Jugendliche aus dem Landkreis Kelheim kämpfen mit Führerschein-Frust und hohen Kosten

Von Andreas Loscher · 11. Juni 2025 um 19:00

Tausende Euro für den Führerschein – für viele Jugendliche ist das heute bittere Realität. Die Politik verspricht nun Entlastung und spricht von einer „bezahlbaren“ Ausbildung. Doch was steckt dahinter? Ein Besuch bei der Fahrschule Gantner in Abensberg (Landkreis Kelheim) und bei Schülern der örtlichen Wirtschaftsschule.

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Bis zu 4500 Euro für den Führerschein – das ist längst kein Ausnahmefall mehr, sondern für viele junge Menschen bittere Realität. Bei einem Besuch der Wirtschaftsschule Abensberg erzählen Schüler der MZ, dass ihre Eltern teilweise schon seit ihrer Geburt Geld für den Führerschein zur Seite legen. Die Politik hat das Problem inzwischen erkannt und verspricht Entlastung: Zuletzt war die Rede davon, die Fahrausbildung müsse wieder „bezahlbar“ werden. Doch wie soll das konkret gelingen?

In der Fahrschule Gantner in Abensberg sitzt Inhaber Hans-Werner Gantner an einem Tisch, an dem sonst Theorie gebüffelt wird. Der stellvertretende Kreisvorsitzende des Fahrlehrerverbandes rechnet vor: „500 Euro Grundgebühr, 75 Euro pro normale Fahrstunde, 87 Euro für Sonderfahrten.“ Die Gebühr für die Vorstellung zur theoretischen Prüfung, also die Anmeldung durch die Fahrschule, kostet 95, die zur praktischen Prüfung 270 Euro. Wer zügig durchkommt, braucht rund 35 Stunden: Das macht dann insgesamt etwa 3500 Euro – wenn alles glattläuft. Manche Fahrschüler bräuchten aber bis zu 60 Stunden, erzählt Gantner. Dementsprechend erhöhen sich die Kosten. In Städten wie München oder Regensburg sei das angesichts des dichteren Verkehrs oft sogar Normalität.

Am Ende will man natürlich auch etwas verdienen.

Hans-Werner Gantner, Fahrschullehrer

Die Inflation treibt die Fahrschulen immer mehr vor sich her. Laut Statistischem Bundesamt kostet der Führerschein bundesweit im Jahr 2024 rund 38 Prozent mehr als vier Jahre zuvor. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Wie Gantner betont, haben die Fahrschulen darauf aber fast keinen Einfluss. Der größte Treiber seien massiv gestiegene Betriebsausgaben. „Während der Corona-Zeit stieg der Literpreis für Kraftstoff zeitweise auf über zwei Euro“, sagt Gantner. „Fahrschulen geben in letzter Zeit nichts anderes weiter, als die gestiegenen Kosten.“ Diese seien für Werkstatt, Personal, Versicherungen und neue Autos anhaltend gestiegen. „Am Ende muss man natürlich auch etwas verdienen.“

Fahrlehrer Hans-Werner Gantner warnt davor, die Ausbildung auf Kosten der Qualität zu verkürzen. - Foto: Loscher

Zusätzlich sorgen gesetzliche Anforderungen für Mehraufwand – etwa die neuerdings stark nachgefragte Führerscheinklasse B197. Bei Gantner nutzen sie mittlerweile fast 80 Prozent der Fahrschüler. Wer diese Variante wählt, darf die praktische Prüfung auf einem Automatikauto ablegen, muss jedoch zuvor mit einem Schaltwagen üben. Das bedeutet für Fahrschulen zusätzliche Autos. „Damit wir den Schülern etwas bieten können, müssen sie technisch gut ausgestattet und leistungsstark sein.“ Gantner hat kürzlich hierfür einen neuen Automatikwagen für über 50 000 Euro gekauft. Früher habe ein einziges Schaltauto gereicht.

ÖPNV völlig unpraktisch

Gerade in ländlichen Regionen wie dem Landkreis Kelheim ist der Führerschein keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Der öffentliche Nahverkehr ist kaum vorhanden oder völlig unpraktisch. Wie das im Alltag aussieht, berichten Schülerinnen und Schüler der Wirtschaftsschule Abensberg. Viele von ihnen stammen aus Gegenden, in denen man ohne Auto kaum von A nach B kommt. Der Führerschein gehöre „einfach dazu“, sagen sie. Wer nicht ständig auf Mama, Papa oder Busfahrpläne angewiesen sein will, muss ihn machen.

