Lehrgeld und Prüfstand: Nach dem Abstieg darf es beim SSV Jahn kein einfaches „Weiter so“ geben

Von Felix Kronawitter · 5. Mai 2025 um 15:41

Am 32. Spieltag ist das eingetreten, was sich schon lange zuvor angedeutet hatte. Fußball-Zweitligist SSV Jahn Regensburg, der Wiederaufsteiger, gibt prompt den Wiederabsteiger. Seit September zieren die Oberpfälzer das Tabellenende. Es war eine Mutation mit Ansage! Bei seiner ersten Station in neuer Rolle hat Achim Beierlorzer nach dem Aufstiegscoup nun auch Lehrgeld gezahlt. Auch er muss nun auf den Prüfstand. Eine kommentierende Analyse.

„Ich gehe davon aus, auch in der kommenden Saison weiterzumachen. Ich bin natürlich auch ehrlich und kritisch mit dem Vorstand und den Gremien im Austausch. Ich stelle mich der Kritik“, hatte der Sportchef nach dem 1:1 in Köln und dem damit verbundenen nun auch rechnerisch fixen Abstieg der Mittelbayerischen gegenüber zu Protokoll gegeben.

Ich gehe davon aus, auch in der kommenden Saison weiterzumachen.

Achim Beierlorzer, Sport-Geschäftsführer

In Regensburg rühmt man sich, kein Anhänger der Hire-and-Fire-Politik zu sein, die andernorts teils inflationär ausgeübt wird. Das ist einerseits zu goutieren. Andererseits darf diese Einstellung aber nicht dazu führen, dass man den Zeitpunkt verpasst, an dem es angebracht ist, zu reagieren. In Regensburg haben sie letztlich zu lange an Trainer Joe Enochs festgehalten. Die Hypothek, die er nach zehn Spielen und vier mageren Punkten seinem vorherigen Co-Trainer Andreas Patz hinterlassen hat, war groß.

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Mangel an Qualität im Kader des Jahn

Beierlorzer fiel es schwer, seinen Freund zu kegeln. Als (früherer) Trainer, der selbst auch die schmerzvollen Erfahrungen, entlassen zu werden, gemacht hat, zögert man da eher. Auch der Umstand, Patz zu befördern, wurde kritisch beäugt. Zurecht! Ein richtiger Neustart sieht anders aus. Patz hat alles versucht bei der Mission Impossible, das Ruder noch herumzureißen. Von Woche zu Woche wurde es aber offensichtlicher, dass es dem Kader schlichtweg an Qualität mangelt.

Aus Verzweiflung haben es die Regensburger noch mit einem Torwartwechsel probiert. Einen neuen Impuls hätten sie aber auf der Trainerposition gebraucht. Denn neue Coaches können im Idealfall dafür sorgen, dass eine Mannschaft, die qualitativ nicht ausreichend besetzt ist, Schwung bekommt und zwischenzeitlich sogar überperformt. So wie das in Regensburg in der Hinrunde der Drittliga-Saison der Fall gewesen ist. Als Rückrunden-Achtzehnter hatten sie sich gerade noch in die Relegation gerettet. Die Beispiele der Mitaufsteiger aus Münster und Ulm zeigen, dass es im Abstiegskampf auch den Mut braucht, schwierige, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Man darf nichts unversucht lassen.

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Zu viele Spieler mit Zweitliga-Vertrag ausgestattet

Dass nicht wenige Jahn-Fans Beierlorzer als Schatten-Trainer sehen und kritisieren, das hat er sich durchaus auch selbst anzukreiden – durch seine starke Präsenz auf und neben der Trainerbank. Ankreiden lassen müssen sich die Verantwortlichen auch, nicht mehr im mentalen Bereich gearbeitet zu haben. Ein fester Teampsychologe fehlt. Die Diskrepanz zwischen Heim- und Auswärtsauftritten zeigt, dass hier nicht nur ein Qualitätsproblem vorliegt. Warum hat man nicht noch einen Mentalcoach dazugeholt? Schier aussichtslose Situationen erfordern auch mal unkonventionelle Maßnahmen, wilde Dinge. In Regensburg hat man sich gefühlt seinem Schicksal einfach gefügt.

Um die Gründe für den Abstieg zu eruieren, muss man weiter zurückblicken. In den Sommer 2023. Dass Beierlorzer und Enochs es geschafft haben, ein fast völlig neuformiertes Team zum Aufstieg zu führen, das war eine starke Leistung. Beierlorzer und seine Mitstreiter haben es aber versäumt, Klauseln in Vertragswerke einzubauen. 25 Akteure hatten nach dem Aufstieg einen gültigen Zweitliga-Vertrag. Das war viel zu viel des Guten. Bittroff, Eisenhuth, Anspach und Co. blockierten Kaderplätze und Budget für weitere, zweitligafähige Neuzugänge.

Mit Christian Kühlwetter, Sebastian Ernst und Kai Pröger haben sich die Regensburger nach dem Aufstieg sogar durchaus prominent verstärkt, es fand sich aber nie ein schlagkräftiges Team. Es hätte stärker justiert werden müssen. Der Einbruch in der Drittliga-Saison hätte Warnung genug sein müssen. Im Winter wurde ein neuer Viererpack verpflichtet. Qualitativ gab das dem Jahn schon ein Schübchen, mehr aber auch nicht. Die Verantwortlichen müssen sich auch hinterfragen, warum sie es nicht geschafft haben, Aufstiegsheld Dominik Kother wieder zu integrieren. Der Flügelflitzer schießt jetzt Dresden zum Aufstieg. Sehr ärgerlich! Ein Mann mit individueller Qualität. Solche Akteure fehlten in dieser Spielzeit beim Absteiger.

Neue Gesichter erforderlich beim Neustart des Jahn

Wie soll es nun weitergehen beim Jahn? Die handelnden Personen müssen auf den Prüfstand. Zu einem Neuanfang gehören neue Gesichter, die eine Aufbruchstimmung erzeugen. Ein Verbleib von Patz ist da nur schwer vorstellbar. Der 41-Jährige ist sicher kein schlechter Trainer, der Jahn braucht jetzt aber frischen Wind.

Und Beierlorzer? Der Sport-Geschäftsführer, der selbst von einem Verbleib beim künftigen Drittligisten in Regensburg ausgeht, hatte vor der Partie in Köln ein interessantes Interview bei Sky gegeben, und dabei eingestanden, dass ihm der Trainerjob schon besser gefalle und er ihn auch ein bisschen vermisse. Aber auch seinen aktuellen Job mache er „wahnsinnig gerne“. Das waren ehrliche Worte, die deplatziert wirkten in der aktuellen Situation.

Ist er der Richtige, um den Jahn wieder in die Erfolgsspur zu führen? Diese Frage muss er auch für sich selbst beantworten. Auch mit Blick darauf, ob ihn nicht eine Rückkehr in ein Traineramt mehr reizen und vielleicht auch besser passen würde. Ein einfaches „Weiter so“ darf es jedenfalls nicht geben. Jetzt sind auch Oliver Hein, Hans Rothammer und Co. gefordert. Die Gremien müssen alles auf den Prüfstand stellen.