Diabetes: Abnehmspritze für Typ-II-Diabetiker am Klinikum Neumarkt

Von Katrin Böhm · 16. Mai 2025 um 11:00

Jede Woche wird im Klinikum im Durchschnitt ein neuer Typ-I-Diabetiker stationär aufgenommen – meist über die Notaufnahme, weil der Patient durch die völlige Entgleisung seines Stoffwechsels in ein diabetisches Koma gefallen ist. Typ-II-Diabetiker werden fast täglich neu diagnostiziert, oft eher zufällig. Am Klinikum werden Diabetiker nur stationär behandelt – nach der Entlassung kommt es aber oft zu Schwierigkeiten.

Wünschenswert wäre es zwar, dass das Klinikum Diabetes-Patienten auch ambulant behandeln dürfte, sagt Oberarzt Dr. Christian Stahl. Gerade wenn es frische Typ-I-Diagnosen sind – wenn etwa ein 18-Jähriger eine Woche lang im Klinikum war, den Ärzten dort vertraut, sie dann aber nie wieder sieht. „Aber am Ende geht es nicht.“ Dabei gäbe es genügend Anfragen. „Wir bekommen täglich Anrufe“, sagt Professor Dr. Claus Schäfer.

Die Krankenkassen haben aber ihr Veto eingelegt, aufgenommen werden dürfen nur Patienten, die aus medizinischen Gründen auf einen Krankenhaus-Aufenthalt angewiesen sind, außerdem gibt es Optionen für Selbstzahler. Ansonsten verweisen die Kassen auf niedergelassene Ärzte.

Nur eine Facharztpraxis für 15.000 Patienten in Neumarkt

Doch genau hier liegt ein Problem: Viele Diabetiker werden nach der Behandlung im Klinikum von ihrem Hausarzt versorgt. „Wir können aber immer nur anraten, dass eine diabetologische Facharztbehandlung durchgeführt wird“, sagt Schäfer. Doch für Neumarkt gibt es nur eine Diabetologische Schwerpunktpraxis in Neumarkt, die zu Beginn des Monats Dr. Stefan Ströhl von Dr. Franz Ehrengut übernommen hat. Monatelang hatte Ehrengut nach einem Nachfolger gesucht. Im Landkreis Neumarkt kommen damit etwa 15 000 Diabetiker auf eine Facharztpraxis. „Das geht nicht“, sagt Schäfer. Mehr als die Problematik immer wieder anzusprechen, könne man allerdings nicht tun.

Im Klinikum setze man bei der Therapie auf die Umsetzung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, so Schäfer. Dazu gehört zum Beispiel bei Typ-II-Diabetikern der Einsatz eines GLP-1-Rezeptor-Agonisten, besser bekannt als „Abnehmspritze“. Das Medikament wurde ursprünglich tatsächlich für Diabetiker entwickelt, dann jedoch kam der internationale Hype, gerade bei betuchten Stars – und für Diabetiker wurde es schwer. „Manche sind sechs, sieben Apotheken angefahren, kamen aber nicht ran“, sagt Stahl. Seit etwa einem Vierteljahr habe sich die Lieferproblematik aber entspannt.

Denn: Gerade bei Typ-II-Diabetikern spielt Übergewicht eine große Rolle, die Abnehmspritze kann helfen, da Gewicht zu senken. Allerdings: Danach müssen die Patienten schon selbst dafür sorgen, es zu halten. Im Regelfall ist dafür eine Umstellung des Lebensstils unumgänglich. Gesunde Ernährung, mehr Bewegung. Weniger Chips, weniger Fernsehen. „Das funktioniert leider so nicht immer“, sagt Schäfer.

Am Klinikum Neumarkt werden Diabetiker nur stationär aufgenommen und nur, wenn es medizinisch notwendig ist. - Foto: Peter Romir

Ein Grund dafür: Früher sei die Ernährung gesünder gewesen, heute würden viele Menschen hoch verarbeitete Nahrungsmittel zu sich nehmen, mit zu viel Kalorien, zu viel Zucker, zu viel Salz. Ein anderer: Menschen sind bequemer. Einfach mal mit dem Rad fahren, zu Fuß gehen oder nicht den Aufzug nehmen – all solche Kleinigkeiten im Alltag könnten bereits hilfreich sein, sagt Schäfer.

