80 Jahre SC Kelheim: Schlamm, Schweiß, Teamgeist und unvergessliche Geschichten

Vier Männer blicken auf eine bewegte Vereinsgeschichte - vom Pokalkracher im Schnee über geschwärzte Bettwäsche bis hin zu lebenslanger Verbundenheit.
Sie waren Kicker, Betreuer, Vereinswirt, Vorsitzende, Platzwart oder Schiri. Manches Jahrzehnte lang. Vier Urgesteine des SC Kelheim blicken auf harte, turbulente, aber auch schöne, lustige Zeiten. Am letzten Juni-Wochenende feiert „ihr Verein“ 80-Jähriges.
Ehrenvorsitzender Heribert Schwindl und die Ehrenmitglieder Franz Englbrecht, Heinz Fritsch und Helmut Schildhammer kennen die alten Geschichten. Die vom Kupfer-Verbrennen etwa. Die aus heutiger Sicht sehr abenteuerlichen Einsätze erbrachten in den 1970ern den finanziellen Grundstock für den damals nötigen Neubau des Sportheims am Hopfenbach. Teils erhielten sie Kabelreste von der Zellwolle geschenkt, teils wurden sie „organisiert“ und erbettelt und nach dem Herauslösen verkauft.
Franz Englbrecht (74) erinnert sich noch gut an all die Plackerei. Von Freitagnachmittag bis Samstagabend ging es über Jahre auf die Vereinsbaustelle. Laut Jubiläumschronik kamen an die 18.000 freiwillige Arbeitsstunden zusammen. Vieles machten sie selbst, mussten sie ja. Drei Kelheimer bürgten für den SC. 1979 konnte schließlich Einweihung gefeiert werden.
Modder und Riesenspektakel
Ursprünglich hatte der Verein, der 1945 als ASV-Kelheim-Ost gegründet worden war, hinter der Zellwolle seinen Platz. Mit ihm hatten es die „Blauen“ nicht leicht. Mindestens zweimal im Jahr soffen sie ab. Die Tore standen wegen des Hochwassers der Donau oft mehr als mannshoch unter Wasser. Dreck, Lehm und Modder mussten ein ums andere Mal vom Platz und aus dem Umkleiden gekratzt und geschrubbt werden. Als es Anfang der 1970er hieß, „dass wir einen neuen Platz brauchen, weil die Zellwolle erweitert wird“, sei dies dennoch ein schwerer Schlag gewesen, sagt Franz Englbrecht.
Der Affeckinger, den sie wegen eines spektakulären Torschusses in der Jugend auch „Bouß“ nennen, kennt den alten Platz seit Kindertagen. Als Zehnjähriger war er 1961 beim legendären DFB-Pokal-Spiel gegen die damalige SpVgg Fürth dabei. Die spielte damals in der Oberliga, heute wäre das Bundesliga. Am Tag vor Heilig Abend traten die Affeckinger gegen Nationalspieler und Weltmeister Herbert Erhardt und seine Mannschaftskollegen an. Bei knackigen Minusgraden.
Dennoch war der Kick war ein Riesenspektakel. 1100 Zuschauer kamen. „Wenn wir gewonnen hätten, wären wir zum Hamburger SV gefahren“, so Englbrecht. „Und hätten gegen Uwe Seeler gespielt.“ Die SC-ler unterlagen 0:1. Das Ergebnis zeige, wie gut die Mannschaft gewesen sei und dass „der Tormann das Spiel seines Lebens machte“. Franz Englbrecht war aufs Dach gekraxelt, um alles sehen zu können. Doch schnell wurde er wieder herunter geholt, aus Sorge, er könne sich Erfrierungen zuziehen. Auch der „Handstand-Lucki“, der aus Saal stammende Ludwig Hofmaier (heute als TV-Antiquitätenhändler bei „Bares für Rares“ bekannt), war dabei. Doch aus dem Anfeuern mit seiner Trompete wurde nichts, „sie war eingefroren“.

Eingefroren ist die Liebe der vier Männer zu ihrem „Herzensverein“ nie. Heinz Fritsch lebt zwar seit vielen Jahren in Saal. Sportlich ist der Hohenpfahler dem SC treu geblieben. Was diesen ausmacht? „Da ist immer zusammengehalten worden, und es ist eingekehrt worden, egal, ob wir 5:0 gewonnen oder verloren haben“, sagt der 74-Jährige.
Ehrensache, dass sich der gelernte Schildermaler lange Jahre um die Bandenwerbung kümmerte. Gerne erinnert sich der langjährige Betreuer auch an die Trainingslager in der Türkei und in Tunesien, die es früher für die erste Mannschaft gab. Franz Englbrecht nicht so sehr. Er war 2004 voller Freude mitgeflogen – und verbrachte ab Tag 2 im Rollstuhl, weil er sich das Bein brach.
