Der Gosl treibt seine Rinder raus: Schwandorfer Betrieb setzt auf Mutterkuhhaltung

Von Martin Kellermeier · 18. Mai 2025 um 19:00

Immer mehr und immer größer – aber nicht mit ihm. Der Zielheimer Landwirt Hans Sieß (58) wollte die Entwicklung in seiner Branche nicht mehr länger mitmachen und entschied sich gegen die millionenschwere Erweiterung seines Hofs im Landkreis Schwandorf. Stattdessen setzt er bei seinem Fleckvieh nun auf Mutterkuhhaltung und treibt seine Tiere vom Stall auf die Wiese. Ein Schritt, der in der Region durchaus Seltenheitswert hat.

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Zwar gibt es im Landkreis Schwandorf noch immer rund 600 rinderhaltende Betriebe mit insgesamt etwa 23.000 Kühen. Doch nur 80 Höfe setzten dabei mit ihren knapp 900 Kühen auf die Mutterkuhhaltung, so besagen es die Zahlen aus dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Regensburg-Schwandorf.

Mutterkuhhaltung ist eine besonders natürliche Haltungsform, die der Fleischerzeugung dient. „Die Kühe werden gehalten, um ein Kalb aufzuziehen und mit Milch zu versorgen“, erklärt AELF-Pressesprecher Armin Hofbauer. Je nach Betrieb würden die Kälber im Durchschnitt neun Monate bei der Kuh auf der Weide bleiben.

Die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern: Johanna Sieß (l.) wird den Betrieb übernehmen. - Foto: Josef Schaller

Einen dieser Betriebe führt der Schwandorfer CSU-Stadtrat Hans Sieß. Der Hof in Zielheim mit dem Hausnamen „Gosl“ ist bereits in elfter Generation in Familienhand. Hans Sieß hatte den Betrieb 1997 von seinem Vater Josef übernommen. Und mit Tochter Johanna (19) steht die nächste Generation bereits in den Startlöchern.

Der Gosl-Hof im Umbruch: Aus vielen Standbeinen wurden eines

Der Gosl-Hof hatte über Jahrhunderte mehrere Säulen, die ihn rentabel machten. Da waren nicht nur die konventionelle Milchviehhaltung und die Zuchtsauen, sondern auch der Kartoffel- und Roggenanbau sorgten für den Lebensunterhalt der Familie Sieß.

Kurz nachdem Hans Sieß den Hof übernommen hatte, war die Landwirtschaft jedoch im Umbruch – von mehreren Standbeinen ging es nun hin zur Spezialisierung. „Das war die Zeit, wo selektiert wurde“, erinnert sich Sieß.

Hans Sieß hat seinen Betrieb erfolgreich umgestellt.

Gesagt, getan. Die Schweine kamen weg und der Kartoffel- und Roggenanbau wurde eingestellt. Sieß und seine Frau Monika wollten fortan nur noch auf das Milchvieh setzen. 2002 investierten sie kräftig und stellte die Anbindehaltung auf einen Laufstall mit Melkstand um. Aus den bisher 29 Milchkühen wurden 60. Und dank Zuchterfolg ging die jährliche Milchleistung pro Kuh von anfangs durchschnittlich 4500 Litern auf 9000 hoch.

Doch nach etwa 20 Jahren war auch der einst moderne Laufstall überholt. Eine erneute Modernisierung stand an, Technik wie Roboter sollten Einzug halten und der Bestand der Milchkühe hätte verdoppelt werden müssen, um den Betrieb rentabel halten zu können, sagt Sieß. Weil dafür aber der Platz fehlte, hätte man einen Stall auf der grünen Wiese bauen müssen. „Da reden wir dann von einem Millionenbetrag“, betont der Bauer.

Mobile Hühnerställe machten den Anfang

Sieß wollte nicht weiter wachsen, im Gegenteil. Er entschied sich, auf Extensivwirtschaft mit Selbstvermarktung zu setzen. 2018 schaffte er zwei mobile Hühnerställe mit jeweils 350 Hennen an. Die Zielheimer Freilandeier kamen auf den Markt.

Im Mai 2023 hat er dann seine Kühe das letzte Mal gemolken und sie anschließend auf die Weide getrieben. Aus den Milchkühen wurden Mutterkühe. Inzwischen zählt die Herde 51 Tiere, darunter Limousin-Stier Philippe, der für regelmäßigen Nachwuchs sorgt. „Er macht seinen Job hervorragend“, lobt Sieß den schweren Bullen.

Seit wird die Kühe auf der Weide halten, wurden sie viel zutraulicher und lassen sich sogar streicheln.

Hans Sieß, Landwirt

Kürzlich war es wieder so weit. Nachdem die Kühe mit ihren Kälbern die kalten Monate im Laufstall verbracht hatten, durften sie nun wieder raus auf die Weide bei Klardorf. Dort bleiben sie nun, bis der Winter kommt – Tag und Nacht. Im Sommer fressen sie nur Gras, im Winter bekommen sie Grassilage und vor allem Heu.

Jeden Tag schaut der Zielheimer Landwirt nach seinen Tieren. „Seit wird die Kühe auf der Weide halten, wurden sie viel zutraulicher und lassen sich sogar streicheln“, berichtet er. Immer wieder entnimmt er aus der Herde ein Tier, um es in der Region schlachten zu lassen. Das Fleisch vom „Zielheimer Weiderind“ verkauft er dann per Direktvermarktung.

So schmeckt das Fleisch vom Zielheimer Weiderind

Die Verbraucher würden vom Geschmack seines Produkts schwärmen, sagt Hans Sieß. Das Fleisch sei kompakter und viel saftiger. Und die Qualität scheint sich herumgesprochen zu haben. Die Zahl der Stammkunden zeige nach oben, berichtet der Bauer. Seine Kunden würden aus einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern kommen.

Darf ich auch in die Zeitung?, hat sich wohl diese Kuh gefragt.

Der 58-Jährige hat mit dieser Entwicklung Glück. Denn wie Armin Hofbauer vom AELF berichtet, sei es die „größte Herausforderung für Mutterkuhhalter“, ihre Produkte an den Verbraucher zu bringen. „Landwirte, die auf diese Haltungsform umsteigen, müssen ihre eigene Vermarktung aufbauen und sich untereinander vernetzen“, erklärt er. Das AELF hat dazu im Oktober 2022 das Projekt „Mutterkuhles von der Weide“ ins Leben gerufen. Es soll dazu beitragen, dass Landwirte ihr Fleisch aus der Mutterkuhhaltung langfristig gewinnbringend vermarkten können.

Im Landkreis Schwandorf sind derzeit vier Betriebe akkreditiert und verkaufen ihr Fleisch unter dem Logo des Projekts. Einer davon ist Hans Sieß. Er will noch heuer den nächsten Schritt machen und einen eigenen Hofladen eröffnen. Aktuell laufen dafür Umbauarbeiten. Wenn alles klappt, dann könnte man noch im Sommer die Einweihung feiern.

Nicht nur die Zielheimer Freilandeier und das Fleisch vom Weiderind soll es dann dort zu kaufen geben. Sieß will seiner Kundschaft auch Kartoffeln von seinem Schwager Josef Wifling anbieten. Aber auch Nudeln und Honig sollen in den Regalen stehen.