Radiergummis hinter Glas: Kunst findet ein Plätzchen am Kohlenmarkt in Regensburg

Von Benedikt Baumgartner · 4. September 2024 um 17:00

Auf der gelben Hausfassade prangt nach wie vor der alte Name: Christa am Kohlenmarkt. Doch was drauf steht, ist nicht mehr drin. Nach vielen Jahren hat der Deko- und Einrichtungsladen von Christa Schlosser geschlossen. Eingezogen ist in das Ladenlokal ist die Art Up Gallery von Thomas Thalhammer. Wobei der Künstler gleich einschränkt: „Eine Galerie ist es nicht wirklich. Ich habe nicht mal einen Schlüssel für den Laden.“

Hinter dem großen Schaufenster hat er ein Radiergummi-Kunstwerk ausgestellt, dazu zwei große Sammelboxen für die kleinen Gummi-Stumpen. Von der Lage, an der er sein Werk nun präsentieren kann, ist der freischaffende Bildhauer begeistert. Er deutet quer über den Kohlenmarkt zum Alten Rathaus: „Gegenüber von der Oberbürgermeisterin, das ist die gute Stube der Stadt.“

Erfrischung für den Geist

Seine Ambitionen mit dem Schaufenster-Projekt verdeutlicht Thalhammer mit einer Anekdote. Als er vor vielen Jahren in München die Ludwigstraße entlangradelt – Banken, Versicherungen, Autohäuser säumen den Weg –, passiert er ein Schaufenster, das ihn wenige Meter weiter innehalten und umdrehen lässt: Hinter der Glasscheibe sitzen zwei ganz in weiß gewandete Frauen an einem großen, uralten Baumstamm und machen mit Pinzetten an der Rinde herum. Thalhammer sieht ihnen eine Zeit lang zu. Er rätselt, was er da sieht. Plötzlich zwinkert ihm eine der Frauen zu. „Da habe ich erst verstanden, das ist eine Kunstaktion.“ Thalhammer will einen solchen Effekt auch am Kohlenmarkt erzielen, dem Auge und dem Geist des Betrachters einen neuen Impuls geben, etwas Erfrischendes.

Nutzungsdauer ist ungewiss

Zu dem Laden ist Thalhammer gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Über einen Bekannten habe er vom Leerstand erfahren und bei der Besitzerin angefragt. Anfang August konnten seine Radiergummis das Schaufenster bereits beziehen. Wie lange sie bleiben können, ist laut Thalhammer „völlig offen“. Auch was aus dem Ladenlokal werden soll, weiß Thalhammer nicht. „Wenn ich das Signal kriege, das geht noch eine Weile so weiter, dann werde ich das auch mal austauschen“, sagt er zu den ausgestellten Kunstwerken.

Räume für Künstler sind rar

Viel Erfahrung mit zeitweisem Zur-Verfügung-Stellen von Räumlichkeiten für die Kunst hat der Kunstverein Graz in den vergangenen Jahren gemacht. Bei der zweifachen Suchen nach einer neuen Heimat habe der Verein auch Zwischennutzungen in teils seit vielen Jahren leerstehenden Gebäuden angefragt, berichtet Vereinsvorsitzender Jörg Haala. In der Oberen Bachgasse konnten sie schlussendlich für zwei Jahre Räume beziehen, bis die Renovierung der Immobilie in Fahrt kam. Ansonsten lautete der Tenor: Man wisse nicht, wie es mit dem angefragten Haus weitergehe, daher wolle man keine Räume an den Kunstverein vermieten.

Mehr Offenheit gefordert

Die Offenheit für zwischenzeitliche Nutzungsmöglichkeiten für Künstler könnte deutlich größer sein, sagt Haala. Thomas Thalhammer ist vor seinem Schaufenster am Kohlenmarkt froh, den Leerstand zumindest optisch zu beleben. Zwingend erforderlich ist der Raum für sein Schaffen nicht. Der pensionierte Kunstlehrer arbeitet in seinem Atelier in der Von-der-Thann-Straße 21 und stellt dort auch gelegentlich aus. Kleinplastiken präsentiert er dort von 11. bis 13. Oktober, jeweils von 13 bis 18 Uhr. Als er den Termin nennt, kommt Thalhammer doch noch einmal auf das Thema Platz zu sprechen. Denn der wird in seinem Atelier doch immer weniger, je mehr er schafft. Auch aus diesem Grund habe er sich auf Kleinplastiken verlegt. Größere Objekte aus Holz mache er nur noch ab und zu.

Zumindest drei solcher Holz-Skulpturen – die überdimensionierten Radiergummis als Sammelboxen sowie den Schaukasten mit den runtergerubbelten Gummis kann er zwischenzeitlich auslagern in sein Schaufenster am Kohlenmarkt, das innehalten lässt.