Die schlimmsten Szenarien im Blick: Schwandorfer Polizist trainiert Schulen & Co. für den Ernstfall

Ein Schüler, der plötzlich Amok läuft, oder ein frustrierter Kunde, der gewalttätig wird: Für Peter Baierle, Dienstgruppenleiter bei der Schwandorfer Polizei, gehören diese Schreckensszenarien zu seiner Arbeit – zumindest theoretisch. Der 49-Jährige trainiert Schulen und andere Einrichtungen, wie sie im Ernstfall reagieren müssen. Sein Ziel: So viele Menschen wie möglich zu schützen, wenn das schlimmstmögliche Szenario eintritt.
Baierle steht im Klassenzimmer der Kreuzbergschule. Gemeinsam mit Lehrerin Meike Walter und zwei Schülern verbarrikadiert er die Tür. Sie nutzen alles, was greifbar ist: einen Schrank, Stühle und Tische, aber auch einen Besen, den sie als Sperre hinter den Türgriff klemmen. Je mehr, desto besser – so lautet die Devise. Dann zieht einer der Schüler die Vorhänge zu, bevor sie alle in Deckung gehen, den Kopf möglichst weit nach unten und durch die Hände geschützt. Vor ihnen sind Tische als mögliche Deckung aufgereiht.
Was Baierle hier demonstriert, soll Leben retten, wenn ein Täter in der Schule plötzlich Amok läuft. Der Polizist ist „Beauftragter für lebensbedrohliche Einsatzlagen“ bei der Schwandorfer Inspektion – dazu zählen Amokläufe, Terroranschläge oder Messerangriffe. Er geht an Schulen und öffentliche Einrichtungen, um die Mitarbeiter zu sensibilisieren. Denn solche Taten, sagt Baierle, können sich theoretisch überall ereignen. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es keinen Fixpunkt gibt. Man muss großflächig denken.“ Wo viele Menschen zusammenkommen, bestehe grundsätzlich ein Risiko – das könnten genauso Schulen und Kindergärten sein, wie es große Supermärkte oder die Arbeitsagentur treffen könnte.
Praktische Trainings als Schutzmaßnahme
Bei seinen Trainings, so wie an der Kreuzbergschule, geht es aber nicht bloß um die Theorie. Nein, Baierle nimmt die praktischen Aspekte in den Blick. Ist ein Arbeitsplatz so eingerichtet, dass er im Zweifel einen Fluchtweg lässt, wenn das Gegenüber plötzlich gewalttätig wird? Welche Hindernisse können eingeschoben werden, um einen Täter auszubremsen? Und wie verhält man sich am besten, sobald ein Bewaffneter im Gebäude ist? All das sind Fragen, die der Oberkommissar beleuchtet. Bei den Schulen richtet sich das Training aber nur an Lehrkräfte – bewusst nicht an die Kinder und Jugendlichen, weil dabei auch Taktiken vermittelt werden, die nicht für die Schüler bestimmt sind.

Mehr noch, Baierle spielt mitunter sogar selbst den Aggressor. Er will einen möglichst realistischen Eindruck vermitteln. Denn die Mitarbeiter sollen lernen, sich zu überwinden. Sie sollen ohne Scheu einen möglichen Angreifer anschreien oder ihm einen Stuhl entgegenstellen, also Distanz schaffen. Immerhin sind das genau die Kleinigkeiten, die Sekundenbruchteile, die zählen, wenn das Gegenüber plötzlich durchdreht. So hätten Mitarbeiter eine Chance, gerade noch rechtzeitig zu fliehen.
Immer mehr Menschen in psychischen Ausnahmezuständen
Wenn er sich auf eine Beratung vorbereitet, geht Baierle akribisch ans Werk und klopft verschiedenste Aspekte ab. Es geht beispielsweise darum, wo in einem Gebäude mögliche Gefahren liegen. Auch die Fragen, Sorgen und Wünsche der jeweiligen Schule oder Einrichtung spielen eine wichtige Rolle. Aber mit einem Training durch die Polizei ist es nicht getan, auch das betont Baierle. Am Ende liegt es an den jeweiligen Einrichtungen, dass sie die Inhalte fortlaufend an ihre Mitarbeiter weitergeben.
Jeder ist froh, wenn der Nachwuchs gesund wieder heimkommt. Das ist die Motivation.
Peter Baierle, Beauftragter für lebensbedrohliche Einsatzlagen und Dienstgruppenleiter bei der Polizei Schwandorf
Derzeit trainiert der 49-Jährige vor allem Schulen und öffentliche Einrichtungen, darunter die Arbeitsagentur. Wie hoch die Gefahr ist, dass ein solches Szenario in Schwandorf eintritt, ist „schwer festzumachen“, findet Baierle. „Aber die Zahl derer, die aus psychischen Ausnahmezuständen heraus agieren, wird immer mehr.“
Baierle selbst hat sich freiwillig für diese Aufgabe gemeldet. Er war früher, bevor er zur Polizei kam, bei der Bundeswehr und im Personenschutz tätig – diese Erfahrung erweist sich bei seinen Trainings immer wieder als nützlich. Neben den Einrichtungen trainiert er nämlich auch seine Kollegen für diese Situationen. „Für mich persönlich ist das ein wichtiges Thema“, sagt der Oberkommissar. Er will so einen Beitrag leisten, um Menschen zu schützen. Auch deshalb, weil Baierle selbst Vater ist. „Jeder ist froh, wenn der Nachwuchs gesund wieder heimkommt“, sagt er. „Das ist die Motivation.“