Kelheims Krankenhaus-Hebammen sorgen sich um berufliche Existenz

Von Martina Hutzler · 26. Mai 2025 um 19:00

Beleg-Hebammen bundesweit befürchten ab November Verluste von bis zu einem Viertel ihres bisherigen Einkommens. Das macht auch die Hebammen am Kelheimer Krankenhaus fassungslos. Sie warnen: Die bislang gut aufgestellte Geburtshilfe in St. Lukas könnte in Gefahr geraten, und mit ihr die werdenden Mütter in der Region.

Gebürtige Kelheimerinnen und Kelheimer gibt es noch dank Frauen wie Sabine Wellmann, Rodica Adendorff oder Ninu Fischer-Fehse: Insgesamt 13 Beleg-Hebammen am Caritas-Krankenhaus St. Lukas (CSL) helfen alljährlich zwischen 550 und über 600 Babys auf die Welt – noch. Nach sieben Jahren Vergütungs-Verhandlungen auf Bundesebene gab es nun eine Schiedsstellen-Entscheidung. Wird sie ab 1.11. umgesetzt, „dann kann ich mir den Beruf kaum noch leisten“, sagen freiberuflich tätige Hebammen wie Rodica Adendorff.

Im Gespräch mit unserer Zeitung zeigt Kelheims Hebammen-Sprecherin Annemarie Gaßner Test-Abrechnungen nach den neuen Vergütungsregeln: Demnach würden Beleg-Hebammen ab November zwischen 14 und 26 Prozent weniger Einkommen haben als nach den bisherigen Regelungen aus dem Jahr 2018 – für unverändert anstrengende Zwölf-Stunden-Schichten in der Klinik und 24-stündige Bereitschaftszeiten auf Abruf. „Wer sonst, bitte schön, geht aus sieben Jahren Verhandlungen mit einem solchen Minus raus?!“, ärgert sich Rodica Adendorff.

Das Problem der Beleg-Hebammen: Ihre Vertretung, der Deutsche Hebammenverband (DHV), wurde beim Schiedsspruch von den weiteren Beteiligten überstimmt: dem Bund freiberuflicher Hebammen, dem Netzwerk der Geburtshäuser und dem GKV-Spitzenverband (Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen).

Klinik-Dienst mit Abschlag

Gescheitert ist der DHV damit nicht nur mit dem Ruf nach einem höheren Stundensatz für die Hilfe bei der Geburt. Sondern auch mit der Forderung, dass Beleg-Hebammen diesen Stundensatz überhaupt zur Gänze erhalten. Sie müssen sich weiterhin mit 80 Prozent (vorher: 70 Prozent) begnügen, denn, so der GKV-Verband: Sie könnten ja Infrastruktur und Logistik des Krankenhauses mit nutzen und hätten daher, etwa im Gegensatz zu außerklinisch tätigen Kolleginnen, geringeren Aufwand und Kosten.

Das neue Vergütungsmodell gefährdet auch in Kelheim die Hebammenversorgung, sind sich (v.li.) Hebamme Rodica Adendorff, Kreis-Koordinatorin Sabine Eberhart, CSL-Geschäftsführerin Claudia Eder und Hebamme Annemarie Gaßner einig. - Foto: Hutzler

Dem halten die Kelheimer Beleg-Hebammen entgegen, dass umgekehrt ihr Modell einer Klinik viel Arbeit erspare: „Wir organisieren uns selbst, kümmern uns darum, dass immer eine Hebamme da ist, dass bei Bedarf eine zweite und dritte dazukommt“ – in einem so unplanbaren Bereich wie der Geburtshilfe sei das eine riesige Entlastung. Das kann die neue Geschäftsführerin am CSL, Claudia Eder, nur bestätigen. „Ich habe meine zwei Kinder hier in Kelheim geboren und weiß, wie wertvoll es ist, dass immer jemand vor Ort ist und man kurze Wege hat.“ Die Existenzsorgen des Hebammen-Teams lassen daher auch bei ihr alle Alarmglocken schrillen.

Zumal ab November zusätzliche Einschnitte drohen, schildern Kelheims Hebammen. Neben dem Stundensatz basiert ihre Vergütung auf der Abrechnung weiterer Leistungen – doch da werde erheblich gekürzt. Wenn zum Beispiel eine Frau mit vermeintlichem Blasensprung in den Kreißsaal kommt, der doch noch keiner war und sie die Klinik wieder verlässt, „dann bekommen wir gar keine Vergütung mehr“, obwohl die Frau untersucht, ein CTG bei ihr angefertigt wurde, schildert Annemarie Gaßner. Auch Nacht-, Sonn- und Feiertagszuschläge seien von 20 auf 17 Prozent gekürzt worden. Vor allem aber trifft das Team die Neuregelungen, wenn mehrere Gebärende zu betreuen sind.