Patienten werden ganzheitlich betrachtet

Insgesamt geht man in der Therapie von Diabetikern andere Wege als noch vor Jahren – alles ist individueller, es steht mehr der Patient im Ganzen im Fokus, mit all seinen Risikofaktoren und weiteren Erkrankungen. Das bedeutet bei Typ-II-Diabetikern, dass gar nicht unbedingt mehr mit Insulin behandelt wird, sondern mit anderen blutzuckersenkenden Mitteln, die sich zugleich positiv auf Herz- oder Nierenkrankheiten auswirken, sogenannte SGLT2-Hemmer.

Seit Jahren setzt man im Klinikum auch auf den Einsatz von Sensoren, die am Oberarm befestigt sind. Damit kann der Gewebezucker gemessen werden – und zwar rund um die Uhr. Generell habe sich die Technik in den vergangenen Jahren stark entwickelt, sagt Stahl, das erleichtere die Behandlung und den Patienten das Leben generell.

Die Forschung verfolgt man am Klinikum ebenfalls genau. Hoffnungsvoll blickt man etwa auf die Entwicklung von Insulinpumpen, die Sport oder Schlaf mit einberechnen können und vorausschauend Insulin geben. Auch an der Problematik der Unterzuckerung – für einen Diabetiker kann diese lebensbedrohlich sein – werde gearbeitet, sagt Schäfer. So werde an Smart-Insulinen geforscht, die nur dann wirken, wenn der Körper Insulin braucht, ansonsten aber inaktiv bleiben. Allerdings dürfte es noch dauern, bis diese tatsächlich auch bei Menschen eingesetzt werden können.

Auch beim Langzeitinsulin, das darauf angewiesene Diabetiker aktuell einmal pro Tag spritzen, gibt es Neues: ein Basalinsulin, das nur noch einmal pro Woche gespritzt werden muss und besonders für Typ-II-Diabetiker geeignet ist. Das erleichtere den Alltag, etwa bei einer kurzen Reise, bei der man dann kein Insulin in der Kühltasche mitnehmen müsse, so Schäfer.

Ob Diabetes irgendwann einmal geheilt werden kann? Nicht auszuschließen, meint Schäfer. Dass eine Stammzelle transplantiert werden könne, die Insulin produziere, sei „sicher keine Science Fiction“.

Diabetes im Landkreis Neumarkt

• Fälle: Im Landkreis Neumarkt gibt es etwa 15 000 Diabetiker, so Professor Dr. Claus Schäfer. Tendenz steigend. „Wir werden hier ein massives Probelm im Gesundheitssystem bekommen“, sagt Schäfer – gerade weil Diabetes oft Folgeerkrankungen an Herz, Nieren, Leber oder auch Krebs nach sich ziehe. Etwa 90 Prozent der Patienten sind Typ-II-Diabetiker, zehn Prozent haben Diabetes Typ I. Die Kategorisierung ist entscheidend für die Therapie, weil Typ I sofort Insulin benötigt. Typ I Diabetes gilt als Autoimmun-Erkrankung – hier werden Antikörper produziert, die im Blut nachweisbar sind. Jedoch gibt es auch Mischtypen, die klassische frühere Einteilung gibt es so nicht mehr.

• Insulin im Körper: 95 Prozent des Gewebes der Bauchspeicheldrüse produzieren Enzyme für die Verdauung, fünf Prozent Insulin, das Zucker aus dem Blut in die Körperzellen transportiert, damit diese Energie haben. Bei Diabetikern sind diese fünf Prozent des Gewebes nicht funktionstüchtig und das Insulin muss von außen zugeführt werden.

• Aufklärung: Was ist Diabetes? Wie funktionieren Sensoren? Fragen wie diese werden beim Diabetestag des Klinikums geklärt – die Veranstaltung findet am 22. November im Landratsamt statt.