Rund die Hälfte der Schüler spart eigenständig auf den Führerschein – etwa durch Nebenjobs, denen manche schon seit sie 14 Jahre alt sind, regelmäßig nachgehen. Die anderen werden von ihren Eltern unterstützt. Aber auch hier wurde oft jahrelang gespart: Manche Familien beginnen bereits zur Taufe, Geldgeschenke für den Führerschein zurückzulegen.

Ersparnisse auf Kosten der Ausbildungsqualität wären völliger Humbug. So erhöht man die Verkehrssicherheit nicht – man gefährdet sie. Und die Zahl der Verkehrstoten sinkt dadurch garantiert nicht.

Fahrlehrer Hans-Werner Gantner

Doch nicht nur finanziell wird die Führerscheinprüfung zur Belastung. Die Theorieprüfung stellt mit über 1000 oft kompliziert formulierten Fragen eine erhebliche Herausforderung dar. Viele Fragen ändern sich zudem jährlich. Trotz Lern-Apps fällt bundesweit fast jeder Zweite beim ersten Versuch durch. Einige Schüler berichten, dass sie wegen des Führerscheinstresses Schwierigkeiten hätten, sich auch noch auf den Schulstoff zu konzentrieren. Man vergesse viel auch gleich wieder, sagt eine Schülerin, die mit ihrem 125er-Motorrad schon jetzt im Straßenverkehr unterwegs ist.

Der Führerschein ist für sie alle selbstverständlich. In größeren Städten sieht das bei Jugendlichen schon anders aus: Jakob, Simon, Regina und Julia (von links) aus der Klasse W9 der Wirtschaftsschule Abensberg starten bald mit ihrer Fahrausbildung - Foto: Loscher

In den Praxisstunden hängt dann vieles vom persönlichen Talent ab – man könnte auch sagen, wie viel man vorher schon heimlich geübt hat. Einige der Schüler haben auf Feldwegen oder dem elterlichen Hof das Fahren ausprobiert. Sie kommen dadurch besser durch die Pflichtstunden und sparen sich viel Geld. Streng genommen ist das nicht erlaubt, doch viele Eltern tolerieren es, solange nichts passiert.

Wie also kann die Politik die Fahrausbildung „unter Wahrung hoher Standards reformieren und bezahlbarer machen“, wie es im Koalitionsvertrag versprochen wird? Fahrlehrer Gantner hält nichts von pauschalen Ausbildungsverkürzungen. „Ersparnisse auf Kosten der Ausbildungsqualität wären völliger Humbug. So erhöht man die Verkehrssicherheit nicht – man gefährdet sie. Und die Zahl der Verkehrstoten sinkt dadurch garantiert nicht.“ Dennoch sieht er konkrete Möglichkeiten, Kosten ohne Qualitätsverlust zu senken.

Simulatoren könnten beispielsweise beim ersten Üben einfacher Abläufe wie Anfahren und Kuppeln unterstützen. Auch die Theorie müsse dringend vereinfacht sagt Gantner: „Schachtelsätze mit fünf Kommas helfen keinem.“ Schließlich schlägt der Fahrlehrer Zuschüsse vor – etwa 500 bis 1000 Euro für finanzschwache Haushalte, ähnlich wie es manche Firmen bereits für ihre Azubis als Motivation anbieten. Aber das würde wohl keine Mehrheit finden. „Viele würden sich berechtigterweise fragen: Warum sollte ich den Führerschein eines anderen finanzieren?“

Dass das Thema inzwischen politisch angekommen ist, bestätigt der kürzliche Besuch des Bundestagsabgeordneten Florian Oßner (CSU) an der Wirtschaftsschule. Der Abgeordnete erklärte, dass die Problematik inzwischen auf politischer Ebene intensiv diskutiert werde. Ein Patentrezept für schnell sinkende Führerscheinkosten hatte er für die Schüler noch nicht dabei. Bis dahin bleibt der Führerschein für viele noch ein teures Unterfangen – und die Mobilität der Jugendlichen eine Frage des Geldbeutels.