In letzter Sekunde aufgepäppelt: Vier Osterhasen aus Cham mit Glück im Unglück

Sie waren fünf winzige Osterhasen am falschen Ort. Am Ostersamstag saßen sie zusammengekuschelt unter einem Baum vor der „934 Beachbar“ der Stadthalle ich Cham. Dort hatte ihre Mutter sie zur Welt gebracht. Mitfühlende Passanten haben sie gerettet. Gut gemeint, aber aus mehreren Gründen nicht die richtige Entscheidung.
„Autos, viele Leute, falscher Ort“, sagt einer der Finder zu Cathrin Röhricht von der Tierhilfe Weiding. Das ist alles richtig, aber die fünf Hasenkinder sind zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem falschen Weg. Zum Glück hat Röhricht die richtige Abzweigung und bringt die Junghasen zu Tierpäpplerin Antje Weichmann.
Das kleinste Hasenkind ist bereits mehr tot als lebendig, und schafft den nächsten Tag nicht. „Man muss es ganz klar sagen: Finger weg von Wildtieren! Die Polizei informieren, weil die den Jäger kennt. Der entscheidet. Alles andere ist illegal“, sagt Weihmann.
Vorsicht mit Wildtieren!
Die Entnahme eines Wildtieres aus seiner Umgebung ist verboten. Nur der zuständige Jäger darf entscheiden, was passieren soll. Weichmann schildert das Problem so: „Ob Kitz oder Junghase, beide haben keinen Eigengeruch. Werden sie vom Menschen angefasst, nimmt die Mutter sie nicht mehr an.“ In diesem Fall hat die Mutter die Jungen unter dem Baum bei der Stadthalle bekommen. Wenn sie weggeht, warten die Junghasen auf sie, damit sie ihre Milch bekommen. Darin ist das lebenswichtige Kolostrum, das auch Vormilch genannt wird. Es ist reich an Immunglobulinen und anderen wichtigen Nährstoffen, die das Immunsystem stärken und vor Infektionen schützen.
Man muss es ganz klar sagen: Finger weg von Wildtieren! Die Polizei informieren, weil die den Jäger kennt. Der entscheidet. Alles andere ist ilegal!
Antje Weichmann, Tierpäpplerin
Nun hatte Weichmann ein echtes Problem an der Backe: Sechs Mal am Tag füttern mit Pipette oder Fläschchen. „Mit einer Milch, die den kleinen Hasen nicht schmeckt, und zu der das Kolostrum hinzugefügt werden muss. Das ist schwierig, und man hat alle Hände voll zu tun, dass die Hasen die notwendige Menge bekommen.“
Zwischen 74 und 90 Gramm haben die Kleinen gewogen, als sie ankamen. „Die waren gerade geboren“, sagt Weichmann. Die Mutter hat die Jungen bei der Stadthalle zur Welt gebracht. Das, so die Tierpäpplerin, ist oft das Ergebnis aus der Tatsache, dass der geeignete Lebensraum immer mehr schwindet. „Dann weichen die Wildtiere in die Stadt aus.“
Ob die Mutter überlebt hat...
Ob die Mutter, die Milch für fünf Jungtiere gebildet hat, den anschließenden Milchstau überlebt hat, ist fraglich. „Wenn es den Kleinen wirklich schlecht gegangen wäre, hätte ein Jäger vielleicht drei zum Päppeln entnommen und ihr zwei gelassen“, sagt Weichmann.
Immer wieder erlebt sie, dass mitfühlende Naturfreunde Tiere bringen und damit erst den eigentlichen Fehler machen. „Das gilt auch für Ästlinge“, sagt sie. Ästlinge heißen Ästlinge, weil diese Vögel noch nicht richtig fliegen können, aber nicht mehr im Nest, sondern auf Ästen sitzen. Sie einzufangen und beim Vogelschutz abzugeben – auch keine gute Idee. Sie werden von den Eltern auch dort gefüttert.

Erst wenn so ein Vogerl entkräftet auf dem Boden liegt oder das kleine Eichhörnchen über die Hose hinaufklettert und um Hilfe bittet: mitnehmen und bei den Spezialisten abgeben. Selber aufziehen ohne Hintergrundwissen endet meist in einem traurigen Desaster. Weichmann warnt auch vor einschlägigen Seiten im Internet. „Da ist Vieles dann doch die falsche Gebrauchsanleitung...“
Vier der kleinen Hasen sind nun auf einem guten Weg. Sie trinken zwei Mal am Tag 50 Milliliter Milch und haben ihr Gewicht mit fast 500 Gram innerhalb von drei Wochen verfünffacht. Stillsitzen ist nicht so ihr Ding. Und Turbo heißt Turbo, weil er auf Fotos meist nur als verschwommener Strich zu erkennen ist. Nicht nur deswegen muss auch Antjes Mann Fred oft mithelfen: „Man weiß nie, wer schon dran war, und kennt sie einfach nicht auseinander“, sagt die Päpplerin.
Hasen kennen ihre Kräuter
Die Milch brauchen die Kleinen noch, bis sie mindestens acht Wochen alt sind. Manche trinken auch, bis sie ein Kilogramm wiegen. Immerhin sind die Kleinen friedlich. Es gibt auch Randalierer, die bei Fütterungsversuchen beißen und boxen.
Antje Weichmann scannt inzwischen schon Kräuter mit einer speziellen App. Sie füttert Vogelmiere, Schafgarbe, Löwenzahn, Haselnussblätter, ein wenig Weide und Kirschbaum zu. „Im richtigen Leben wissen Hasen ganz genau, was sie fressen müssen, wenn ihnen irgendwas fehlt. Die können sich richtiggehend mit Kräutern kurieren“, erzählt Weichmann.
Dann geht die Gartentür auf
Wenn die Kleinen so weit sind, dann dürfen sie aus dem selbst gebauten Gehege in den Garten. Dort wird Weichmann ihnen Quartiere aufstellen, in denen sie Schutz suchen können und ihnen noch eine Weile Futter anbieten. Irgendwann wird sie dann die Gartentüre aufmachen...
