Joe Kaeser zu Gast in Regensburg: „Siemens machte alles – außer Gewinn“

Von Lorenz Nix · 15. Mai 2025 um 19:25

Die Stiftung zur Förderung der OTH Regensburg hat 25. Geburtstag gefeiert. Als Festredner hatten die Verantwortlichen um den scheidenden Vorstandsvorsitzenden Gert Wölfel ein prominentes Gesicht gewonnen: Ex-Siemens-Boss Joe Kaeser, selbst Absolvent der Hochschule, gab Einblicke in die Restrukturierung des Münchner Konzerns.

Herbst 1975: An der Fachhochschule Regensburg startet der junge Joe Kaeser sein Studium. Etwas weniger als 40 Jahre später ist er Siemens-Chef und damit einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse Deutschlands. Fast 50 Jahre nach seinem Studienbeginn kam Kaeser nun anlässlich des 25. Bestehens der Stiftung zur Förderung der OTH Regensburg als Festredner an seine frühere Hochschule zurück. „Es hat sich unheimlich viel verändert“, sagte der 67-Jährige, der heute unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens Energy ist, zu Beginn seines Vortrags.

Tatsächlich kam der Name „Ostbayerische Technische Hochschule“ erst lange nach Kaesers Abschluss. Auch der Campus in unmittelbarer Nähe zur Universität war gerade erst im Entstehen, als Kaeser 1980 in die Bauelemente-Abteilung des Regensburger Siemens-Werks wechselte.

In seiner Rede am Mittwochabend beschrieb Kaeser den damaligen Industrie-Riesen als trägen, fast altbackenen Konzern: „Siemens machte alles – außer Gewinn.“ Es sei zwar „edel“, langfristig zu planen und zu handeln, das dürfe aber „keine Entschuldigung dafür sein, kurzfristig nicht erfolgreich zu sein“, sagte Kaeser zu den versammelten Vertretern aus der Wirtschaft – die Stiftung zur Förderung der OTH Regensburg finanziert sich durch Zuwendungen von Unternehmen.

Joe Kaeser in Regensburg: Heute sei Flexibilität gefragt

Im Jahr 2013 kam dann der Kipppunkt: „Mangel an Verlässlichkeit, fehlendes Wachstum, Rückstand zum Wettbewerb“, beschrieb Kaeser das auf einer seiner Präsentationsfolien. „Man vergleicht sich immer mit den besten in der Branche“, sagte der 67-Jährige. Und bei Siemens habe man feststellen müssen, dass man anders als die Konkurrenz nicht vorankomme. Der Münchner Konzern stellte sich daraufhin neu auf: Finanzchef Joe Kaeser wurde im Juli 2013 Vorstandsvorsitzender.

Es folgte eine Restrukturierungs-Phase, bei der unter anderem die hundertprozentige Siemens-Tochter Osram verkauft wurde. Früher habe es geheißen, Fokussierung sei der Abschied aus dem globalen Wettbewerb, sagte Kaeser nun in Regensburg. „Das ist falsch.“ Fokussierung bedeute nicht Verzwergung, betonte er. Ganz im Gegenteil: Erfolg werde heute dadurch bestimmt, dass sich Unternehmen schnell an Veränderungen anpassen könnten. Flexibilität sei gefragt.

Tradition ist eine Verantwortung. Aber die Verantwortung wird zur Bürde, wenn nicht die Zeichen der Zeit erkannt werden.

Joe Kaeser

Mit den durchgeführten Umstrukturierungen habe Siemens Wachstum und Stärke wiederfinden können, sagte Kaeser. Das Unternehmen richtete seinen Blick damals aber auch in die Zukunft. Sowohl im Bereich der Gesundheitstechnik, der Energietechnik als auch im Industriesektor seien „disruptive, neue Technologien“ zu erwarten gewesen, so der 67-Jährige. Deshalb folgte der nächste große Umbruch: Als Kaeser im Frühjahr 2021 seinen Posten als Vorstandsvorsitzender räumte, hatte er aus Siemens drei Unternehmen gemacht. Neben der ursprünglichen AG waren das Siemens Healthineers und Siemens Energy.