Der SC Kelheim ist unser zweites Zuhause und machte uns zu Freunden fürs Leben.
Ehrenmitglied Franz Englbrecht
(Sportliche) Höhen und Tiefen erlebte die SC-Familie viele. Franz Englbrecht weiß noch, wie sie an Pfingsten 1999 um den Aufstieg in die Bezirksliga spielten und er nicht dabei sein konnte, weil Jahrhunderthochwasser war und er arbeiten musste.
Heribert Schwindl, der damals Vorsitzender war, freut sich, dass dieses Hoch in seine Amtszeiten fiel. Mit 16 Jahren stand der 70-Jährige dem SC von allen Vorsitzenden am längsten vor. Doch es gab auch zahlreiche tragische Momente, erinnert Schwindl. „Wir haben einige junge Spieler verloren.“ Durch schlimme Unfälle und anderes.
Für den aktuellen Vorsitzenden Andreas Ipfelkofer hat er einen Rat: „Wir sind nicht der FC Hollywood, die Familie muss mitspielen, der Arbeitgeber, man darf nicht überbelastet werden, vor allem nicht einer allein.“ Auch Franz Englbrecht, der lange Jahre 2. Vorsitzender war, sei „immer auf über 100 Prozent gelaufen“. Aber der SC war auch ihr zweites Zuhause und machte sie „zu Freunden fürs Leben“. Ihre Kinder wurden hier groß. Ohne gegenseitige Wertschätzung wäre es aber nicht gegangen, sagt Schwindl. „Denn Fehler macht jeder einmal.“
Anfeindungen – wunderbar!
Auch manch Zuagroaster ist beim SC gelandet. Helmut Schildhammer etwa. Der Bad Griesbacher fuhr vor 52 Jahren mit dem Zug nach Kelheim – und stieg aus Versehen in Affecking aus. Bald darauf wurde er 600. SC-Mitglied. Der Krankenpfleger übernahm zahlreiche Ehrenämter, war Wirt, Jugendbetreuer, Platzwart, Schiedsrichter. Als Unparteiischer „war’s wunderbar, da wird man immer angefeindet“, sagt der 72-Jährige. Mit Leidenschaft war er immer dabei. So muss er sich über manches immer noch aufregen. Etwa dass der SC einmal nicht antrat, weil der Spieltag verwechselt worden war. Oder wie er sich als Platzwart von allen Seiten Kritik anhören musste. Zum Rasen, den Linien, dem Zaun. Seiner Liebe zum SC tat all das keinen Abbruch.
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Dass sie alle dem Verein so lange treu blieben, habe auch viel mit ihren Frauen zu tun, sagen die vier. So manche Abwesenheit hätten ihnen ihre besseren Hälften verziehen. In Einzelfällen gab es mal einen „Anschiss“. Für Franz Englbrecht etwa, als er drei Monate nach der Heirat nach einem Arbeitseinsatz eine blütenweiße, neue Bettwäsche „schwärzte“.
Heinz Fritsch‘ Frau Traudl war selbst oft dabei. Sie kochte, während ihr Mann etwa im Fasching, den DJ gab. „Das waren schöne Zeiten.“ Im Nachhinein erwies sich ein Platz „nicht mitten im Dorf“ als durchaus positiv. „Da beschwert sich beim Feiern kein Nachbar.“
Militärpolizei verhaftete fast alle SC-ler
• Als ASV-Kelheim-Ost wurde der Sportverein 1945 gegründet. Im November kam der junge Verein in Bedrängnis. Weil eine Versammlung nicht angemeldet war, endete der Abend in der Arrestzelle. Die Militärpolizei rückte an – und fast alle, wurden für einen Tag eingesperrt. Fast alle? Nein zwei Männer entgingen dem Ganzen. Sie hatten sich im Klo eingesperrt, so zumindest weiß es Franz Englbrecht „vom Hörensagen“ von seinem späteren Jugendleiter Adolf Amann, der zu den 38 Gründern zählte.
• Seit 1954 heißt der Verein SC Kelheim. Zunächst fand sich der Sportplatz hinter der Zellwolle. Doch als diese Anfang der 1970er den Betrieb erweiterte, mussten die Fußballer weichen. Eigentlich wollten sie ein Gelände finden, das näher am Dorf Affecking lag, doch daraus wurde nichts. Nach langwierigen Verhandlungen überließ die Stadt dem SC das heutige Gelände an der Abensberger Straße per Erbbaurecht. Nur das Gelände, auf dem heute das Sportheim steht, gehört SC selbst.
• Ehrenmitglieder des SC Kelheim sind: Manfred Kreitczick, Heribert Schwindl und Bernd Seitz (alle Ehrenvorstände), Erwin und Sieglinde Biberger, Franz Englbrecht, Wilfried Hänseler, Georg Steiger, Xaver Tauber, Helmut Schildhammer, Ludwig Fieger, Traudl und Heinz Fritsch und Max Reng senior.