Matthias Schwab (102) aus Schwandorf: Schmiedemeister mit Leib und Seele

Längst ist das Feuer in der Schmiede erloschen. In der Esse liegen aber noch Kohlen, und an einem Brett sind Hufeisen befestigt – Zeugnisse einer vergangenen Ära und die Meisterstücke von Matthias Schwab, weithin bekannt als der „Schmie Hias aus Neikircha“. Mit 102 Jahren blickt der Schwandorfer auf ein ereignisreiches Leben zurück.
Für Matthias Schwab ist die Schmiede neben dem Wohnhaus, das er im Schwandorfer Ortsteil Neukirchen eigenhändig gebaut hat und in dem der 102-Jährige heute mit der Familie seiner jüngsten Tochter Petra Rester lebt, viel mehr als seine ehemalige Werkstatt. Sie ist noch immer der Mittelpunkt seines Lebens. Fast täglich setzt er sich dort für eine Weile neben die Esse, raucht eine Zigarre – die einzige des Tages – und denkt über sein bewegtes Leben nach. „Und immer stelle ich mir die Frage: Was wäre aus meiner Frau und meiner Tochter geworden, wenn ich nicht heimgekommen wäre?“, sagt der 102-Jährige.
1948 ist Matthias Schwab nach vierjähriger Gefangenschaft mit letzter Kraft zu Fuß vom Bahnhof Schwandorf nach Hause nach Neukirchen gelaufen, schwer krank und geschwächt. Das Wiedersehen, als er unvermittelt vor der Tür stand, sei unbeschreiblich gewesen, erzählt Matthias Schwab leise. Zum ersten Mal sah er an diesem Wintertag seine fünfjährige Tochter Ingrid. „Zwei Jahre lang konnte ich dann nichts arbeiten, so krank war ich“, blickt der Schmiedemeister zurück. Dabei war Arbeit immer sein Leben. Auch sonst engagierte er sich vielfältig. Für seine 85-jährige Mitgliedschaft bei der Feuerwehr Neukirchen wurde er kürzlich geehrt – ein Jubiläum, das nicht alle Tage vorkommt.
Durch die Lehre fand er die Liebe seines Lebens
Geboren wurde Matthias Schwab am 19. September 1922 in Hartenricht als achtes von elf Geschwistern. Sieben Klassen hatte die Volksschule Neukirchen, die er besuchte: In einem Zimmer wurden die Klassen eins bis drei, im anderen Zimmer die Klassen vier bis sieben unterrichtet. Maria Mayer aus Neukirchen, die einige Monate jünger als Matthias Schwab war, ging in dieselbe Klasse. Mit Holzschuhen liefen die Kinder in die Schule, auch im Winter. „Schnee, viel Schnee hat es damals gegeben“, erzählt der 102-Jährige, der bis heute ein brillantes Gedächtnis hat und sich an alles genau erinnert.
Das hat mich gesund gehalten – die frische Luft und die Bewegung.
Matthias Schwab
Mit 15 Jahren begann Matthias Schwab eine dreijährige Lehre bei Schmiedemeister Johann Mayer in Neukirchen, dem Vater von Maria – und Matthias und Maria verliebten sich ineinander. Doch bevor es eine Gelegenheit zur Hochzeit gab, wurde der damals 19-Jährige 1941 zum Militärdienst eingezogen. Unbeschreiblich seien die folgenden Jahre an der Front gewesen. Matthias Schwab ist noch immer erschüttert von diesen Erinnerungen. Im August 1944 geriet der junge Soldat in Gefangenschaft, wurde von Frankreich nach England und von dort in die USA gebracht.
„Mit dem Schiff waren wir wochenlang auf dem Meer unterwegs. Von New York aus ging es sechs Tage lang weiter mit dem Zug nach San Francisco“, berichtet der 102-Jährige. Zwei Jahre lang war er dort in einem Kriegsgefangenlager interniert, hinter Stacheldraht, ohne Schutz gegen Regen und die brennende Sonne. Schwab musste viel arbeiten, unter anderem als Baumwollpflücker. „Ich denke oft daran. Das kann man nicht vergessen.“

