Sechs Schattenfiguren erinnern in der Chamer Berufsschule an junge Verkehrstote

Ein Satz, kaum mehr als ein Hauch: „Ich wollte doch leben.“ Sarah war 15. Verliebt. Voller Pläne. Bis ein Aufprall mit dem Auto nachts ihr Leben in Sekundenschnelle zerbrechen lässt. Was bleibt, ist ein Schatten. Lebensgroß. Schwarz. Still. Und ein Mahnmal.
Seit Dienstag stehen sechs dieser Schattenfiguren in der Aula der Werner-von-Siemens-Berufsschule in Cham. Sie sind Teil der Wanderausstellung des ADAC Nordbayern, die noch bis 5. Juni in der Schule Halt macht – und dort mit leiser Wucht an das erinnert, was oft vergessen wird: wie schnell ein Leben enden kann, wenn im Straßenverkehr eine Entscheidung zu viel getroffen wird – oder eine zu wenig.
40 tödlich Verunglückte an der Schule
Schulleiter Siegfried Zistler spricht bei der Eröffnung mit leiser Stimme von Menschen, „die eigentlich leben wollten, aber nicht mehr dürfen“. 97 Schüler der Berufsschule sind seit 1995 gestorben – 40 davon bei Verkehrsunfällen. Es ist eine Zahl, die schwer auf dem Raum liegt, weil sie kein bloßer Wert ist, sondern 40 Geschichten, die nie zu Ende erzählt wurden.
Wolfgang Lieberth vom ADAC Nordbayern führt die Zuhörer tiefer in die Statistik. 363 junge Menschen zwischen 18 und 24 Jahren kamen 2022 auf deutschen Straßen ums Leben. Abendstunden. Alkohol. Ablenkung. Das sind die dunklen Konstanten in den Unfallmeldungen. Zwei Sekunden aufs Handy sehen – bei Tempo 50 bedeutet das 28 Meter Blindflug. „Zwei Sekunden, die alles verändern können“, verdeutlich Lieberth anhand dieser Zahlen.

Er spricht von Selbstüberschätzung, Risikobereitschaft, von der Trugschlusssicherheit junger Jahre. Von Fahrfehlern, die nicht aus Bosheit entstehen, sondern aus Übermut. Und von den Unfällen, die ohne Gegenspieler passieren – ohne Fremdeinwirkung, einfach aus Kontrollverlust. Fast zwei Drittel aller tödlichen Unfälle junger Fahrer laufen nach diesem Muster ab.
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Chams stellvertretender Bürgermeister Walter Dendorfer nennt es „gottgegebene Eigenschaften junger Menschen“ und meint damit die Suche nach dem Limit. Die Lust, sich auszutesten. Erst ab dem 26. Lebensjahr sei das Risikoempfinden vollumfänglich ausgebildet. „Sturm- und Drang-Zeit“, nennt er das. Er wendet sich mit eindringlichen Worten an die anwesenden Schüler: „Wenn ich tödlich verunglücke, belastet mich das selbst nicht mehr – aber meine Angehörigen. Ein Leben lang.“ Er ermutigte sie dazu, miteinander über die Inhalte der Ausstellung zu diskutieren. Nicht nur zu sehen, sondern zu reden. „Wenn das der Fall ist, dann hat die Ausstellung seinen Zweck erfüllt“, sagt Dendorfer. Denn: Jedes weitere Kreuz am Straßenrand ist ein Kreuz zu viel.
Wenn ich tödlich verunglücke, belastet mich das selbst nicht mehr – aber meine Angehörigen. Ein Leben lang.
Walter Dendorfer, Chams stellvertretender Bürgermeister
Polizeihauptkommissar Robert Kaiser vom Polizeipräsidium Oberpfalz stellt sich vor die Schattenfiguren wie vor ein Mahnmal: „In den Statistiken sind es nur Zahlen. Diese Ausstellung aber gibt den Zahlen ein Gesicht“, sagt er. Und was für eines – leblos, schwarz, gesichtslos. Und doch erschütternd nah.
Statistik trifft Realität
Kaiser, der dem Sachgebiet Ordnung und Schutzaufgaben beim Polizeipräsidium angehört und zudem für die Verkehrsprävention zuständig ist, erinnert an die Einsatzkräfte, die zu den Unfallorten gerufen werden, an denen das Leben schlagartig endet. Er erwähnt die Polizisten, Feuerwehrleute, und Sanitäter, die mit den Bildern weiterleben müssen. An jene, die die Nachricht überbringen müssen, dass ein Kind, ein Freund, ein Bruder nicht mehr nach Hause kommt.
Seien Sie sich immer des Ausmaßes des persönlichen Leids bewusst.
Polizeihauptkommissar Robert Kaiser
Auch Kaisers Botschaft an die Schüler ist eindringlich: „Seien Sie sich immer des Ausmaßes des persönlichen Leids bewusst. Eine Minute später anzukommen – das tut nicht weh. Den Gurt anzulegen – das tut nicht weh. Aber ein schwerer Verkehrsunfall – der tut weh. Allen.“