„Tradition ist eine Verantwortung. Aber die Verantwortung wird zur Bürde, wenn nicht die Zeichen der Zeit erkannt werden“, sagte Kaeser dazu am Mittwoch. Und noch etwas gab er dem Publikum mit: „Wenn sie die Gesellschaft nicht mitnehmen können, werden Sie die Lizenz zum Geschäftemachen verlieren.“ Die Doktrin des Ökonomen Milton Friedman „The business of business is business“, was so viel bedeutet, dass das primäre Ziel des Geschäftemachens ist, Profit zu erwirtschaften, gilt laut Kaeser nicht mehr. „The business of business is to serve society“, sagte der 67-Jährige. Übersetzt: Das Geschäft des Geschäfts ist es, der Gesellschaft zu dienen.

Stiftungsgründer Gert Wölfel verabschiedet

Einer, der dieses Motto lebt, stand vor dem Vortrag Kaesers bei der Jubiläumsfeier am Mittwoch im Mittelpunkt. Der Gründer und seitdem Vorstandsvorsitzende der OTH- Stiftung, Gert Wölfel, wurde verabschiedet. 25 Jahre stand der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (DWW) und früheres Vorstandsmitglied der Energieversorgung Ostbayern AG (OBAG, heute Bayernwerk) an der Spitze der Stiftung.

Nun gibt der 86-Jährige das Amt an den Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Bernd Waffler ab. Der kündigte am Mittwochabend aber an, den Vorsitzendenposten auf drei Personen auszuweiten. „Gert, wir brauchen drei, um deine Lücke zu füllen“, sagte er.

Zum ersten Mal in meiner Zeit als Präsident, trage ich bei einer Veranstaltung eine Krawatte.

Ralph Schneider

Wölfel hatte zuvor selbst auf die 25-jährige Geschichte der Stiftung zurückgeblickt. Man habe damit eine noch stärkere Einbindung der Hochschule in die Region erreichen wollen. Außerdem sei ein Ziel gewesen, mit osteuropäischen Hochschulen zusammenzuarbeiten – es folgten unter anderem Kooperationen mit Odessa und Kiew in der Ukraine.

Welche Bedeutung die Stiftung für die Regensburger Hochschule hat, versuchte OTH-Präsident Ralph Schneider auf eine besondere Art und Weise zu verdeutlichen: „Zum ersten Mal in meiner Zeit als Präsident, trage ich bei einer Veranstaltung eine Krawatte.“

Gert Wölfel (rechts) gemeinsam mit seinem Nachfolger Bernd Waffler (links) und dem Festredner Joe Kaeser - Foto: Lorenz Nix

Über die Stiftung zur Förderung der OTH Regensburg

• Unterstützer: Gegründet wurde die Stiftung zur Förderung der OTH Regensburg im Jahr 2000. Initiatoren waren die Unternehmen Krones, Maschinenfabrik Reinhausen, Energieversorgung Ostbayern (OBAG, heute Bayernwerk) und Rewag. Kurz darauf folgten Siemens und BMW als erste Zustifter. Seitdem haben über 150 Firmen, das Vermögen der Stiftung in ihrem 25-jährigen Bestehen aufgestockt.

• Zweck: Die Stiftung vergibt unter anderem Stipendien und fördert Praktika. Außerdem lobt sie eine Reihe von Preisen für Absolventen und Lehrende aus.

• Gremien: Der Gründer der Stiftung und langjährige Vorstandsvorsitzende Gert Wölfel gibt sein Amt an Bernd Waffler ab. Dem Stiftungskuratorium sitzt der frühere Werkleiter des Regensburger Infineon-Standorts, Jörg Recklies, vor.