Wie viel Solarenergie verträgt die Stadt? Hitzige Diskussion um dritte PV-Anlage in Rötz

Die Regionalwerke Landkreis Cham planen einen Solarpark in Kleinenzenried – und die Anwohner fühlen sich offenkundig überrumpelt.
„Fast komplett Kleinenzenried ist da“, stellte Bürgermeister Dr. Stefan Spindler bei der Stadtratssitzung am Dienstag denn auch fest. Vor drei Jahren, erläuterte er, habe es schon Pläne des Flächeneigentümers gegeben, einen Solarpark zu errichten. Nun wolle dieser sie gemeinsam mit den Regionalwerken umsetzen. Der Großteil der Anwohner habe davon aus der Zeitung erfahren. Daraufhin sorgte das Thema schon im Vorfeld für viel Wirbel.
Der zunächst geplante Ablauf war, dass die Regionalwerke erst nach dem Aufstellungsbeschluss eine erste informelle Abstimmung mit den Anliegern anbieten, in der diese Bedenken und Anregungen vorbringen können – nun wird die Reihenfolge sich ändern. Zunächst jedoch stellte Martin Ritt, Vorstand bei den Regionalwerken, im Stadtrat deren Ziele vor, im Bereich Wind und PV nennenswerte Mengen an Energie zu gewinnen, zu speichern und zu vermarkten. Nach dem Baurecht sei der Aufstellungsbeschluss notwendig – den gab es aber am Dienstag noch nicht, wie sich später zeigen sollte.
„Es wird eine kommunale Anlage, die nie einem privaten Investor gehören wird“, unterstrich Ritt. Auch werde es die Möglichkeit einer finanziellen Bürgerbeteiligung geben, in welcher Höhe, könne man noch nicht sagen. In der heimischen Wirtschaft werde man sich auf die Suche nach Direktlieferverträgen machen.
Maximal fünf Meter Höhe
Mit der Planung haben die Regionalwerke die Firma Reg Power aus Regensburg beauftragt, die nach Aussage von Geschäftsführer Cornelius Herb gerade ein ähnliches Projekt zur Realisierung gebracht hat. Projektingenieur Dominik Lenz stellte die Pläne für Kleinenzenried vor: Es soll sich um Modulreihen von maximal fünf Meter Höhe handeln. Benötigt würden Wechselrichter, Batteriespeicher, Trafostation und Übergabestation sowie eine zwei Meter hohe Umzäunung mit einer Durchgängigkeit für Kleintiere.
Durch das Batteriespeicherkonzept könne man gespeicherte Energie auch an der Börse verkaufen. Die geplante Länge für die Kabeltrasse seien zwei Kilometer – wäre der nächste Netzverknüpfungspunkt zu weit entfernt, wäre das Ganze nicht wirtschaftlich, so Lenz.
Tino Gmach (FW) leitete die nachfolgende, etwa eineinhalbstündige Diskussion ein mit der Frage, warum man nicht vor einer Beschlussfassung mit den Anwohnern gesprochen habe, Markus Riederer (FW) war derselben Meinung. Dass man den Einsatz erneuerbarer Energien befürworte, schickte bei der Debatte jeder der Redner im Stadtrat seiner Kritik an der Vorgehensweise in diesem Fall voraus – und das ist keine Floskel, das Gremium war den Regionalwerken schließlich nach einstimmigem Beschluss beigetreten.
Doch die Stadt habe, wie Markus Dirscherl (LU) sagte, schon zwei große Solarparks. Der potenzielle dritte Standort befinde sich nah an der Wohnbebauung. Er und Stephan Rötzer (WGS) hatten ein Meinungsbild aus Kleinenzenried eingeholt, „und die Leute, die da waren, sind mehrheitlich skeptisch“.
Beide sind wie auch Georg Braun (LU) der Meinung, man hätte zunächst die Bürger einbinden müssen. Unter diesen herrsche Unsicherheit, so Rötzer. Benedikt Christoph (FW) war der Ansicht, bei einem so sensiblen Thema „hätte der Bürgermeister selbst“ mit den Anliegern reden müssen, Spindler verwies auf eine terminliche Verpflichtung am Freitag. Wie der Bürgermeister erklärte auch Johann Stibich (LU), dass von der Planung her „nichts in trockenen Tüchern“ sei – ein Aufstellungsbeschluss bedeute noch nicht, dass auch gebaut wird – und stellte die Frage, mit welchen (teils noch nicht vorhandenen) Informationen man denn auf die Bürger zugehen solle. Man würde sie vielleicht nur verunsichern. „Im Bauleitplanverfahren wird jeder Betroffene gehört, kann die Planung anschauen und Änderungen einbringen“, so Stibich.
