Neumarkter Hebammen schlagen Alarm: Neue Vergütungsregeln bedrohen Existenz und Versorgung

Es ist ein sonniger Montagvormittag. In den Kreißsälen des Neumarkter Klinikums geht es hektisch zu, doch obwohl an diesem Tag viele freudige Ereignisse ins Haus stehen, zahlreiche Babys gesund und munter zur Welt kommen, herrscht in der Geburtshilfe düstere Stimmung. Bei den Beleghebammen hat sich reichlich Ärger angestaut – deswegen gehen sie jetzt auf die Straße.
Ab 1. November wird die Arbeit von Beleghebammen in den Geburtskliniken von den Krankenkassen deutlich schlechter vergütet. In Neumarkt ist der Ärger darüber groß, denn auch hier sind die 17 Hebammen über einen Kooperationsvertrag freiberuflich im Belegsystem tätig: „Wir sind schockiert, dass wir uns erklären müssen“, schimpfen Julia Pflaum, Leitende Hebamme am Klinikum Neumarkt, und ihre Stellvertreterin Nicole Stagat.
Deswegen rufen sie alle Kolleginnen, Bürger, werdende Eltern und junge Familien dazu auf, sich an der großen Protestkundgebung am kommenden Samstag in Regensburg zu beteiligen. Denn die Kürzungen beträfen nicht allein die Hebammen, stellen Pflaum und Stagat heraus: „Es geht um die Zukunft der Geburtshilfe – für alle Frauen, Kinder und Familien!“
Kürzungen von 20 bis 30 Prozent
Sie finden: „Es ist unethisch und würdelos, dass Hebammen nach sieben Jahren ohne Gebührenerhöhung nun eine Kürzung von 20 bis 30 Prozentvorgesetzt bekommen.“ Die geplanten Änderungen im neuen Hebammenhilfevertrag (HHV), beschlossen per Schiedsspruch am 2. April 2025, stellten nicht nur das Belegsystem in seiner bisherigen Form infrage. Sie bedrohen nach Ansicht von Pflaum und Stagat die klinische Versorgung von Schwangeren im Landkreis Neumarkt durch Beleghebammen.
„Wir sprechen von einem Einkommensverlust von rund 23 Prozent“, stellt Pflaum klar. Jahr für Jahr begleiten sie zwischen 800 und 900 Geburten – und das rund um die Uhr. „Was hier verhandelt wurde, stellt nicht nur unsere Existenz infrage, sondern auch die Qualität der Geburtshilfe in unserer Region.“ Den Beleghebammen sei es ein Herzensanliegen, genau diese Qualität zu gewährleisten.
Beleghebammen ermöglichen 1:1-Betreuung
Im Belegsystem am Klinikum Neumarkt organisieren sich freiberufliche Hebammen selbst, rechnen direkt mit den Kassen ab und arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten – ein Vorteil für Schwangere, denn die Betreuung bleibt dadurch kontinuierlich. Das Klinikum profitiert ebenso: So spart es Personalkosten und gewinnt durch das familiennahe Betreuungskonzept an Attraktivität. In Bayern werden 80 Prozent der Klinikgeburten von Beleghebammen begleitet – bundesweit sind es nur etwa 20 Prozent.
„Beleghebammen ermöglichen echte 1:1-Betreuung – bei uns in Neumarkt ist das bereits bei über 30 Prozent aller Geburten der Fall“, betont Stagat. Zum Vergleich: Im Angestelltensystem liegt die Quote laut IGES-Gutachten bei gerade einmal zwei Prozent.
Durch neuen Vertrag „weniger Geld für mehr Arbeit“
Nach dem neuen Hebammenhilfevertrag wird die Vergütung für eine betreute Frau von bisher 100 auf 80 Prozent des neuen Stundensatzes sinken. Wird parallel eine zweite oder dritte Frau betreut, gibt es für die Hebamme nur noch 30 Prozent – für dieselbe Verantwortung, dieselbe Haftung, erläutern die beiden Neumarkter Hebammen. Eine vierte Betreuung bleibt komplett unvergütet. Sämtliche bisherigen Pauschalen, etwa für Vorsorgeuntersuchungen oder Gespräche, entfallen.