1947 wurden die unterernährten deutschen Soldaten nach England transportiert, dann nach Schottland und schließlich, im Januar 1948, in ein Entlassungslager wieder nach England. Mit dem Zug fuhr Matthias Schwab mit letzter Kraft nach Schwandorf. Nur einmal war er zu Kriegszeiten kurz in der Heimat gewesen, und diese Zeit nutzte er für die Hochzeit mit Maria.
Matthias Schwab übernahm, nachdem er sich erholt hatte, die Schmiedewerkstatt und die Landwirtschaft, die zum Hof gehörte. Unermüdlich arbeitete er, beschlug Pferde, schmiedete Hufeisen und Wasserrohre, klopfte Pflugschare, versorgte die Tiere und beackerte mit seinen Kühen die Felder. Den ersten Fendt-Bulldog kaufte er im Jahr 1959 – ein Meilenstein.
So vergingen die Jahrzehnte. Bereits im Oktober 1940 war Schwab der Feuerwehr Neukirchen beigetreten, die seit 1873 bestand, so wie es alle Männer des Ortes taten, wie er sagt. Von 1955 bis 1963 übte er das Amt des 1. Kommandanten aus und erlebte nach dem Krieg den Wandel der Feuerwehren mit, vom reinen Feuerlöschwesen hin zum Rettungsdienst auch bei Unfällen oder Notständen. Im September 1959 kam es laut Chronik zu anhaltenden Waldbränden aufgrund von Trockenheit. Matthias Schwab packte überall mit an.
Als CSU-Gemeinderat in Neukirchen auch politisch engagiert
Im Jahr 1957 absolvierte er die Schmiedemeisterprüfung. Elf Jahre lang war er zudem CSU-Gemeinderat in Neukirchen, und auch im Gemeindedienst war er von 1967 bis 1978 tätig und räumte mit seinem Bulldog Schnee. Das Jahr 1966 brachte der Familie ein großes Ereignis: Das neu gebaute Haus neben der Schmiede wurde bezogen – auch hier hatte Matthias Schwab viel Eigenleistung erbracht. Sechs weitere Kinder wurden nach Ingrid geboren, wobei ein Sohn starb. Ehefrau Maria musste Matthias Schwab im Jahr 2009 zu Grabe tragen.
Bis ins hohe Alter arbeitete der Schmie Hias weiter. „Noch mit 87 Jahren beschlug er den letzten Gaul“, berichtet Petra Rester, deren Sohn mittlerweile den Hof übernommen hat. So lange es möglich war, ging Matthias Schwab ins Holz, wie er es sein Leben lang getan hatte. „Das hat mich gesund gehalten – die frische Luft und die Bewegung“, sagt der 102-Jährige.

Zur Familie gehören heute neben den Kindern auch zwölf Enkel und 22 Urenkel. Familienfeiern fallen dementsprechend groß aus – etwa die zum 100. Geburtstag. Dafür wurde die Schmiedewerkstatt ausgeräumt, geweißeltt und mit neuem Boden versehen. Sogar ein Zelt hatte man davor aufgestellt. Und alle waren sie gekommen, aus dem ganzen Dorf und darüber hinaus. Abordnungen mit Fahnen von der Feuerwehr, vom Kriegerverein, von der Blaskapelle und der Jagdhorngruppe überbrachten Glückwünsche.
Der Appell des 102-Jährigen: Es darf keinen Krieg mehr geben
„Den Schmie kennt eben jeder. Das Dorf stand Kopf“, berichtet Enkel Daniel Schwab, heute Vorsitzender der Feuerwehr. Auch die Kartenfreunde waren natürlich da. Denn Schafkopf hat Matthias Schwab bis vor einem Jahr im Wirtshaus gerne gespielt. Doch leider ist einer seiner Freunde kürzlich verstorben und einer sei krank. Nur der 102-Jährige wäre aus der Runde noch geblieben.
Und so bleibt mehr Zeit, um in der Schmiede neben der Esse zu sitzen und nachzudenken. „Es hat alles gepasst“, blickt Schwab zufrieden auf sein Leben zurück. Bis auf den Krieg. Jetzt, zum 80. Jahrestag des Kriegsendes 1945, würde man viel in den Medien sehen, was er selbst erlebt habe. In die Lage in der Ukraine und in anderen Kriegsgebieten kann sich Schwab gut hineinversetzen. „Die armen Kinder leiden am meisten“, sagt er. Der 102-Jährige hofft inständig: „Hoffentlich passiert das nie wieder.“