Dürfen wir hier malen? Regensburger Künstler sprechen Leerstands-Eigentümer direkt an

Lustig ging es oft zu im Recordstore am Ostentor – die Türe stand offen, die Musik schallte raus, der Inhaber unterhielt am Fensterbankerl mit Kaltgetränk und Anekdotenfeuerwerk. Schon seit vielen Jahren ist es aber still im Plattenladen.
Die Poster in der Tür kündigen Konzerte an, die 2018 stattfanden. Braune Vorhänge versperren den Blick nach drinnen. Das ist kein Einzelfall, der Leerstand grassiert nach wie vor im Stadtzentrum. Regensburger Künstler auf Ateliersuche sprechen Eigentümer nun direkt an, um wieder Leben in die toten Räume zu bringen – mittels gedrucktem Bewerbungsschreiben, das sie an die Türen heften.
Acht Zettel hat Lucas Cabarth in der Landshuter Straße angebracht, fünf in der Ostengasse, fünf weitere in der Ecke Weißenburger- und Adolf-Schmetzer-Straße. „Und das ist einfach nur mein Schulweg“, sagt der Realschullehrer und Künstler zum eigenen kleinen Leerstandskataster.
Mit Strom und trocken
Vor zehn Tagen hat Cabarth begonnen mit der analogen Ateliersuche per Zettel und Klebestreifen. „Es folgen noch mehr“, sagt er. In den einschlägigen Online-Foren taucht keiner der „super Räume“ für ihre Zwecke auf. Was man dort finde seien Geschäftsflächen zu astronomischen Preisen.

„Wir brauchen ja nicht die perfekten Fischgrätböden“, sagt Malerin Christiane Settele. „Wir suchen Räume, in denen wir arbeiten können.“ Strom für Licht, kein Schimmel, ein Dach über dem Kopf. Hohe Decken und große Wandflächen wären ein Plus, ebenso die Erreichbarkeit per Auto und Ebenerdigkeit. Settele und Barbara Muhr malen großformatig, die Leinwände müssen durch Türen und Treppenhäuser passen. Und langfristig nutzbar sollen die Räume sein. „Wir suchen was, wo wir ankommen können“, sagt Settele. Christina Kirchinger – die vierte im Kernteam der Ateliersucher und aktuell als artist in residence in Clermont-Ferrand – fertigt Druckgrafiken an. Die großen Pressen brauche sie für eine kurzzeitige Zwischenlösung nicht umziehen, erzählt Settele: „Es gibt die unterschiedlichsten Bedürfnisse, die werktechnisch begründet sind“. Cabarth fügt an: „Wir sind aber super flexibel.“ Sie würden alle Räume besichtigen und nach Lösungen suchen.
Viele Künstler suchen Räume
Auf die vier ist die Ateliersuche nicht beschränkt. Settele kenne ein Dutzend weiterer Künstler, die auf der Suche nach Arbeitsräumen sind – mit unterschiedlicher Dringlichkeit. Muhr pendelt zum Malen nach Straubing. Settele, Kirchinger und Cabarth arbeiten aktuell im Andreasstadel, der jungen Künstlern einen ersten Arbeitsplatz zur Verfügung stellt – zeitlich begrenzt. Die drei sind schon länger dort und „wollen anderen den Platz auch nicht wegnehmen“. Wie viele ein potenzielles neues Atelier gemeinsam nutzen würden, hängt vom Raum ab – und vom Preis. Jeder könne 200 bis 300 Euro zur Miete beisteuern, schätzt Muhr, manche vielleicht auch etwas mehr.
In ihrem schriftlichen Gesuch beschreiben sich Cabarth, Kirchinger, Muhr und Settele als grundsolide Mieter. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit sind sie in der Lehre an der Universität oder als verbeamtete Lehrkräfte angestellt. Das sei eine verlässliche Basis für eine langfristige kreative und zuverlässige Mietpartei. Im Gespräch mit potenziellen Vermietern spielen sie mit offenen Karten, schließlich wollen sie ihren künstlerischen Berufen in den Räumen nachgehen. „Wir sind ein bisschen schmutzig, aber nicht laut“, fasst es Christiane Settele zusammen und schiebt gleich hinterher: „Und sehr nett.“
Eine Antwort gab’s schon
Eine Rückmeldung einer Eigentümerin haben sie schon bekommen, allerdings nicht mit Bezug auf den Raum, an dem das Gesuch angeklebt wurde. Die Immobilienbesitzerin suche gerade Nutzer für eine über 1000 Quadratmeter große Bürofläche. „Mal abwarten, wer die mietet“, sagt Cabarth. „Vielleicht können wir in einen kleinen Raum, der nicht gebraucht wird.“ Das sei noch keine konkrete Option, aber eine erste positive Rückmeldung einer Eigentümerin: „Sie hat das total schön gefunden, dass wir so Initiative gezeigt haben.“
Lernen Eigentümer sie erst einmal kennen, tut sich bestimmt etwas auf, sind die drei überzeugt. Leute, die Räume zur Verfügung haben, wüssten oft nicht um den Bedarf von Künstlern oder, dass auch unsanierte Räume attraktiv sein können. „Die Freie-Künstler-Szene und die Immobilienbesitzer-Szene überschneiden sich nicht unbedingt“, sagt Settele. Sie will mit dafür sorgen, dass sich das ändert.
