekretär. „Für Außenminister Johann Wadephul muss Kotsch jetzt im Haus Aufgeben erledigen, mit denen er sich nicht nur Freunde macht“, so die Zeitung. „Denn: Das Auswärtige Amt soll sparen.“ Auch diese Aufgabe wird Kotsch wohl so erledigen, wie er es immer tat: Diskret.
Info: Das ist das Auswärtige Amt
Kaiserzeit: Der Name Auswärtiges Amt stammt tatsächlich noch aus der Kaiserzeit, es wurde 1870 gegründet. Gemeint ist aber das Außenministerium. Seit vielen Jahrzehnten war es nicht in Händen der Union. Der letzte CDU-Außenminister vor Wadephul hieß Gerhard Schröder (1961 bis 1966).
Staatssekretär: Fünf Staatssekretäre gibt es im Außenministerium. Drei davon sind Parlamentarische Staatssekretäre, sie sind also aus dem politischen Bereich berufen. Zwei Beamtete Staatssekretäre gibt es, die vor allem für die Leitung des Hauses zuständig sind – einer davon ist der Diplomat Kotsch.