Von Tinder zum Traualtar: Regensburger Studenten Emily (24) und Johannes (28) gaben sich spontan das Ja-Wort

Von Andreas Loscher · 27. Mai 2025 um 11:00

Am Sonntag konnte man in Kelheim „einfach heiraten“ – ganz ohne Planungsstress oder Bürokratie. Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde lud zur Aktion in die Kirche St. Matthäus. Ihr Ziel: Paaren eine unkomplizierte Möglichkeit zur kirchlichen Trauung bieten – spontan, ohne großen Aufwand, aber mit viel Herz.

Video ansehen

Wer bislang keine kirchliche Hochzeit gefeiert hatte, weil das Leben dazwischenkam oder der Aufwand zu hoch schien, konnte an diesem Tag einfach Ja sagen – zum Partner, zur Liebe, zum Segen.

Schon gegen 11 Uhr herrscht rund um die Kirche St. Matthäus geschäftiges Treiben. Im Gemeindehaus stapeln sich Liedzettel, Blumendeko wird zurechtgerückt, Gläser klirren. Pfarrerin Anne-Katrin Streeck wirkt heiter, aber konzentriert. „Wir machen das heute zum ersten Mal in Kelheim – mal sehen, was passiert“, sagt sie und lacht. In der Tür steht da schon das erste Paar.

Schon seit 18 Jahren standesamtlich verheiratet

Eva (65) und Uli Karl (63) aus Bernhardswald im Landkreis Regensburg sind seit 2007 standesamtlich verheiratet, beide in zweiter Ehe. Dass sie sich nun kirchlich trauen lassen, war eine bewusste Entscheidung. „Wir sind praktizierende Christen“, sagt Eva Karl. „Uns ist wichtig, dass es eine echte Trauung ist, mit Kirchenbucheintrag und allem, was dazugehört.“

Der Wunsch nach einem kirchlichen Ja-Bekenntnis habe die beiden schon länger begleitet. Den Anstoß gab ein Artikel der Mittelbayerischen über eine ähnliche Aktion im vergangenen Jahr. „Uns hat vor allem das Unbürokratische überzeugt“, ergänzt sie. Eine Mail, ein kurzes Gespräch – mehr sei nicht nötig gewesen. „Hier werden einem Brücken gebaut, man muss nur noch darüber gehen.“

Eva und Uli Karl aus Bernhardswald haben sich am Sonntag in Kelheim kirchlich trauen lassen – ganz ohne großen Aufwand. - Foto: Loscher

Kennengelernt haben sich Eva und Uli bei der Deutschen Post in Regensburg. Zunächst waren sie gute Kollegen, dann gute Freunde. „Und irgendwann wurde mehr daraus“, erinnern sich beide.

Mitgebracht haben sie nur ihre engste Familie. „Es könnte sein, dass so mancher erst aus der Zeitung erfährt, dass wir kirchlich geheiratet haben“, sagt Uli Karl und lacht. Nach der Zeremonie wollen sie in aller Ruhe essen gehen. Ihr Trauspruch stammt aus dem ersten Johannesbrief: „Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit.“ Pfarrerin Streeck brachte es dann auf den Punkt: „Es wird endlich rund, was rund werden sollte.“

Nach 18 Jahren standesamtlicher Ehe sagen Eva und Uli Karl in Kelheim kirchlich Ja – im Rahmen der Aktion „Einfach heiraten“. - Foto: Loscher

Für den richtigen Ton während den Zeremonien sorgt das fünfköpfige Ensemble „VoicePrint“ aus Abensberg – mit Klavier, klaren Stimmen und viel Erfahrung. Seit 20 Jahren begleiten sie Veranstaltungen. „Heute müssen wir auch ein bisschen spontaner sein als sont“, sagen sie. Im Vorfeld konnten die Paare aus zwanzig Liedern auswählen. „So wie bei einem DJ, nur dass wir die Lieder dann singen.“ Auch für das Ensemble war der Tag daher besonders.

Auf Tinder gematcht

Wenig später nutzten Emily Stoll (24) und Johannes Brenig (28) die Gelegenheit. Die beiden Lehramtsstudenten aus Regensburg sind seit fünf Jahren ein Paar – standesamtlich (noch) nicht verheiratet, wie Johannes sagt: „Irgendwann vielleicht.“ Für heute reicht erstmal das kirchliche Ja. „Wir wollten es einfach mal machen, eher aus Spaß, aber auch als Zeichen unserer Liebe“, erklärt Emily. Ein Arbeitskollege hatte sie auf die Aktion aufmerksam gemacht.

Nach der Trauung gab es einen Kuss vor der Kirche - Foto: Anke Polednik

Kennengelernt haben sich die Studenten auf Tinder. Emily schrieb zuerst: „Hey, wie geht’s?“ – dann traf man sich bald an der Donau. Johannes war vom Humor und Aussehen seiner heutigen Frau sofort angetan. Die beiden reisen gern, waren gemeinsam in Paris und Porto und legen viel Wert auf offene Kommunikation

Viele Freunde der beiden sind gekommen, die Stimmung ist gelöst, hier und da glänzen die Augen vor Rührung. Während das Lied „All of Me“ von John Legend erklingt, spricht Kelheimer Pfarrer Uwe Biedermann seinen Segen: „Lasst es einfach zu, dass die Liebe Gottes euch ergreift. Sie ist ein Geschenk.“

Was als Versuch begann, wurde für Pfarrerin Streeck und ihr Team zu einem vollen Erfolg. „Drei Hochzeiten waren angemeldet“, sagte sie noch am Morgen. Am Ende wurden zehn Paare getraut oder gesegnet. Die meisten spontan, ohne Anmeldung. Ein paar Minuten Vorbereitung reichten – die Liebe brachten die Paare eh selbst mit.