Elektronische Patientenakte: Versicherten in Regensburg fehlt es an Aufklärung

Von Marion Neumann · 9. Juni 2025 um 05:00

Die elektronische Patientenakte ist da – doch für viele gesetzlich Versicherte sind viele Fragen offen. Etwas Licht ins Dunkel brachte ein Online-Vortrag von KISS, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe Regensburg, in dem es um Datenspeicherung, den Schutz sensibler Gesundheitsdaten und Zugriffsrechte ging. Dass es aktuell noch an Aufklärung fehlt, zeigt sich auch in den Arztpraxen.

Ein Kontrollbesuch beim Zahnarzt – und plötzlich ist dort in der Akte die psychotherapeutische Behandlung wegen Depressionen einsehbar? Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte – kurz ePA – ist ein solches Szenario grundsätzlich möglich. „Es stellt sich die Frage, ob der Zahnarzt Zeit und Muße hat, das alles zu lesen. Aber generell könnte er das“, sagte Claudia Friedel von der Selbsthilfeunterstützungsstelle Bayreuth Stadt und Landkreis des Paritätischen in Oberfranken.

Mit ihrer Kollegin Alexandra Schuberth beantwortete sie in einem Online-Vortrag von KISS, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe Regensburg, drängende Fragen zur elektronischen Patientenakte und informierte über Themen wie Datenspeicherung, den Schutz sensibler Gesundheitsdaten und Zugriffsrechte.

Wer nicht widersprochen hat, hat die epA

„Die ePA existiert, wenn ich dem nicht widersprochen habe“, machte Friedel im Termin deutlich. Nachdem der bundesweite Start der elektronischen Patientenakte schleppend anlief – der ursprüngliche Starttermin Mitte Februar war aufgrund technischer Probleme verschoben worden – ist sie nun für gesetzlich Versicherte seit Ende April nicht nur nutzbar, sondern – sofern es keinen Widerspruch gegeben hat – automatisch angelegt und mit Gesundheitsdaten befüllt.

Diplom-Sozialpädagogin Claudia Friedel informierte mit ihrer Kollegin Alexandra Schuberth in einem Online-Vortrag zur elektronischen Patientenakte. - Foto: Der Paritätische in Oberfranken

Was jedoch vielerorts noch fehlt, sei das Wissen um den Umgang damit. Laut Friedel brauche es dafür „digitale Souveränität“. Patienten sollten sich mit dem Thema beschäftigen und überlegen, ob und wie sie die E-Akte künftig nutzen möchten. Wichtig sei zu wissen, dass die Daten nicht frei im Netz zugänglich seien, sondern durch eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung übertragen werden. Ob es sich um einen Arztbrief oder eine Medikation aus dem E-Rezept handelt: Zugriff haben „nur die Patienten selbst und das von ihnen berechtigte medizinische Personal“, hieß es in dem Vortrag.

Sensible Gesundheitsdaten: Reicht ein Aushang in der Praxis?

Wer die Nutzung einschränken möchte, hat nicht nur die Möglichkeit, der ePA komplett zu widersprechen. Über die entsprechende App kann beispielsweise auch ein Widerspruch für einzelne Praxen erstellt werden. Eine etwas „schwammige Gesetzeslage“ gebe es derzeit noch bezüglich eines „Ad-hoc-Widerspruchs“ in der Arztpraxis. Auch im Rahmen einer Behandlung können Patienten nämlich theoretisch mitteilen, dass sie nicht möchten, dass diese Informationen in ihrer Akte gespeichert werden.

„Zum Beispiel in Bezug auf Geschlechtskrankheiten“, sagte Friedel. „Die Frage ist auch, ob es ausreicht, dass Patienten mit einem Aushang in der Praxis darauf hingewiesen werden, dass auch solche Daten gespeichert werden – oder ob das auf andere Weise kommuniziert werden müsste.“

Die unklügste Variante ist, dass die Akte im Hintergrund voll läuft und man es gar nicht mitbekommt.

Claudia Friedel, Diplom-Sozialpädagogin

Eine Empfehlung für oder gegen die elektronische Patientenakte wollten Friedel und Schuberth in ihrem Vortrag nicht geben. „Wir sprechen uns nicht dafür oder dagegen aus. Aber uns ist wichtig, dass man eine bewusste Entscheidung trifft“, so Friedel. „Die unklügste Variante ist, dass die Akte im Hintergrund voll läuft und man es gar nicht mitbekommt“, machte sie deutlich.

Mediziner kritisiert fehlende Struktur

Dass es aktuell noch an Aufklärung fehlt, zeigt sich auch in den Arztpraxen. „Im Moment ist der Großteil der Fragen noch offen“, erklärt Dr. Stefan Semmler, Bezirksvorsitzender der Oberpfalz des Bayerischen Hausärzteverbandes mit Praxis in Lappersdorf, auf Nachfrage unserer Zeitung. Die vierwöchige Einführungsphase sei seiner Meinung nach sehr kurz gewesen. „Wer nicht innerhalb dieser Zeit widersprochen hat, für den ist die ePA eingerichtet worden“, sagt er.

Dr. Stefan Semmler sieht Optimierungsbedarf bei der elektronischen Patientenakte. - Foto: altrofoto.de, Archiv

Eigentlich würde sich Semmler wünschen, dass sich die Politik noch einmal mit dem Thema ePA befasst. „Wir brauchen Struktur“, sagt er. Im Behandlungszimmer ausführlich über Inhalte der elektronischen Patientenakte zu sprechen, hält er im Alltag für schwierig. „Natürlich kann ein Patient der Aufnahme von Daten in die Akte widersprechen. Aber wir sind Ärzte und Behandler und können nicht mit jedem Patienten über die Inhalte in der elektronischen Patientenakte diskutieren.“

Man sollte sich damit befassen – genauso, wie man sich mit Medikamenten beschäftigen muss, die man einnimmt.

Dr. Stefan Semmler, Allgemeinmediziner und Bezirksvorsitzender der Oberpfalz des Bayerischen Hausärzteverbandes

Grundsätzlich müsse der Patient derjenige sein, der die Akte pflegt. Einige Patienten hätten zudem bereits prinzipiell widersprochen. „Man sollte sich also schon damit befassen – genauso, wie man sich mit Medikamenten beschäftigen muss, die man einnimmt“, bestätigt er.