Wichtig, so Spindler, sei der Netzanschlusspunkt, eine neu gebaute Straße wolle man dafür nicht „aufackern“. Das Problem: Ohne den Aufstellungsbeschluss bekomme man keine Auskunft vom Netzbetreiber, wo der Anschluss möglich sei.
Georg Reitinger (LU) verwies darauf, dass in Rötz schon einiges umgesetzt worden sei und war der Meinung, dass die Flächen aus dem Gemeindegebiet nicht unverhältnismäßig überregional zur Verfügung gestellt werden sollten. Seine Frage, wo Rötz in punkto Produktion und Verbrauch stehe, konnte nicht konkret beantwortet werden.
Peter Wolf (CSU) fand die Idee, Firmen zu beteiligen, „grundsätzlich gut“: Ob es nicht möglich sei, bei Firmen selbst anzufragen, ob sie Flächen zur Verfügung stellen können? In das „landwirtschaftlich schöne Tal mit Wohnbebauung“ passe die Anlage nicht. Auf eine Frage von Karl Heinz Hofmann (CSU) entgegnete Ritt, dass es gesetzlichen Vorgaben geschuldet sei, wenn PV-Anlagen an Sonnentagen „weggeschaltet“ würden. Nach etwa einer Stunde Diskussion stellte Andrea Breu (CSU) fest, es gehe „nur um den Standort“. Für Hans-Jürgen Porsch (FW) ist die Anlage „überdimensioniert“ im Vergleich zur Wohnbebauung.
Erst die Versammlung
Wolfgang Babl (LU) stellte den Antrag, das Thema intern zu besprechen und den Beschluss zu vertagen, denn „heute haben wir zum ersten Mal konkrete Zahlen bekommen.“ Er stellte in den Raum: „Wie viel Photovoltaik verträgt eine Gemeinde?“ und fragte, ob die Regionalwerke nicht den Strom der beiden vorhandenen Solarparks nutzen könnten. Auf diese habe man keinen Zugriff, so Ritt, „wir brauchen ein eigenes Portfolio“.
Der Antrag Babls, den Aufstellungsbeschluss zu vertagen und erst eine Informationsversammlung für die Bürger abzuhalten, wurde mit 15 zu zwei Gegenstimmen (Spindler und Stibich) angenommen.
Die Pläne der Regionalwerke Landkreis Cham für Kleinenzenried
Hintergrund: Die Regionalwerke Landkreis Cham wurden am 20. Dezember 2023 gegründet. Zu ihnen gehören 37 Gemeinden und der Landkreis Cham.
Pläne: Die Regionalwerke planen nahe Kleinenzenried auf den Grundstücken Fl.Nr. 1213 und 1224 der Gemarkung Bernried eine Freiflächen-Photovoltaikanlage zu errichten. Voraussetzung für die Umsetzung ist, ein Bauleitplanverfahren einzuleiten, um die planungsrechtlichen Grundlagen dafür zu schaffen. Auf der Agenda stand im Stadtrat die „Bauleitplanung zur Ausweisung einer Freiflächen-Photovoltaikanlage im Ortsteil Kleinenzenried und Änderung des Flächennutzungs- und Landschaftsplanes im Parallelverfahren; Aufstellungsbeschluss“.
Details: Bei der Ausrichtung wäre laut Projektingenieur Lenz Süd oder Ost/West möglich, was eine Leistung von maximal 6150 oder 7800 kWp mit sich brächte. Als Baubeginn wäre Mitte 2026 veranschlagt, die Inbetriebnahme im dritten Quartal. Die Lebensdauer der Anlage soll 30 Jahre betragen, dann soll die Fläche in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Es soll Ökostrom für 2000 Haushalte erzeugt werden, die Planung mit Rücksicht auf Umwelt und Bevölkerung erfolgen. Eine Biologin habe die Fläche bewertet, es seien keine geschützten Arten gesichtet worden, wobei man wegen der Bodenbrüter noch abwarten müsse.