Vereinfacht gesagt, bekommen Freiberuflerinnen künftig einen Stundenzuschlag für eine „Eins-zu-eins-Betreuung“ während der „heißen Phase“ der Geburt, aber drastische Abschläge, wenn mehrere Gebärende von einer Hebamme betreut werden. Laut GKV-Spitzenverband steuere man damit das System in die richtige Richtung. Die Regelung gehe aber an der Realität völlig vorbei, ärgert sich Rodica Adendorff.

„Eine Erstgebärende weht in der Regel zwölf Stunden und noch länger“ – sie brauche in dieser Zeit gute Betreuung, aber keine ständige Anwesenheit der Hebamme. Parallel eine zweite und selbst eine dritte Frau zu betreuen, sei daher kein Problem und Alltag. Das Entscheidende sei: „Ich höre und sehe, wenn die Geburt beginnt und die Frau mich ganz braucht – und dann hole ich eine zweite Kollegin ins Haus“, und bei Bedarf eine dritte.

Flexibilität hat hohen Preis

Mit dieser Flexibilität könne man an Häusern wie Kelheim tatsächlich Eins-zu-eins-Betreuung rund um die Geburt bieten. Und „das machen wir auch, weil es ist, was uns auszeichnet“ im Vergleich zu großen Häusern. Aber im starren Abrechnungssystem hätte die Flexibilität einen hohen Preis: Für die beiden parallel mitbetreuten Frauen bekommt die Hebamme nur 30 Prozent der regulären Vergütung bezahlt. „Die Verantwortung haben wir aber zu 100 Prozent“, kommentiert Adendorff, verbittert auch darüber, „dass wir von Berufsfremden gesagt bekommen, wie wir zu arbeiten haben.“

Das neue Vergütungsmodell gefährdet auch in Kelheim die Hebammenversorgung, sind sich (v.li.) Hebamme Rodica Adendorff, Kreis-Koordinatorin Sabine Eberhart, CSL-Geschäftsführerin Claudia Eder und Hebamme Annemarie Gaßner einig. - Foto: Hutzler

Einige suchen schon nach einem „Plan B“

Im CSL-Team überlegen sich mehrere bereits, ob es für sie ab November noch weitergeht: „Wir machen unsere Arbeit gern – aber wir müssen halt auch davon leben können!“ Als Freiberuflerinnen müssen Hebammen von der Vergütung den Lebensunterhalt und alle Sozial- und sonstigen Versicherungen bestreiten; insbesondere die extrem teuer gewordene Berufshaftpflicht.

Dafür gibt es zwar einen „Sicherstellungszuschlag“ der Kassen als Unterstützung, aber meist erst nach monatelanger Wartezeit. Das müsse man ebenso vorfinanzieren wie etwaige Nachbesserungen, die es vielleicht auf Basis der „Evaluierung“ des neuen Vergütungsmodells geben wird; eine solche Überprüfung immerhin hat der GKV-Spitzenverband zugestanden.

Die Not der Hebammen schreckt auch Sabine Eberhart auf. Sie leitet die Koordinierungsstelle für Hebammenversorgung am Kelheimer Landratsamt. Mit Hilfe dieser Stelle hatte sich die phasenweise kritische Versorgungssituation der werdenden Mütter im Landkreis deutlich entspannt. „Wenn jetzt viele Hebammen überlegen aufzuhören, dann verschlechtert sich die Situation wieder“, warnt sie. Das fänden Rodica Adendorff und ihre Kolleginnen schlimm: „Wir üben unseren Beruf mit viel Herz und persönlichem Einsatz aus – wir würden weiterhin gerne in Kelheim für die Frauen da sein!“

Das habe auch während der jüngsten Turbulenzen um das Krankenhaus St. Lukas gegolten, mit u.a. der kurzfristigen OP-Sanierung. Die Schlagzeilen, für die das Kelheimer Krankenhaus sorgte, haben in den letzten Monaten in Kelheim die Zahl der Entbindungen sinken lassen. Zu Unrecht, bedauern Hebammen Annemarie Gaßner und Klinik-Leiterin Claudia Eder: Der Kreißsaal sei davon gar nicht betroffen gewesen. Sie hoffen auf einen Aufschwung, denn „die Geburtshilfe in Kelheim war und ist voll einsatzfähig“.

Auch Hebammen vom Kelheimer Team beteiligen sich nächsten Samstag, 31. Mai, an der Protestaktion „Midwife Crisis“ von Ostbayerns Beleghebammen in Regensburg (der Dienst am Kelheimer Krankenhaus ist davon aber nicht betroffen). Von 10 bis 16 Uhr auf dem Neupfarrplatz und ab 14 Uhr beim Demonstrationszug durch die Altstadt fordern sie Nachbesserung und Revidierung kritischer Punkte des neuen Hebammenhilfe-Vertrags.