„Der neue Vertrag bedeutet de facto: weniger Geld für mehr Arbeit“, bringt es Pflaum auf den Punkt. Auch die Zuschläge für Nacht- und Feiertagsdienste werden gekürzt – bei gleichbleibender Belastung. Der neue 1:1-Zuschlag (103,90 Euro) werde nur dann ausgezahlt, wenn tatsächlich ausschließlich eine Patientin betreut wird – ein Szenario, das in der Praxis kaum realistisch sei, sagt Pflaum.
Auch Änderungen bei der Geburtsvorbereitung
„Geburten und Notfälle lassen sich nicht planen“, betont Stagat. „Wenn ich einer zweiten Frau mit akuten Beschwerden helfe, verliere ich nicht nur den Zuschlag, sondern erhalte für ihre Betreuung auch nur 30 Prozent. Das ist ethisch nicht vertretbar.“
Besonders brisant: Ambulante Leistungen in der Klinik – etwa bei auffälligen Befunden, unsicherem Geburtsbeginn oder Geburtsvorstellungen – sollen künftig nicht mehr vergütet werden. Damit entfiele ein zentraler Baustein der Geburtsvorbereitung. „Die Frauen lernen uns oft schon vor der Geburt kennen, bauen Vertrauen auf – das prägt den Geburtsverlauf positiv“, erklärt Pflaum.
Würden Hebammen künftig nur erst dann zum Einsatz kommen, wenn die Geburt beginnt, müssten werdende Mütter allein durch Klinikärzte betreut werden – die ohnehin unter enormem Zeitdruck stehen.

Weniger Geld für Nachtarbeit
Was Hebammen seit Jahren fordern, werde zur Farce: „Die 1:1-Betreuung soll durch den neuen Vertrag gestärkt werden – aber nur, wenn niemand sonst betreut wird“, erklärt Pflaum. „Wie soll das funktionieren, wenn zwei Frauen gleichzeitig Geburtswehen haben?“ Dass für Nachtarbeit künftig weniger gezahlt wird, obwohl sie körperlich wie psychisch besonders belastend ist, ist für sie und Stagat unverständlich.
Noch drastischer sei die Auswirkung auf das persönliche Leben der Hebammen. „Wir sind Mütter, Partnerinnen, Hauptverdienerinnen, Berufseinsteigerinnen – wir alle können es uns nicht leisten, mit einem Drittel weniger Einkommen weiterzumachen“, stellt Pflaum klar.
Landkreis bei Protest in Regensburg vertreten
„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, aber wir kämpfen“, betonen Pflaum und Stagat. Denn einen schöneren Beruf als den ihren können sie sich nicht vorstellen. „Wir sind Hebammen aus Überzeugung. Wir werden nicht müde, uns für die Frauen einzusetzen. Aber wir fordern Respekt – für unseren Beruf, unsere Leistung und für die Würde aller, die wir begleiten.“
Unterstützung kommt von der Lokalpolitik: Landrat Willibald Gailler teilt mit, er wird sich im Ausschuss für Gesundheit und Soziales beim Bayerischen Landkreistag für eine angemessene Vergütung dieser wichtigen Tätigkeit stark machen und der Landkreis wird am Samstag bei der Protestaktion in Regensburg präsent sein.
„Als negatives Signal“ sieht Bundestgsabgeordnete Susanne Hierl die Schlechterstellung und Vergütungseinbußen für Beleghebammen im Rahmen des neuen Hebammenhilfevertrags. Sie will sich für eine Überarbeitung zur Gleichstellung der freiberuflichen Hebammen und der Beleghebammen und der finanziellen Angleichung einsetzen.
Demonstration in Regensburg und viele Forderungen
• Protest: Am 31. Mai werden die Neumarkter Beleghebammen mit Kolleginnen aus der Oberpfalz und Niederbayern von 10 bis 16 Uhr auf dem Neupfarrplatz in Regensburg demonstrieren. Um 14 Uhr bewegt sich ein Demonstrationszug durch die Altstadt. Unter dem Motto „Midwife Crisis“ werden Redner aus Politik und Gesundheitswesen erwartet.
• Forderungen: Die Hebammen fordern von Politik und Krankenkassen ein sofortiges Aussetzen des neuen Vertrags, eine gerechte Vergütung aller Leistungen – und „echte Mitsprache“. Die vorliegenden Daten würden ignoriert.
• Evaluation: Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) hat laut Pflaum eine Evaluation des Schiedsspruchs angekündigt. Sollten sich Einkommensverluste ergeben, werde nachgebessert. Mit Ergebnissen sei jedoch frühestens Ende 2026 zu rechnen.