Immer mehr Schrotträder müllen Regensburg zu – Stadt geht neuen Weg

Wenn die Stadt Regensburg neue Fahrradständer installiert, sind diese oft innerhalb kurzer Zeit zugestellt: zum großen Teil mit Schrotträdern. Damit das anders wird, geht Regensburg nun einen neuen Weg.
Jason R. kommt mit dem Lastenrad zum Radparkplatz am Bahnhof. Er zieht einen Packen Aufkleber unter der Abdeckung hervor. Und nimmt sich die Räder vor: Ein Blick auf den Rost an der Kette, die Risse am Sattel, ein Griff in den Reifen, prall ist er nicht mehr. Das graue Rad ist ein klarer Fall für die rot-weiße Banderole.
R., bei der Firma Feine Räder eigentlich als Kurier und Kümmerer im Fahrrad-Verleih beschäftigt, ist als Radlretter für die Stadt unterwegs. „Radlrettung“, so nennt die Stadt ihren neuen Umgang mit Schrotträdern.
Thomas Großmüller ist als Nahmobilitätskoordinator der Stadt auch für Räder, die seit Monaten nicht bewegt wurden, zuständig. Er erklärt: Grundproblem sei, dass es für das Radlparken nur „sehr wenig verbindliche Regelungen“ gebe. Grundsätzlich ist es auf öffentlichem Grund erlaubt, die Grenze liegt dort, „wo der Verkehrszweck nicht erfüllt wird“.
Stadt bekommt Beschwerden von Radfahrern und Geschäftsleuten
In Münster solle es bis zu 50.000 Schrotträder geben, erzählt er. „Ganz so viele sind es bei uns sicher nicht. Aber doch einige hundert.“ Bisher habe die Stadt immer so 100, 150 Räder im Jahr eingesammelt. Das reiche aber nicht mehr, „weil das ein zunehmendes Problem ist: Wir kriegen immer mehr Beschwerden“. Es meldeten sich verärgerte Geschäftsleute aus der Altstadt und auch Radfahrer, die keinen Platz mehr finden, um ihr Rad abzustellen.
Als es im Januar im Stadtrat um die 360 neuen Stellflächen für Fahrräder am Bahnhof ging, kam dementsprechend die Frage auf, ob die Stadt die „Fahrradruinen“ nicht regelmäßig entfernen könne. Feine-Räder-Chef Ulrich Schmack wandte sich daraufhin an die Stadt mit dem Angebot, dass seine Leute sich um die Schrotträder kümmern könnten. Er sagt, auch er finde es „frustrierend, dass wir Geld aufwenden für tolle Abstellanlagen und dann sind die in zwei, drei Jahren zu“. Sein Gegenrezept ist die Aktion „Radlrettung“, die die Stadt nun ein halbes Jahr testet; 10.000 Euro kostet sie das.
Konkret beauftragte die Stadt Feine Räder damit, herrenlose Räder im östlichen Teil der Innenstadt zu kennzeichnen, nach vier Wochen abzutransportieren und dann zu verwerten. Die Radlretter sollen im monatlichen Turnus an den Abstellanlagen vorbeifahren. Seit einer Woche ist R. unterwegs. In der Bruderwöhrdstraße fing er an, dann war er in der Hemauerstraße, am Mittwoch war der Bahnhof dran.

Im Lastenrad hat er die Aufkleber mit der Aufschrift „Dieses Fahrrad scheint nicht mehr genutzt zu werden! Auf Nicht-Radfahren folgt bei uns die Rettung“. Die Kriterien für zurückgelassene Räder, die auf einem Arbeitspapier der Uni Mainz basieren, hat er im Kopf: Fahrräder mit zwei Schäden, etwa mit einer defekten Pedale und einem fehlenden Rad, bekommen eine Markierung, solche in schlechtem Zustand, etwa mit verrosteter Kette und platten Reifen, nur, wenn es zusätzliche Hinweise gibt, etwa einen vermüllten Korb.
Auf jeder Banderole trägt R. das Datum ein, denn in vier Wochen kommt er mit dem Winkelschleifer wieder, dann wird das Rad „kostenpflichtig entfernt“. Jedes markierte Rad fotografiert er mit dem Handy, den Barcode auf dem Aufkleber scannt er ab, Farbe und Marke tippt er in seinen Laptop. Sein Chef Schmack sagt: „Weil man einfach schneller gute Ergebnisse bekommt, wenn die Räder in eine professionelle Fahrzeugverwaltung eingebunden werden.“ Die Listen bekomme auch die Polizei. Er sei sicher, dass dann mehr Räder zum Eigentümer zurückkämen.
Endstation für herrenlose Räder ist das Fundamt
Nach der Entfernung werden alle Räder erst einmal in der Werkstatt untersucht. Brauchbare Fahrzeuge werden zwei Monate aufgehoben, auf dem Grundstück am Unteren Wöhrd, auf dem die Stadt bald das umstrittene Parkhaus bauen möchte. Endstation ist das Fundamt, das regelmäßig Fahrräder versteigert. Nicht mehr nutzbare Räder lässt Feine Räder verschrotten beziehungsweise überlässt Teile Campus Asyl oder der Selbsthilfewerkstatt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs.
Bisher gilt laut Großmüller: „Die Erfahrung zeigt, dass der Anteil derer, die nach ihrem Rad fragen, sehr gering ist.“ Schmack erzählt, dass bislang 90 Prozent der herrenlosen Räder im Schrott gelandet seien. „Uns ist es ein Anliegen, dass wir in Summe mehr Räder in die Verwertung kriegen.“ Könne die Stadt mehr versteigern, nehme sie auch mehr ein.
Jason R. zieht nach einer Stunde am Bahnhof weiter. Circa 70 Räder hat er kontrolliert, etwa 20 markiert. In der Bruderwöhrdstraße war die Quote noch viel, viel höher.