Krisenfest von klein auf: THW Neumarkt wünscht sich mehr Wissen über Zivil- und Katastrophenschutz

Sollten Kinder schon in der Schule lernen, wie man bei Bedrohungslagen oder im Katastrophenfall reagiert? Extremwetter, Hochwasser, Brände oder Stromausfälle haben zugenommen. Der Leiter des Technischen Hilfswerks in Neumarkt, Benedikt Aurbach, findet: Das Thema gehört an die Schulen.
Unbedingt sollten Schüler schon mit diesen Themen vertraut gemacht werden, sagt er: „Wenn es zum Katastrophenfall kommt, müssen Behörden und Rettungskräfte zuerst schauen, dass vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Alte und Kranke ausreichend geschützt sind.“ Um die Grundversorgung müsse sich jeder selber kümmern. Und da seien viele Menschen in Neumarkt einfach völlig ahnungslos, wie Aurbach aus Gesprächen mit Bürgern weiß.
Nicht nur auf den Staat verlassen
In der Bevölkerung habe die Vorstellung Einzug gehalten, dass sich der Staat im Ernstfall schon um alles kümmern werde. Das sei mitnichten so, sagt Aurbach. Das Thema daher schon in der Schule anzugehen und mit Kindern immer wieder darüber zu sprechen, wie man sich bei einem Unwetter, einem Stromausfall oder einem Hochwasser verhält, findet Aurbach eine gute Idee. Denn so könne man auch die Eltern entsprechend sensibilisieren.
Warum das offenbar nicht so einfach ist, zeigt ein Blick auf die Zuständigkeiten. Das Bundesinnenministerium schreibt: „Während der Bund die Aufgabe hat, die Bevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren (Zivilschutz) zu schützen, sind die Länder für den Schutz vor großen Unglücken und Katastrophen in Friedenszeiten (Katastrophenschutz) zuständig.“
Regelmäßige Feueralarme
Aus dem bayerischen Kultusministerium heißt es auf eine entsprechende Anfrage unseres Medienhauses, dass „die Relevanz des Zivil- und Katastrophenschutzes angesichts veränderter Rahmenbedingungen deutlich geworden“ sei. Aber: „Klassische Zivilschutzübungen sind in Deutschland bislang nicht üblich.“ Es gelte, bundesweit passende Angebote für alle Bevölkerungsgruppen zu entwickeln und zu etablieren. Soll heißen: Für den Zivilschutz sind bayerische Schulen nicht zuständig.
Und der Katastrophenschutz? An Schulen in Bayern gibt es die klassischen Feueralarme, die wohl jeder aus seiner eigenen Schulzeit kennt: Zweimal im Schuljahr wird der Feueralarm ausgelöst – einmal angekündigt und einmal unangekündigt. Die Schüler lernen: Fenster zu, Licht an, keine Panik, niemand drängelt, niemand rennt, alle gehen geschlossen nach draußen. Lehrer sprechen mit den Kindern über Regeln, Schulleitung, Polizei, Schulamt, Stadt- oder Gemeindeverwaltung beraten mit den örtlichen Feuerwehren über Flucht- und Kommunikationswege.
Auch gibt es an den Schulen verpflichtende Amok-Übungen, bei denen sich die jeweiligen Klassen einsperren und in ihren Klassenräumen verschanzen. Lehrpläne der verschiedenen Jahrgangsstufen enthalten die Themen Brandvermeidung, Rettungskette, Alarmierung oder Erste Hilfe.
Überschwemmungen werden laut gymnasialem Lehrplan jedoch nur für bestimmte Regionen wie den Alpenraum oder Japan durchgenommen. Da helfe sehr, dass zum Beispiel im Gymnasium Parsberg – dort könnten einige Ortschaften von Hochwasserereignissen betroffen sein – bei der Wasserwacht engagiert sind, wie es von der Schulleitung heißt.
Viele Schüler in der Kinderfeuerwehr aktiv
Und auch Stefan Lautenschlager, Rektor der Grundschule in Sengenthal, ist froh, dass viele seiner Schulkinder schon mit den Abläufen des Feuerschutzes vertraut sind. Viele Väter, Mütter oder Geschwister engagieren sich in der aktiven Feuerwehr oder in der Jugendfeuer. Viele Sengenthaler Kinder sind sogar selbst in der Kinderfeuerwehr.
Für Markus Pongratz, Konrektor der Grund- und Mittelschule in Lauterhofen, ist es eine große Erleichterung, dass Kommunikationswege mittlerweile sehr viel einfacher geworden sind als früher. Über Hilfsmittel wie Handy-Apps können in kürzester Zeit Informationen zwischen Schule und Eltern ausgetauscht, Neuigkeiten in Sekundenschnelle über viele Kanäle verteilt werden.
Mit Projekttagen an der Schule „sanft“ ins Thema Katastrophenschutz einsteigen
Pongratz findet aber auch, dass es nicht schaden könnte, mit den Kindern grundsätzlich über Verhalten im Katastrophenfall zu sprechen – nicht pauschal, sondern abgestimmt auf die jeweilige Schule. So sei es wohl für die Lauterhofener Kinder wenig sinnvoll, mit den Kindern über Überschwemmungen zu sprechen, nachdem sie sich die Schule in Lauterhofen direkt an einem Hang befindet.
„In Griechenland ist Katastrophenschutz schon in der Grundschule ein Schulfach.“
THW-Mitglied aus Griechenland
THW-Leiter Aurbach schlägt zum Beispiel Projekttage an Schulen vor, mit denen man „sanft“ in die Themen Zivil- und Katastrophenschutz einsteigen könnte. Denn auch ihm ist bewusst, dass aufgrund voller Lehrpläne und fehlender Lehrer keine Zeit für mehr ist.
In anderen europäischen Ländern sei das anders. Ein Neumarkter THW-Kamerad, der aus Griechenland stammt, habe sich nach seiner Ankunft in Neumarkt erschrocken darüber gezeigt, wie wenig informiert die Menschen in Deutschland in punkto Zivil- und Katastrophenschutz seien. „In Griechenland ist das schon in der Grundschule ein Schulfach“, zitiert Aurbach seinen Kameraden. Er plädiert dafür, Kindern das Thema „richtig verpackt, aber ohne Panikmache“ näherzubringen. Denn mit Blick auf zukünftige Katastrophenlagen sagt Aurbach ganz klar: „Jeder Bürger, der gut vorbereitet ist, ist für uns Rettungskräfte eine Entlastung.“
Notfallvorsorge für Kinder mit Max und Flocke
• Infomaterial im Internet: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bietet im Internet unter bbk.bund.de umfangreiches Infomaterial, wie Bürger sich auf unterschiedliche Katastrophenlagen vorbereiten können.
• Katastrophenschutz für Kinder: Ebenso auf der Internetseite gibt es Literatur für Kinder. So gibt es bunte Anleitungen zum Packen eines Notfallrucksacks, die Broschüre „Abenteuer Bevölkerungsschutz mit Max & Flocke“ – und Arbeitsblätter für Lehrer.
• Vorsorgen ist nicht Hamstern: Wie Benedikt Aurbach vom Neumarkter THW betont, habe Vorsorge für den Katastrophenfall nichts mit Hamstern zu tun. Vorsorgen bedeute lediglich, Vorräte an Wasser und Lebensmitteln für einige Tage zu Hause zu haben.
• Testlauf zu Hause starten: Aurbach rät dazu, zu Hause einmal für eine oder zwei Stunden den Strom auszustellen. So könne man feststellen, was daheim im Falle eines Stromausfalls nicht funktioniere – und dann Alternativen dafür suchen.